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Wem soll ich es wie erzählen?

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Autor Nachricht
Micha
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 18.07.2006
Beiträge: 4416

BeitragVerfasst am: 01.06.2007, 07:22    Titel: Re: Wem soll ich es wie erzählen? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Falk,

seit ich nicht mehr trinke (knappes Jahr) hat sich meine Ansicht über Alkoholiker natürlich auch geändert.

Für "Abschaum" hatte ich sie allerdings auch zuvor noch nie gehalten. Ich hatte eher Mitleid, wenn ich in der Öffentlichkeit Menschen sah, die offensichtlich völlig ausgegrenzt und persönlich heruntergekommen und endunglücklich und verzweifelt auf einer Bank saßen.

Du schreibst von dem Bild, dass Alkoholiker in der Gesellschaft haben, als würdest du die ganze Gesellschaft pauschal kennen. Kann es sein, dass du da deine eigene Ansicht über Alkoholiker beschreibst? Vielleicht solltest du die mal überprüfen und dir erlauben anzufangen, dir eine eigene Meinung zu bilden.

Ich nehme Alkoholiker auch als intelligente, sensible, kreative, einfühlsame, verantwortungsbewusste und liebenswerte Menschen wahr und deswegen schäme ich mich auch nicht, zu ihnen zu gehören. Geschämt habe ich mich als ich selbst noch trank, weil ich nicht genügend über meine Krankheit wusste. Aber auch da schämte ich mich für MICH, nicht für die Zugehörigkeit einer Gruppe.

Ich stelle mir nicht die Frage: Muss sich ein Alki schämen?
Sondern nur: Muss ICH mich schämen?

Je länger ich am Stück nüchtern darüber nachdenke- und fühle, umso entschiedener ist meine Antwort NEIN.




Gruß Micha
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Micha hat zum Thema: Re: Wem soll ich es wie erzählen? geschrieben
Karsten
Administrator
Administrator


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 04.11.2004
Beiträge: 32811
Alter: 49
Wohnort: Eberswalde

BeitragVerfasst am: 01.06.2007, 08:13    Titel: Re: Wem soll ich es wie erzählen? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Falk,

irgendwie reden wir aneinander vorbei.
So wie Du das interpretierst, was ich geschrieben habe, habe ich das nie gemeint, aber das wohl so bei dem geschriebenen Wort.

Ich sage es mal so.
Du möchtest einfach etwas verstehen, was für Dich noch gar nicht an der Reihe ist. Du bist am Anfang Deines Weges und möchtest jetzt schon gerne so leben, wie jemand, der sich sein nüchternes Leben über Jahre aufgebaut hat.
Wenn ich in meinem Umfeld sage, ich bin Alkoholiker, dann sind das Menschen, die damit umgehen können. Auch die Menschen, die ich nicht kenne und mit denen ich in Kontakt komme, wo ich ein zweites Treffen in Erwägung ziehe, sehen in mir keinen der Begriffe, die Du weiter oben geschrieben hast.
Kann es vielleicht daran liegen, dass Du selbst die Alkoholkrankheit als etwas anderes siehst, als Du glaubst zu haben?

Viele Deiner Beiträge sind mit Hinterfragen behaftet, über die ich mir während meiner Anfangszeit keine Gedanken gemacht habe.
Ich war ein Säufer, der mit dem Leben nicht klar kommt und mir war egal, wie andere Menschen meine Krankheit sahen. Mir war es ja während des saufens auch egal, wenn ich jeden Tag in den Einkaufsladen ging und Alkohol kaufte, die ganzen Klamotten und der ganze Körper nach Alkohol stank.

Wenn ich mir diesen Thread und die Antworten durchlese, habe ich bei Dir das Gefühl, dass es Dir schwer fällt, Deine Krankheit anzunehmen.

