| hallo, würde michs ehr über ein feedback freuen • Offenheit ?! |
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Meni Gast
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Verfasst am: 09.11.2006, 20:47 Titel: Ein bisschen von mir... Meni |
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Hallo Ihr, seit ein paar Tagen bin ich erst dabei, seit August lese ich hier mit. Mir hilft seit Sonntag das Lesen im Forum jeden Tag, wenn ich auch nur ein bisschen Lust zum Trinken verspüre, wie eine Hand, die mir beim Laufenlernen hingehalten wird, falls ich sie brauche. Ich möchte anfangen, ein bisschen von mir zu erzählen, so könnt Ihr mich besser kennen lernen und mir tut es gut.
Einer der Gründe, warum ich mit dem Trinken begonnen hatte, war Unsicherheit. Ich bin ein Alkoholikerkind (beide Eltern) und kämpfe seit jeher mit dem Gefühl der Wertlosigkeit. Ich bin daher relativ leicht zu verunsichern, wenn man mir laut und unangenehm kommt. Ich habe über einen längeren Zeitraum versucht, dass mit Alkohol zu überspielen, das Ende vom Lied war aber, dass zur Unsicherheit noch das schlechte Gewissen hinzu kam und ich mich außerdem noch weniger ernst genommen fühlte (und bestimmt auch immer weniger ernst genommen wurde) - und dadurch noch unsicherer. Und dass ich süchtig nach Alkohol wurde. Dadurch habe ich mir von manchen Menschen viel zu viel gefallen lassen, da sinkt zudem das Selbstwertgefühl manchmal in den Keller...
Ich bin erst seit wenigen Tagen trocken und kann nicht sagen, dass ich vor Selbstsicherheit strotze, aber ich habe festgestellt, dass ich total dankbar und stolz bin, dass ich in diesen Tagen nicht zur Flasche gegriffen habe, obwohl ich es in einigen Situationen sonst getan hätte, sogar als ich innerlich vor Hilflosigkeit vor Wut gezittert habe. "Du kriegst mich nicht dazu," habe ich bei mir gedacht, "Du wirst schon noch sehen, wohin Dich Deine verlogenen Behauptungen führen werden - jedenfalls bringst Du mich nicht zum Trinken damit." Ich hab's geschafft, auf der Sachebene zu bleiben - und das hat mein Gegenüber mit Sicherheit nicht erwartet. Ich hatte das übrigens selbst nicht von mir erwartet.
Ich möchte in der nächsten Zeit meine Nüchternheit ganz bewusst erleben und beobachten, wie meine Mitmenschen darauf reagieren. Wenn ich beispielsweise dem, der mir immer über den Mund fährt, ganz ruhig sage: "Ich fühle mich immer ganz schlecht, wenn Du mich nicht ausreden lässt." Und wenn der mir dann z.B. sagt, ich erzähle sowieso nur Müll, einfach aufzustehen und freundlich zu sagen:" Dann ist eine Unterhaltung zwischen uns keine gute Idee, nicht wahr?" So oder so ähnlich stelle ich mir das vor, und ich spiele solche Situationen derzeit andauernd in meinem Kopf durch, in verschiedenen Varianten. Ich kann die Menschen um mich herum nicht ändern, aber ich kann mein Verhalten ändern und dadurch an Sicherheit gewinnen.
Wisst Ihr, ich glaube, herauszufinden, wer man eigentlich wirklich ist, ist ein großes Abenteuer. Man wird Menschen gewinnen und verlieren, man wird an die Wand laufen und in offenen Armen landen. Aber man muss sich nicht mehr verstellen - und das ist ein wirklich gutes Gefühl...
LG, Meni |
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| Meni hat zum Thema: Ein bisschen von mir... Meni geschrieben
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dorothea Moderatorin

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 26.08.2006 Beiträge: 7472 Alter: 48 Wohnort: Salzgitter
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Verfasst am: 09.11.2006, 21:05 Titel: Re: Ein bisschen von mir... Meni |
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hallo meni
du hast jetzt schon eine erkenntniss gewonnen die ich erst bei der therapie erhalten habe. du bist was wert, und wer das nicht akzeptiert ist es nicht wert von dir beachtet zu werden. klasse!!! das mit dem situationen durchspielen halte ich für ne gute idee, das stärkt, lass dir nichts gefallen und arbeite an deiner inneren ruhe das gibt einem die kraft dem gegenüber die stirn zu bieten sowas ist oft richtig beglückend. bin sicher mit der einstellung schaffst du es auch, du solltest aber auch zum arzt gehen und dich mal abchecken lassen, aber ehrlich sein. das ist ganz wichtig
gruß doro |
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| dorothea hat zum Thema: Re: Ein bisschen von mir... Meni geschrieben
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Meni Gast
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Verfasst am: 09.11.2006, 23:03 Titel: Re: Ein bisschen von mir... Meni |
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Liebe Doro,
dass man etwas wert ist, ist nicht immer einfach zu begreifen. Ich merke gerade in diesen Tagen, wieviel Gutes ich mir tu': ausreichend trinken; nach dem Duschen in Ruhe mit duftenden Cremes die Haut pflegen; bewusst essen - und vor allem, keinen Alkohol trinken... Am Samstag geht mein Gefährte mit mir Laufschuhe kaufen, ich will wieder anfangen mit Laufen. All dies bin ich mir selbst wert, und damit fängt es wohl an... Ich kann nicht erwarten, dass mich jeder gut behandelt, aber ich kann mich wehren, und wenn das nicht hilft, kann ich ja auch gehen. Was kann mir schon passieren, außer, dass mich nicht jeder liebt? Das klingt jetzt natürlich alles sehr einfach, aber das ist mein erstes Ziel: Ich möchte gut zu mir sein. Auch, wenn mich das manches Mal Überwindung und heimliche Angst kostet.
