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wie kann ich das verstehen?   •    Das Buhlen  
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simmie
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 23.09.2007
Beiträge: 1878

BeitragVerfasst am: 26.10.2007, 20:43    Titel: Blick zurück Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo,

wie schon in der Vorstellung geschrieben, ist durch den Tod meiner Mutter vor ca. einem Jahr, sie ihr Leben lang Alkoholikerin, meine Vergangenheit noch einmal an mich herangerückt.
Ich mache seit einem Jahr eine Therapie, die jetzt noch mal ein Jahr lang gehen wird.
Ihr Tod, dem eine Krebserkrankung voranging, hat mich stark erschüttert. Trotz der Alkoholkrankheit hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihr. Doch nun, wo sie nicht mehr lebt, kommen auch die negativen Teile wieder hoch.
Sie war Spiegeltrinkerin und der absolute Höhepunkt des Konsums war während meiner Kindheit, als mein Vater noch lebte. Es gab viele Konflikte und Auseinandersetzungen. Meine Mutter benutzte den Alkohol, um ihre Aggressionen auszuagieren, ansonsten war sie eine sehr nachgiebige und friedfertige Frau.
Das wurde nicht besser. Schließlich nahm sich mein Vater das Leben. Er war kein Alkoholiker. Ich hatte trotzdem kein gutes Verhältnis zu ihm.
Letztendlich war ich damals in gewissem Maße erleichtert über den Tod, weil damit die Konflikte aufhörten und die Qual. Das ist möglicherweise nicht nachzuvollziehen.
Gesprochen wurde darüber nicht. Das Thema war tabu. Ich habe allerdings meine Mutter als Jugendliche in Briefform mit der Wahrheit konfrontiert. Es hat sich, außer dass das Trinkverhalten sich gemäßigt hat, nichts geändert.
Es wurde weiterhin ab vormittags getrunken.
Ich habe ziemlich viele typische Verhaltensmuster aus dieser Geschichte, wie ich jetzt mehr und mehr bemerke: z.B. keine Ansprüche an andere stellen, übertriebenes Verantwortungsbewusstsein, Zurückstellen der eigenen Gefühle bzw. Ausblenden, Aushalten unangenehmer Beziehungen, Schuldgefühle ohne Ende, Probleme mit Nähe...
Alles kommt nun hoch. Als meine Mutter noch lebte, war da irgendwie der Deckel drauf. Wir waren normal, nein, die Aussage meiner Mutter war, dass sie früher getrunken hätte. Das wars. Letztendlich wusste ich, dass das so nicht stimmte, habe es trotzdem geglaubt oder diese Lüge akzeptiert. Ich habe nicht gesagt, nein, das ist nicht wahr, du trinkst ja immer noch.
Was hätte sie gesagt? Sie hätte das als Angriff gewertet. Sie hätte nicht gesagt, o.k. ich brauche das Zeug, es geht nicht anders, ich komme da nicht mehr heraus.
Was bedeutet das? Ich selbst sehe es als Fehler oder Versagen von mir an, sie nicht mit der Wahrheit konfrontiert zu haben bzw. das Trinken toleriert zu haben.
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simmie hat zum Thema: Blick zurück geschrieben
stern77
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 26.10.2007
Beiträge: 10

BeitragVerfasst am: 26.10.2007, 23:46    Titel: Re: Blick zurück Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Simmi,
deine Geschichte ist sehr traurig,fühl dich gedrückt von mir!

Doch,ich kann es sehr gut nachvollziehen,daß du "erleichert" warst,als dein Vater sich das Leben genommen hat.
Ein nicht betroffener würde jetzt warscheinlich aufschreien,aber wenn man selbst in diese´m Trauma steckt,ist man froh,wenigstens einige "Lasten" los zu sein.

Mag sein,daß diese Gefühle moralisch nicht in Ordnung sind,aber sei dir gewiss,es können dich bestimmt viele hier verstehen.

