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Interview von Karsten Wollbrück, Betreiber des Alkoholikerforums mit Herrn Dr.med.Helmut Kolitzus
Karsten W.
Sie haben die Bücher "Die Liebe und der Suff..." und "Ich
befreie mich von Deiner Sucht" geschrieben. Diese Bücher beschreiben die
Themen Sucht und Coabhängigkeit. Was verstehen Sie unter Coabhängigkeit?
Dr.Kolitzus
Coabhängigkeit ist „Die Sucht, gebraucht zu werden“ – nach dem Titel
eines Bestsellers von Melody Beattie. Was z.B. die Flasche für den Alkoholiker,
wird der Süchtige für den Co: ein Suchtmittel, von dem er nicht mehr loslassen
kann und will. Der Begriff entstand in den 70er Jahren in den USA im Kreis von
Betroffenen. Ich lernte ihn 1989 kennen bei Sierra Tucson, Arizona, einer der führenden
Suchtkliniken nach Hazelden und Betty Ford. Meine Praxis in München habe ich
schon mit diesem Begriff annonciert 1991. Damals konnte kaum jemand etwas damit
anfangen.
Das Jahr 2000 wurde dann auf meine Initiative hin zum „Jahr der Angehörigen
Suchtkranker“. Seitdem hat sich für die Angehörigen – 8 Millionen in
Deutschland ! – einiges getan, aber noch längst nicht genug. Sie leiden ja
lange Zeit viel mehr als die Suchtkranken, die ihre Gefühle betäuben. Bis auf
Professor Klein in Köln (www.addiction.de)
gibt es kaum Forschung in Deutschland. Hier besteht ein großer Nachholbedarf,
z.B. Thema Psychosomatik: In manchen Kliniken sind bis zu 80 % der PatientInnen
Co s – ohne dass das Thema wirklich bearbeitet wird.
Karsten W.
Wo sehen Sie die Ursachen, dass ein Coabhängiger unbedingt einen suchtkranken
Menschen helfen möchte? Kann ein Coabhängiger überhaupt einem Alkoholiker
helfen?
Dr.Kolitzus
Viele Coabhängige kommen ja aus Suchtfamilien und hoffen nun, dass das, was
z.B. beim trinkenden Vater nicht geklappt hat, beim Partner funktioniert: ihn
„trocken zu legen“. Vor allem Töchter von Suchtkranken sind gefährdet,
sich Männer zu suchen, die in irgendeiner Weise „pflegebedürftig“ sind.
Das muss nicht mal unbedingt das Thema Alkohol sein. Das Motto „Ich tue alles
für dich“ führt paradoxerweise nicht zu mehr Gesundheit, sondern verlängert
die Krankheit, da der Suchtkranke die Folgen seines Handelns nicht zu spüren
braucht. Leidensdruck ist notwendig, um sich zu ändern. Also: Hilfe durch Nicht-Hilfe. Vor allem: Kein Geld geben!
Karsten W.
Wie kann ein Coabhängiger sich von seiner eigenen Sucht, der Coabhängigkeit
befreien? Braucht er dazu auch einen persönlichen Tiefpunkt, wie der Süchtige
selbst?
Dr.Kolitzus
Jein! Der Leidensdruck muss letzten Endes stärker sein als die positiven
Seiten. Damit sind wir auch bei den Hintergründen, der Psychodynamik der Coabhängigkeit:
Ich habe ja auch gewisse Vorteile: Ich bin gesünder. Meine Fehler bleiben im
Dunkeln, da alle Aufmerksamkeit dem
Süchtigen gilt. Ich habe mehr Macht! Und einen Sinn im Leben. –
Auch ohne Psychotherapie im engeren Sinne kann eines sehr wirksam sein: Dem
Kranken einen BRIEF schreiben! Nicht mehr diskutieren, das bringt gar nichts.