Ich habe kein Problem damit, wenn mich jemand ein Alkoholiker nennt. Ich war früher ein nasser Alkoholiker und heute ein trockener Alkoholiker.
Was die anderen Menschen denken, interessiert mich nicht. Wer den Unterschied nicht kennt und sich nicht dafür interessiert, hat ein Problem und nicht ich.
Mit solchen Menschen möchte ich mich auch nicht umgeben, weil sie für meine Nüchternheit eine Gefahr darstellen, denn sie haben kein Verständnis für meine Alkoholkrankheit.

Sicherlich muß und kann man die Gesellschaft ändern, aber was bringt Dir der Wunsch dazu jetzt für Dein beginnendes Leben ohne Alkohol?
Hilf Dir doch erst mal selbst und dann kannst Du anderen helfen und vielleicht auch die Gesellschaft zum umdenken bewegen.

Ich schreibe das so ausführlich, weil das eigentliche Thema " Wen erzähle ich von meiner Krankheit" sich hier irgendwie gedreht hat in "Finde ich ein besseres Wort für den Begriff Alkoholiker, damit die Gesellschaft in mir was Gutes sieht?"

Mir fällt gerade was ein. Alkoholismus ist eine Krankheit, außer Frage. Wenn ich aber erkannt habe, dass ich krank bin und nichts dagegen tue, dann greift das Klischee, der oder die Jenige will trinken. Es gibt hier unzählige Hilfsangebote, die jeder in Anspruch nehmen kann, wenn man es wirklich will.

Ich kann es immer nur wieder wiederholen, vergiss nicht Deine kurze Zeit und geh Dinge dann an, wenn sie für Dich an der Reihe sind.
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Karsten hat zum Thema: Re: Wem soll ich es wie erzählen? geschrieben
Helga
neuer Teilnehmer



Anmeldungsdatum: 19.07.2005
Beiträge: 63

BeitragVerfasst am: 01.06.2007, 16:14    Titel: Re: Wem soll ich es wie erzählen? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Das ursprüngliche Thema war ja, wem soll ich es wie erzählen?

Als ich trocken wurde, musste ich es nicht meiner Familie erzählen, die wussten Bescheid, auch wenn ich es nicht wahrhalben wollte. Denen musste ich nichts mehr erzählen oder mich outen.

Ich bemühte mich Tag für Tag trocken zu bleiben und das fiel mir nicht leicht, denn ich war es nicht gewohnt, den Alltag mit all seinen Schwierigkeiten pur und ohne jede Dröhnung zu leben und auszuhalten.

Zu Beginn meiner Trockenheit war ich arbeitslos, also musste ich mich nicht irgend welchen Cheffes oder Kollegen outen.

Da ich damals gleich nach meiner Entgiftung im Krankenhaus in eine reale SHG ging, hatte ich das große Glück viele Alkoholiker kennen zu lernen, die absolut nicht dem Klischee entsprachen, wie sich manche vielleicht alkoholierk vorstellen. Obwohl ich selbst entsprach ja auch nicht unbedingt dem Klischee, aber ich schämte mich natürlich und war voller Schuldgefühle. Aber in der SH-Gruppe wurde ich so angenommen wie ich bin und das war erst einmal ein sehr gutes Gefühl, ich fühlte mich irgendwie gleich von Anfang an irgendwie zuhause und angekommen. Im Laufe der Zeit lernte ich die Leute der SHG achten und schätzen und auf diesem "Umweg" lernte ich ganz langsam mich auch wieder zu achten und wert zu schätzen und mich mit der Krankheit Alkoholismus anzunehmen.

Außerdem entstanden in der SH-Gruppe auch Freundschaften und mit einer Freundin bin ich seit fast 18 Jahren trocken befreundet, das ist so, als wären wir gemeinsam an der Ostfront gelegen. Lachen Es ist eine ganz tiefe und absolut ehrliche Freundschaft, weil wir uns nichts vormachten mussten.