Bei dir war jahrelang der Deckel drauf?
Wie gut ich das kenne...
Ich denke,du wolltest endlich Ruhe in dein Leben,in eure Beziehung bringen.
Was hätte es gebracht,wenn du sie damit konfrontiert hättest-immer und immer wieder?
Sie hätte sich wohlmöglich noch distanziert von dir,aber aufgehört hätte sie nicht.
Du warst ein Kind,das hat sie auch nicht abgehalten vom trinken,aber nicht,weil du ihr nicht wichtig warst,sondern weil der Teufel Alkohol ihre Seele geraubt hatte.

Gebe dir bitte keine Schuld,du hättest niemals etwas daran ändern können,das weißt du,du weißt es!!!!

Du hörst dich unglaublich stark an.
Wir SIND STARK!!!
Wir haben ÜBERLEBT,wir haben nur kein Werkzeug für´s Leben mitbekommen.
Du wirst es lernen in der Therapie,ich wünsche es dir von ganzem Herzen.

Drück dich
Stern
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stern77 hat zum Thema: Re: Blick zurück geschrieben
simmie
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 23.09.2007
Beiträge: 1878

BeitragVerfasst am: 27.10.2007, 10:21    Titel: Re: Blick zurück Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hallo stern,

ja die wogen haben sich geglättet, sagen wir einmal so. eine rolle spielte sicher auch, dass ich immer ein paar hundert kilometer entfernt gewohnt habe.
die distanz war mir auch wichtig. irgendeine szene wie aus meiner kindheit habe ich immer gefürchtet wie der teufel das weihwasser, vermieden und nicht unbedingt gesucht.
damals als jugendliche, als ich auf dem "wahrheitstrip" gewesen bin, konnte ich das nur, weil ich im ausland war, aus der ferne. das ist schwierig genug gewesen. das war ebenfalls ein ausnahmezustand. kräfteraubend.
ich habe alles geschrieben, an meine mutter, in briefen. sie hat zurückgeschrieben. die briefe habe ich lange, lange nicht mehr hervorgeholt.
sie hatte damals ehrlich geantwortet. gut, es war dann nicht mehr so schlimm, sie hat sich aber nicht komplett aus der sucht befreit.
allein schon diese briefe zu lesen, kostet mich anstrengung. und es sind nur briefe.
du schreibst von stärke, die bei mir durchklingt, diese stärke, war auch schon thema in der therapie, hat sich ja bei mir zwangsläufig entwickelt.
das funktioniert bei mir unter schlechten bedingungen erstaunlich gut.
zum beispiel hatte ich neulich eine arbeitskollegin gebeten, mir ihren teefilter zu leihen. das passierte drei oder vier mal, weil ich noch keine neuen papierflter besorgt hatte. sie äußerte ihr erstaunen darüber, dass ich etwas von ihr nehme oder brauche. so nach dem motto, ich hätte doch sonst immer alles und bräuchte niemanden zu fragen.
genau so ist es. ich habe gelernt mit allem alleine ohne fremde hilfe klar zu kommen. in den entscheidenden situationen als kind gab es ja auch keine hilfe. ich hätte nicht zu anderen erwachsenen gehen können, nachbarn, lehrer und sagen können: hallo, ich hab da mal ein problem, meine eltern und so weiter. da war eher die unbewusste haltung: na, hoffentlich bekommt das keiner mit, wie schlimm das bei uns zu hause ist.
ich habe immer gedacht, weil ich so vieles alleine bewältige, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. ich finde es selbst nicht ganz in ordnung.
meine familiengeschichte kannte ich andererseits auch. doch habe ich mich lange zeit vielleicht auch dagegen gesträubt, eine verbindung zu ziehen, von da zu meinen defiziten. ich wollte einfach auch keine defizite haben sondern so sein wie andere auch.

grüße
simmie
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simmie hat zum Thema: Re: Blick zurück geschrieben
summerdream
Moderatorin
Moderatorin


