| Mein Vater zurück aus der Depressionsklinik • Die Hoffnung stirbt zuletzt... |
|
|
| Autor |
Nachricht |
|
|
Meausekind neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 21.12.2007 Beiträge: 6
|
Verfasst am: 25.12.2007, 19:48 Titel: lange vorbei... |
|
|
Hallo Ihr alle,
nachdem ich nun seit einigen Tagen versuche mitzulesen, möchte ich auch meinen Seelenstrip vollführen
Lange vorbei ist natürlich sehr provokant, aber fangen wir am Anfang an.
Meine Mutter ist Alkoholikern. Sie hat angefangen zu trinken als ich noch klein war, ich schätze mal so sechs ooder sieben (heute bin ich 23). Zum ersten Mal habe ich das bemerkt, als ich eine leere Schnapsflasche unter meinem Bett gefunden habe. Die hatte sie dort versteckt. Ich bin mit der Flasche in der Hand nach unten gelaufen, hielt sie in der Hand und fragte, wer sich da einen Scherz erlaubt hat. Alkohol war immer ein Thema in der Familie, eine Flasche Korn also nichts Besonderes. Aber unter meinem Bett? Naja, meine Mutter schnappte mich und ging mit mir raus. Sie sagte mir, dass ich das auf gar keinen Fall dem Papa sagen dürfte, weil es dann großen Ärger geben würde... Habe ich natürlich überhaupt nicht verstanden, aber wenn das dann so ist. Einige Jahre später ist sie dann bei einer Veranstaltung zusammengebrochen und für eine Entgiftung in die Klinik gekommen. Seit dem Tag war es offiziell: Meine Mutter ist Alkoholikerin. Sie hat den Absprung aber nicht geschafft. Mein Vater verdiente eine Menge Geld, wir waren die Vorzeigefamilie aber das brach jäh zusammen. Mein Vater konnte das alles nicht mit ansehen und hat sich für einen Einsatz im Ausland gemeldet. Ein Jahr USA. Ohne und Kinder und ohne meine Mutter. Sie hat getrunken bis zum umfallen, meine Großeltern nebenan und die anderen nicht weit weg haben zugeschaut. Mein kleiner Bruder und ich (damals etwa 10) waren quasi auf uns allein gestellt
Nachdem das Jahr rum war, war es zu Hause immer noch nicht besser, also hängte mein Vater noch Zeiten in Spanien, Südafrika und wo auch immer an. Meine Mutter machte wärend der Zeit immer wieder Entgiftungen, dann endlich einen "echten" Entzug. Ruhe. Sie war etwa ein Jahr trocken, was für uns schon etwas besonderes war. Dann wieder ein Rückfall
Mein Vater war wieder zu Hause, fing auch an immer mehr zu trinken. Irgendwann hatte er auf einer Feier so viel getrunken, dass er auf dem Heimweg in einen Graben gefallen ist. Wenige Tage später lag er in einer Uniklinik 300 km weit weg und wir bangten um sein Leben. Er hatte in dem Graben irgendwelche Bakterien in seinen Körper bekommen, die jetzt sein Leben am seidenen Faden hängen liessen. Sechs Wochen künstliches Koma. So lang mein Vater vor mir, mein kleiner Bruder sass neben mir und meine betrunkene und zu dieser Zeit tablettenabhängige Mutter hinter uns.
Mein Vater hat überlebt.
Irgendwann wieder ein Entzug für meine Mutter und Einbindung in Form von Tagesseminaren für meinen Vater.
Sie wurde wieder Rückfällig.
Ich habe dann mit fast 18 eine Therapie angefangen, weil ich so weit hin war, dass ich keinen Plan mehr für mein (junges) Leben hatte, nervlich total zerstört. Gott sei Dank hatte ich einen Menschen, der mich an die Hand genommen hat und in vielen intensiven Gesprächen und durch einfach nur Zuhören es geschafft hat, dass ich mich anvertrauen konnte.
Dann lernte ich meinen heutigen Mann kennen, zog zu Hause aus und mein Leben hat sich geordnet. Es hat weg getan sich von meiner Mutter zu distanzieren, aber es hat mir gut getan und ihr auch.
Zu unserer Hochzeit vor fast drei Jahren hatte ich sie eingeladen unter der Bedingung, dass sie trocken ist. Ich war fest entschlossen sie rauszuschmeissen, wenn sie betrunken gewesen wäre. Zwei Tage vor der Hochzeit hat sie aufgehört zu trinken und ist seither trocken!
Ich habe viel gelernt, über Gefühle, Einstellungen und die Misere zwischen der Krankheit und den eigenen Bedürfnissen zu stehen. Meine Mutter ist ein herzensguter Mensch, ich werfe ihr die Fehler, die sie während ihrer schlimmsten Zeiten gemacht hat nicht mehr vor, aber sie muss akzeptieren, dass ich in dieser Zeit sehr gelitten habe und immer eine Distanz zwischen uns ist. Seitdem wir versuchen Verständnis dafür zu entwickeln, klappt es sehr gut. Aber das geht wohl nur, wenn der Elternteil trocken ist.