Ich hatte zu Beginn meiner Trockenheit oft Angst, dass jemand mein dunkles "Geheimnis" herausfindet, aber diese Angst war irreal. Im Laufe der Jahre kann ich mittlerweile ganz wertfrei sagen, ich bin trockene Alkoholikerin ohne dass mir die Schamesröte ins Gesicht steigt. Aber ich laufe mit keinem Schild um den Hals rum, habe auch keinerlei Sendungsbewusstsein, dass ich Alkoholikerin bin, denn ich erzähle auch nicht jeden von meinen Spreiz-Senkfüßen. Ich habe allerdings auch keinerlei Angst mehr, dass jemand hinter mein Geheimnis kommt, was keines ist, denn Alkoholismus ist eine Krankheit und kein Tabu, denn es ist keine Schande krank zu sein, aber es ist eine Schande, nichts dagegen zu tun.

Zu Beginn meiner Berufstätigkeit wurde ich nie nach Alkoholismus gefragt und ich habe es auch nicht von mir aus erzählt. Allerdings hatte ich großes Glück, denn zu Beginn meiner Berufszeit war ich 1 Jahr bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt und war eher der Außenseiter, denn ich musste ja oft wechseln, blieb mal da 4 Wochen und dann wo anders 6 Wochen usw. Nach einem Jahr "Sklavenzeit" bei solch einer Zeitarbeitsfirma fand ich den Job, wo ich immer noch bin und auch da wurde ich nie nach Alkohol befragt und ich habe es auch nicht in meinem Lebenslauf als besondere Qalifizierung erwähnt. Lachen

Allerdings hatte ich da auch großes Glück, dass bei uns in der Firma so gut wie nie Alkohol getrunken wird. Am Anfang hatte ich schon etwas Muffe, wenn eine kleine Feier anstand, ich fühlte mich mit meinem O-Saft im Sektglas irgendwie als Außenseiter, aber das war allein mein Gefühl und das änderte sich im Laufe der Jahre auch. Mittlerweile trinke ich das Wasser übrigens bei einer Feier im Job aus einem Wasserglas. Cool

Eine wichtige Feststellung war für mich auch, als ich sah, dass ich nie die einzige war, die keinen Alkohol trank, es gab immer wieder vereinzelt jemand, der oder die auch keinen Alkohol tranken und sie wurden genauso wenig gefragt nach dem Warum, ich übrigens auch nie.

Ich habe mir aber zu Beginn meiner Berufslaufbahn vorgenommen, wenn ich so viel Angst vor "Entdeckung" hätte, dass mich das evtl. wieder zum Trinken verleitet, hätte ich mich geoutet, dass wusste ich ganz tief in mir, denn meine Trockenheit ist auch nach 18 Jahren immer noch oberste Priorität.

Heute weiß ich, die Genesung erfolgt nur dann, wenn ich ganz konsequent das erste Glas stehen lasse, immer nur für Heute und damit bekomme ich im Laufe der Zeit wieder Selbstachtung und wenn ich genügend Selbstachtung habe, muss ich mich nicht immer nach den anderen orientieren, was der oder die von mir denken oder halten. Aber dieser Prozess dauert und dauert weiter an.

So wie die Krankheit fortschreitend ist, ist auch die Genesung ein fortschreitender Prozess. Sicher, ich werde nicht "trockener" und turbo-trocken, aber durch ehrliche Selbsterkenntnis habe ich mit meinen ganzen Neurosen eine Art Nachreifung erfahren und das Beste an der Sache ist, ich wurde sehr viel gelassener und heiterer. Aber das kam auch nicht von jetzt auf sofort.

Rückblickend weiß ich von vielen Tagen, in denen ich nur froh war, nicht getrunken zu haben und dass ich durch viele Täler gegangen bin, Schicksalschläge alle trocken erlebt und überlebt habe, haben mich nur stärker gemacht.

Meine Idee ist nicht mehr die WElt zu verbessern sondern vielleicht ein wenig mich und dadurch profitiert meine Umgebung in jedem Fall, eine kleine Welt, aber das genügt mir.