Von sich sprechen, von den eigenen Gefühlen. Sich an konkreten Ereignissen
orientieren, keine Allgemeinplätze. Dann eine Bilanz ziehen – und z.B. ankündigen:
„Ich wende mich meinem eigenen Leben wieder zu. Ich suche mir eigene Freunde,
gehe selbst in Gruppen, mache meine Therapie.“ Etc. Eventuell ist auch ein
Ultimatum sinnvoll nach langer Leidenszeit. Das Zauberwort heißt immer
„LOSLASSEN“. „Liebe Deinen Nächsten – nicht zu vergessen – wie Dich
selbst!“
Karsten W.
Wie sehen Sie die Gefahr der Rückfälligkeit eines Coabhängigen? Suchen sich
Betroffene bewußt einen Partner, wo sie ihre Coabhängigkeit wieder ausleben können?
Dr.Kolitzus
Wer aus einer gesunden Familie kommt, merkt schnell, was los ist. Die Wahl ist
in der Tat meistens unbewusst. Melody Beattie hat mal so schön gesagt, dass sie
in einem Raum mit 50 Männern sich innerhalb kürzester Zeit intuitiv den mit
den meisten Problemen herausfischt…
In unseren Therapien sind viele ansonsten intelligente und vernünftige
Frauen, aber auch Männer, erschrocken, was sie da lange Zeit gemacht haben. Oft
geht es hier auch um den Freundeskreis. Dort gibt es genauso viele Anlehnungsbedürftige…Die
Gefahr des Rückfalls besteht immer – wie bei der Sucht selbst. Wenn der Co
keinen anderen Lebenssinn findet als die Hilfe, wird es eng. Manche wollen ja
„die Götter überflüssig machen“. Man ist ja so großartig in seinem
Helfersyndrom.
Dasselbe findet auch im Bereich der Arbeit statt: Seit über 20 Jahren
veranstalte ich Seminare zum Thema „SUCHT UND CO AM ARBEITSPLATZ“ – bis
hinauf zur Regierung von Oberbayern, dem BND und der Bayerischen Staatskanzlei,
bei großen Firmen etc.
Eigentlich sollte es heißen „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“.
Leider wird oft viel zu lange weggeschaut, bevor man eingreift und den
Betroffenen (auch im Interesse seiner Angehörigen!) vor die Alternative stellt:
Flasche oder Arbeitsplatz. Hindernis auch hier die Coabhängigkeit: Jeder weiß
es, keiner traut sich. Dienstvereinbarungen helfen hier, aber sie müssen gelebt
werden.
Ganz wichtig: Ein Alkomat! Wie im Straßenverkehr, wo sie indirekt schon viel
Unheil verhütet haben.
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Karsten W.
Die von Ihnen geschriebenen Bücher sind ja eine Autorität auf dem Gebiet der
Suchterkrankung und Coabhängigkeit. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Dr.Kolitzus
Bei Betroffenen habe ich in der Tat einen sehr guten Ruf, auf den ich stolz bin.
Fachleute wollen bei dem Begriff Coabhängigkeit meistens nicht anbeißen, aus
welchen Gründen auch immer. Vielleicht fühlen sich viele in Ihrer eigenen
Haltung ertappt, die sie nicht aufgeben wollen?! Die Fachwelt, darunter auch meine KollegInnen in der Deutschen Gesellschaft für
Suchtforschung, bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen DHS, der bisher
einzige Sucht-Professor Dr.Karl Mann etc. sollten sich endlich den Coabhängigen
widmen.
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Die Gesellschaft ist in vielen ihrer Institutionen coabhängig, erlaubt
sich viel zu viel Toleranz gegenüber der Sucht und ihren Folgen. (Eine positive
Ausnahme: Die sich anbahnende Raucher-Gesetzgebung. Hier werden endlich auch die
unfreiwilligen Mit-Raucher geschützt!)
Am 1.Oktober dieses Jahres sind es 10 Jahre seit Erscheinen von „Die Liebe
und der Suff…“ (die die Menschen uffregen, wie die Berliner sagen). Nicht
wenige fragen mich „Woher kennen Sie meine Geschichte?“ Ich versuche, aus
der Praxis für die Praxis zu schreiben, fachlich auf einem hohen Niveau, aber
immer allgemeinverständlich. Besonders wichtig ist mir der Humor, den man
bekanntlich nie verlieren sollte. Wer lacht, hat – meistens – auch etwas
begriffen.