Zum Schluss noch ein Gedicht, welches mit selbst deutlich gemacht hat, was ich gefühlt habe.
Schlag mich, damit ich meinen
Schmerz spüren kann.
Tret mich, damit meine Wunden
sichtbar werden.
Würg mich, damit mir meine
zugeschnürte Kehle den Atem nimmt.
Verprügel mich, damit ich weinen kann.
Verlass mich, damit ich einsam sein kann.
Bring Dich um, damit ich es nicht tun muss.
So, das war`s dann erstmal von mir,
liebe Grüsse
Meausekind |
|
| Nach oben |
|
| Meausekind hat zum Thema: lange vorbei... geschrieben
|
|
 |
summerdream Moderatorin

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 05.02.2007 Beiträge: 6713
|
Verfasst am: 28.12.2007, 07:34 Titel: Re: lange vorbei... |
|
|
hallo meausekind!
herzlich willkommen hier im forum!
puh, da hast du verdammt viel mitmachen müssen, um so schöner zu hören, dass deine mutter inzwischen trocken ist!
ehrlich gesagt weiß ich etz gar net genau, was ich dir noch schreiben soll bzw. was du hören möchtest... sorry
willst du mit deinem post mut machen oder möchtest du dich austauschen und über alles reden - was war und was etz noch alles in deinem kopf rumspukt?
über deine ängste und sorgen und vielleicht bestimmte verhaltensweisen die du aus deiner kindheit mitgenommen hast...
liebe grüße |
|
| Nach oben |
|
| summerdream hat zum Thema: Re: lange vorbei... geschrieben
|
|
 |
Meausekind neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 21.12.2007 Beiträge: 6
|
Verfasst am: 28.12.2007, 10:16 Titel: Re: lange vorbei... |
|
|
Hi summerdream,
danke für Deine Antwort.
Nein, eigentlich wollte ich mich damit ausführlicher vorstellen. Fand es doof einfach loszuschreiben. So weiss jeder in etwa wer ich bin, woher ich komme und was mich heute beschäftigt
Liebe Grüße
Meausekind |
|
| Nach oben |
|
| Meausekind hat zum Thema: Re: lange vorbei... geschrieben
|
|
 |
simmie sehr aktiver Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 23.09.2007 Beiträge: 1878
|
Verfasst am: 31.12.2007, 12:24 Titel: Re: lange vorbei... |
|
|
Hallo Meausekind,
distanz und aufarbeitung sind wichtig, um nicht zu sehr unter der vergangenheit zu leiden. ich habe auch die distanz gesucht, aber so früh, mit 18, keine therapie o.ä. machen können.
ich hatte auch nicht die gelegenheit oder die möglichkeit, mit meiner mutter als trocken umzugehen. ich stelle es mir nicht einfach vor, da wieder eine vertrauensbasis aufzubauen. umso besser, wenn da etwas neu wachsen kann.
ich war zumindest froh, dass sich bei meiner mutter keine schnelle abwärtsspirale entwickelt hat, der alkoholkonsum hat sich auf gleichbleibendem niveau ohne weitere verhaltensauffälligkeiten gehalten. das ist auf dauer nicht minder gefährlich, jedoch wog es mich in sicherheit, dass alles in ordnung ist, zumal ich ja nicht mehr zu hause, mehrere 100 km entfernt, wohnte.
entgiftung, trocken werden, wäre natürlich besser gewesen. aber die realität war im grunde so verschleiert bei uns, dass allein schon das wort entgiftung für mich so geklungen hätte wie von einem anderen stern.
dein gedicht finde ich gut.
viele grüße
simmie |
|
| Nach oben |
|
| simmie hat zum Thema: Re: lange vorbei... geschrieben
|
|
 |
Meausekind neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 21.12.2007 Beiträge: 6
|
Verfasst am: 31.12.2007, 13:06 Titel: Re: lange vorbei... |
|
|
Hi simmie,
ja, die Realität muss erstmal Realität werden... und aber vorher ist es mindestens genauso schlimm....
Eine Vertrauensbasis zu meiner Mutter habe ich aber noch nicht wieder gefunden und die will ich auch nicht. Da muss dann auch mal der Selbstschutz greifen. Sie ist zwar krank, aber das hat mich auch krank gemacht. "Nur" weil sie trocken ist (was natürlich sehr, sehr wichtig und gut ist) heisst das aber nicht, dass nie etwas gewesen ist. Ich vertraue ihr eigentlich nichts an, aber wir können wieder miteinander umgehen. In den ganzen jahren musste es andere Menschen geben mit denen ich reden konnte und die mir das Gefühl gegeben haben, dass ich liebenswert bin. Diesen Menschen werde ich jetzt, wo meine Mutter trocken ist, nicht den Rücken kehren.
Ich habe mich durch ihre Krankheit anderes entwickelt als es "normal" gewesen wäre und damit muss sie jetzt dann auch klarkommen.
Liebe Grüße
Meausekind |
|
| Nach oben |
|
| Meausekind hat zum Thema: Re: lange vorbei... geschrieben
|
|
 |