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 05.02.2007
Beiträge: 6713

BeitragVerfasst am: 29.10.2007, 18:32    Titel: Re: Blick zurück Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hey simmie

sorry, zur zeit sind soviele neuanmeldungen, da weiß man gar net wo man schreiben soll, überall findet man etwas, wo man sich wieder entdeckt Cool

Zitat:
ich wollte einfach auch keine defizite haben sondern so sein wie andere auch.

das kennst du also auch, naja ich glaub das geht uns allen hier so - anders fühlen, sich nirgends zugehörig fühlen - ging mir sogar nach ca. nem halben jahr im forum so, ich dachte ich pass hier net rein Geschockt - aber wenn ich hier net herpasse, wo denn bitte schön dann???

eigentlich zieht sich das durch alle lebensbereiche, zumindest bei mir.

es sind nur briefe??? vielleicht sind sie ja so schwer für dich, weil darin deine mutter ehrlich war - bei persönlichen gesprächen war sie ja das so wie ich das etz verstehe ja net - und die wahrheit is ja meistens net schön Traurig

Zitat:
Das ist möglicherweise nicht nachzuvollziehen

kann mich stern nur anschließen, ich finde das scho nachvollziehbar!

Zitat:
Ich selbst sehe es als Fehler oder Versagen von mir an, sie nicht mit der Wahrheit konfrontiert zu haben bzw. das Trinken toleriert zu haben.

du hättest gar nix für deine mutter tun können, absolut null. egal was du gesagt hättest oder getan hättest, solang deine mutter net wollte, hätte sie weitergetrunken. sie hat ihren alk-konsum abgestritten, so nach dem motto "früher aber etz doch nimmi", das allein hört sich sehr danach an, als wollte sie es auch damals noch net wahrhaben, deine worte hätten für streit gesorgt und sie hätte dann evtl heimlicher getrunken - deswegen aber net weniger!

fühl dich umarmt
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summerdream hat zum Thema: Re: Blick zurück geschrieben
lavendel
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 23.05.2006
Beiträge: 2869

BeitragVerfasst am: 29.10.2007, 18:46    Titel: Re: Blick zurück Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hallo simmie,

willkommen in der kinderabtielung Sehr glücklich.

du solltest dir keine gedanken machen, dass du das trinken deiner mutter tokeriert hast - du hättest sie eh nicht davon abhalten können! und du solltest dir keine schuldgefühle über den tod deines vaters und der entsprechenden gedanken machen. zum einen haben wir alle hier wohl mal unseren eltern den tod gewünscht Verlegen, und zum anderen finde ich es verständlich, sich einfach nur zu wünschen, dass die stressfaktoren weniger werden, fast egal wie. und du hast seinen selbstmord ja nicht verursacht.

naja, und das mit den defiziten... klar haben wir die, jeder von uns kann eins zu eins 1000 unserer "komischen" verhaltensweisen aus dem elternhaus mit einem alki ableiten. das tut zwar auf der einen seite weh, auf der anderen seite erklärt es aber auch vieles und macht den umgang damit leichter. finde ich. nicht in dem sinne, mich auf meinen macken auszuruhen, aber in dem sinne, etwas gnädiger mit mir zu sein.

wünsche dir hier einen regen austausch.

gruß

lavendel
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lavendel hat zum Thema: Re: Blick zurück geschrieben
simmie
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 23.09.2007
Beiträge: 1878

BeitragVerfasst am: 30.10.2007, 00:05    Titel: Re: Blick zurück Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hallo,

vielen dank für die willkommensgrüße.
ja, ich trage keine schuld daran. trotzdem ist dieses gefühl da, dass ich hätte einfluss nehmen können. vielleicht ein kindergedanke, die sind so, weil ich nicht das richtige tue oder irgendetwas mache ich falsch.