1998 wurde einige tausend Exemplare an Internisten und Hausärzte verteilt.
Ich hätte mir mehr Wirkung erhofft. „Arzt und Alkoholiker gehen sich aus dem
Weg.“ Dabei begegnen sie sich andauernd, ohne aber über das entscheidende
Thema zu sprechen. Darunter leiden indirekt natürlich die Angehörigen, die
viel zu wenig Unterstützung erfahren.
Ganz wichtig sind für die Popularität von Büchern immer Medienauftritte.
So war ich in der „Sprechstunde“ von Dr.Kühnemann, bei „Fliege“, im
„Nachtcafe“, „Fragen an den Autor“ bei Dr.Albers, „Brisant“ etc.etc.
Der erste Auftritt war schon 1986 in der „Suchtwoche“ des ZDF. Inzwischen
sind es über hundert.
Karsten W.
Können Sie bitte in einigen Sätzen den Inhalt Ihrer Bücher beschreiben?
Dr.Kolitzus
Da möchte ich gerne auf meine Homepage www.kolitzus.de
verweisen. Also: Es geht – immer anhand von „Fällen“, d.h. individuellen
Schicksalen, um Entstehung, Hintergründe und Verlauf der Sucht, um die
Therapiekette, um die Rollen der Coabhängigen. Es gibt Tests , Hinweise zur Prävention,
wichtige Homepages und Adressen, Literatur.
Ein mit einer Ausländerin befreundeten Alkoholiker beklagte sich stets über
ihr schlechtes Deutsch. Sie würde auch ganz wenig lesen, nicht mal
Illustrierte. Meine Bücher hat sie dann in kürzester Zeit verschlungen…
Man kann alles sagen. Es darf aber nie langweilig sein.
Karsten W.
Vielen Dank für dieses Interview Herr Dr.Kolitzus
Dr.Kolitzus
Dank meinerseits! Viel Erfolg für Sie persönlich und Ihre Arbeit!
Fragen an mich gerne – nach Lektüre meiner Bücher! – über dr.h.kolitzus@arcor.de.
Hilfreich sicher auch mein Buch „DAS ANTIBURNOUT-ERFOLGSPROGRAMM“ (dtv 2003,
5.Auflage) mit vielen Tips für ein schöneres Leben entsprechend dem Untertitel
„Gesundheit, Glück und Glaube“.
Weitere Projekte sind in Arbeit, aber noch wird nichts verraten.
Anmerkung: Die von Herrn Dr.Kolitzus geschrieben Bücher können
über den Amazonhandel bezogen werden.
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Kurzbeschreibung In Deutschland gibt es über acht Millionen Kinder, PartnerInnen, Eltern oder Arbeitskollegen, die von der Suchtkrankheit eines Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung betroffen sind. Bisher kümmert sich unsere co-abhängige Gesellschaft mit all ihren Institutionen einseitig um die Süchtigen. Die Angehörigen sind dagegen ohne Lobby und leiden im Stillen lange Zeit stärker als die Suchtkranken. Nur selten finden sie die Kraft, den Teufelskreis der Co-Abhängigkeit ohne Hilfe durch Psychotherapie oder Selbsthilfegruppen zu durchbrechen. Helmut Kolitzus wendet sich in seinem neuen Buch direkt an die Angehörigen von Suchtkranken. Am Beispiel einzelner Schicksale und Therapieverläufe aus der Praxis entwirft er ein Bild der Problematik und der Lösungsmöglichkeiten. Angehörigen wie Fachpersonal aus Helferberufen werden damit Wege aus der Sucht bzw. Co-Abhängigkeit aufgezeigt, die zwar häufig beschwerlich, aber für alle Beteiligten hilfreich sind.
zu
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Kurzbeschreibung
Ein praktischer Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Therapeuten. Mit vielen Fallbeispielen aus der Praxis. Zur Prävention von Sucht in der Gesellschaft.
zu
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Dieses Gespräch wurde im April 2007 geführt. |
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