Und in diesem kleinen Mikrokosmos bin ich familiär, d.h. vertraut und gebe mich zu erkennen und meine Freunde wissen selbstverständlich, dass ich Alkoholikerin bin und da bin ich manchmal sogar ein bischen beleidigt, dass es nichts BESONDERES mehr für sie ist, das ich trocken bin. Winken

Meine Erfahrung ist, Wachsen geschieht von innen nach außen und da heißt es, zu allererst sich selbst anzunehmen und die Krankheit zu akzeptieren und dann können es andere auch, bzw. dann ist es nicht mehr wichtig, ob andere mich akzeptieren, ich kann authentisch leben und das Leben mit Alkohol war nur eine Ilusion, die mir fast das Leben gekostet hat.

lG
Helga

trocken seit Oktober 1988
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Helga hat zum Thema: Re: Wem soll ich es wie erzählen? geschrieben
Alex G.
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 03.02.2007
Beiträge: 3624
Wohnort: Thüringen

BeitragVerfasst am: 01.06.2007, 20:58    Titel: Re: Wem soll ich es wie erzählen? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Helga,

ich habe mir deinen Beitrag gerade ein paar Mal durchgelesen und ich könnte ihn noch ganz viele Male lesen.

Ich kann es jetzt auch nicht recht in Worte fassen, aber in deinen Zeilen steckt so viel Kraft, Hoffnung, Mut, so viel positive Energie aus der ich sehr viel schöpfen kann, bei jedem lesen.

Es ist wie ein kleiner Blick in die Zukunft meiner Träume. Es ist schön von deinem Weg des wahren Lebens zu lesen und ich danke dir das du mir und allen anderen hier einen kleinen Reisebericht gegeben hast. Danke!!!
Zitat:
ich kann authentisch leben und das Leben mit Alkohol war nur eine Ilusion, die mir fast das Leben gekostet hat


Diese Worte beeindrucken mich gerade am meisten Ausrufezeichen

Liebe Grüße, Alex


PS: Bitte entschuldige meine Reaktion von vor ca. 3 Monaten auf einen von dir eröffneten Thread. Ich hatte in diesem Moment einfach nur Angst Geschockt Mit den Augen rollen (Falls ich mich gerade irre und du nicht die jenige bist von vor 3 Monaten, dann bitte ich dies ebenfalls zu entschuldigen)
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Alex G. hat zum Thema: Re: Wem soll ich es wie erzählen? geschrieben
Brigitte
aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 20.02.2007
Beiträge: 509

BeitragVerfasst am: 03.06.2007, 13:59    Titel: Re: Wem soll ich es wie erzählen? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Dein Beitrag, Helga, hat mir auch sehr sehr gut gefallen. Er gab mir eine Ahnung, wie der Weg des Trockenbleibens aussehen könnte.

Einiges konnte ich nachempfinden, z. B. die Erfahrung mit der realen SHG. Ist mir auch so ergangen. Die Akzeptanz, die dort herrscht. Die Umgehensweise mit dem Thema Alkohol und vor allem mit dem Satz "ich bin Alkoholiker". Letzteres konnte ich auch erst nach Monaten annehmen, dass ich Alkoholikerin bin. Heute weiß ich es ohne irgendein Schamgefühl.

Heute ist es mir wichtig, mir immer wieder klar zu machen, ich bin Alkoholikerin. Das heißt für mich Achtsam sein, denn mit dieser Krankheit muss ich ganz Achtsam umgehen und darf sie nie vergessen.

Es ist hier in diesem Thread sehr viel Kopfarbeit geleistet worden. Ich weiß nicht, bin irgendwie über dieses Thema selbst etwas ratlos Falk betreffend. Ich weiß nur, dass ich im ersten Jahr viel zu sehr mit mir beschäftigt war und mit meinem Trockenwerden und gar nicht dazu in der Lage gewesen wäre, kopflastige Diskussion zu führen. Sorry, empfinde ich einfach so.

Wichtiger finde ich für mich, an meinen Gefühlen zu arbeiten. Zu schauen, wo hakt es. Meine Kopfarbeit (zu der ich auch ab und zu neige) bringt mich vom eigentlichen Thema weg, ist letztendlich nur Flucht. Wo bleibe ich da wirklich.
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Brigitte hat zum Thema: Re: Wem soll ich es wie erzählen? geschrieben

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