heute hatte ich wieder ein bezeichnendes erlebnis. es betrifft den punkt des nicht nein sagen könnens. bei der arbeit, es gab ein missverständnis, ich habe daraufhin ein zugeständnis gemacht, bin auf die erwartungen des anderen eingegangen. meine kollegen meinten alle reihum, das sie dies nicht getan hätten. ich jedoch hätte da nie nein sagen können. warum nicht?
ich kann nur schwer mit der enttäuschung von anderen aufgrund meines verhaltens leben, oder mit dem, was ich als enttäuschung annehme.
ich möchte andere nicht frustrieren und gehe daher vorschnell auf ihre wünsche ein. dabei habe ich gleichzeitig sehr zwiegespaltene gefühle, weil ich es auch nicht gut finde, dass ich anderen so stark nachgebe und teilweise mitbekomme, dass wiederum andere dieses verhalten nicht nachvollziehen können.

zweites erlebnis, ich war bei einer freundin, sie kennt meine geschichte. ich hätte eigentlich auch von den neuesten entwicklungen erzählen können. habe ich nicht getan. ich hatte das gefühl, es hätte nicht gepasst, irgendwie hätte es dem abend eine andere färbung gegeben, eine belastung eingeführt.

was mir jetzt auffällt: bei beiden erlebnissen habe ich mich mit rücksicht auf andere zurückgenommen. das läuft sehr automatisch ab.
manchmal merke ich, dass da etwas nicht stimmt.
ich führe dieses verhalten auch auf die familiengeschichte zurück.

grüße simmie
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simmie hat zum Thema: Re: Blick zurück geschrieben
summerdream
Moderatorin
Moderatorin


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 05.02.2007
Beiträge: 6713

BeitragVerfasst am: 01.11.2007, 00:02    Titel: Re: Blick zurück Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hi simmie

anscheinend bist du zur zeit dabei deine probleme zu erkennen. ein guter schritt Sehr glücklich

vielleicht probierst du ja mal über deinen schatten zu springen und mal was für dich zu tun. wie wärs wenn du das mal bei deiner freundin übst?
es muss nicht sein, dass es dem abend eine andere färbung gibt, wie du es nennst, ich hab scho die erfahrung gmacht, dass ich erzählt hab, was los is, das wurde dann noch ne weile besprochen, aber der abend war dennoch schön. es is ja net so, dass man dann alles die ganze zeit durchkauen muss, wenn ich alles losgeworden bin, gehts mir wieder besser und mir fängt an der abend spaß zu machen - manchmal verblüffend wie aus einem sch... tag doch noch ein wunderbarer tag werden kann.
deine freundin kennt deine geschichte, sie kann dir zwar net wirklich mit ratschlägen helfen, aber glaubst du sie is net enttäuscht, wenn sie hinterher erfährt, dass dich was belastet, du es aber ihr net gleich sagst? meine freundin war da scho ziemlich stinkig auf mich... dei freundin möchte doch auch wissen, dass du ihr vertraust, das is einfach ein bzw. das zeichen für wahre freundschaft.

liebe grüße
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summerdream hat zum Thema: Re: Blick zurück geschrieben
simmie
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 23.09.2007
Beiträge: 1878

BeitragVerfasst am: 03.11.2007, 11:07    Titel: Re: Blick zurück Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hi,

über meinen schatten springen ist schön ausgedrückt. damit habe ich jetzt quasi nach dem tod meiner mutter angefangen, ich hatte vorher immer das gefühl, dass ich so einfach nicht schlecht über sie reden kann. also ich assoziierte jemanden als alkoholiker bezeichnen = etwas schlechtes über jemanden sagen.
das darüber hinwegsehen, verleugnen habe ich also auch für mich so gehandhabt und habe dieses bild auch nach außen transportiert, indem ich bei anderen den eindruck erweckte, dass meine eltern ganze normale eltern gewesen sind.
außerdem vermittele ich nach außen den eindruck, als sei bei mir alles im lot. wenn ich arbeiten gehe, dann klappt das auch, da lasse ich allen müll hinter mir. im privaten bereich habe ich jedoch selbstzweifel, ängste etc.

grüßle simmie
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simmie hat zum Thema: Re: Blick zurück geschrieben

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