Wie findet man seine innere Ruhe? Das hat ja der Alkohol bisher für mich getan, diese trügerische Wärme und Entspannung erzeugt. Ich denke, Joggen wird mir dann helfen, aber zwischendurch gibt es doch sicher auch Dinge, die man tun kann, wie tiefes Durchatmen oder dergleichen.
Beim Arzt war ich übrigens (mein Freund ist sogar mitgegangen). Ich war ehrlich, es nützt ja nichts. Sie hat mir erstmal Tabletten verschrieben (Bluthochdruck), etwas für den irritierten Bauch (alkfrei) und will mich regelmäßig sehen. Meine Werte sind super, auch die der Leber , sie ist sehr zufrieden mit mir.
LG, Meni |
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| Meni hat zum Thema: Re: Ein bisschen von mir... Meni geschrieben
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dorothea Moderatorin

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 26.08.2006 Beiträge: 7472 Alter: 48 Wohnort: Salzgitter
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Verfasst am: 09.11.2006, 23:25 Titel: Re: Ein bisschen von mir... Meni |
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hallo meni
ja wie geht das mit der ruhe, ich habe dazu meditiert, hört sich vielleicht schwer an ist es aber nicht, in kurzform, duftkerze an teemusik, wellness- oder entspannungsmusik an ( gibts z.b. bei rossman für paar euro) grade hinsetzen oder legen, bewußt atmen. dann sich vorstellen wie alle wut und ärger sich im bauch sammelt und zu einem feuerball wird, diesen ball dann wie ein stern der von einem schwarzen loch aufgesaugt wird durch die füße aus dem körper rausschicken, die negative energie ans universum zurückgebe, hört sich sicher etwas albern an funktionier aber prima. ich kann das mittlerweile in jeder situation, beim autofahren, im betrieb oder sonst wo. mir hilft das ruhe zu bewahren und nicht meine zeit und energie mit menschen und situationen zu verschwenden die mir nicht gut tun und mich nur runter ziehen.
gruß doro |
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| dorothea hat zum Thema: Re: Ein bisschen von mir... Meni geschrieben
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Annika sehr aktiver Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 05.12.2005 Beiträge: 3847 Wohnort: NRW
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Verfasst am: 10.11.2006, 10:36 Titel: re |
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Hallo Meni,
wie schön und richtig du die Worte gewählt hast. Du hast in der Ich Form gesprochen, keinen angegriffen nur ganz ruhig und sachlich deine Wünsche klar gestellt. Das gedankliche üben bringt voran.
Die Schilderung von doro ist sehr wirksam. Ich mache auch jeden Tag diese Entspannung und was ich mir dabei vorstelle ist doch egal.
Ich brauchte und brauche dringend etwas für die innere Ruhe, es wirkt.
Wenn das einer albern findet, alles besser als trinken oder
LG Annika |
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| Annika hat zum Thema: re geschrieben
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Meni Gast
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Verfasst am: 10.11.2006, 16:43 Titel: Re: Ein bisschen von mir... Meni |
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Wenn die Worte im geeigneten Moment dann auch so herauskommen, liebe Annika, dann wird es wie ein kleines Wunder sein. Über den eigenen Hut zu springen erscheint mir eine ziemlich hohe Hürde zu sein, doch lieber will ich versuchen, mich zu wehren, ohne andere zu kränken, als zu trinken.
Seit ich denken kann, habe ich versucht, keine Angriffsfläche zu bieten, anfangs, um meinen agressiven Vater nicht zu reizen (er war nicht nur Alkoholiker, sondern nahm auch alle möglichen Drogen, das galt in der Flower-Power-Zeit ja als schick), später, als meine Mutter auch trank, und zwar massiv, die Vertuschung vor den Nachbarn, um die Würde der Familie irgendwie aufrecht zu erhalten, naja, irgendwann ging das in Fleisch und Blut über. Meine Mutter war nie imstande, Konflikte zu lösen, und auch mir ging das später in Fleisch und Blut über. Alles wurde unter den Teppich gekehrt, meine Mutter schluckte alle Probleme hinunter, wie ich es später dann auch tat.
Ich habe heute noch geplatzte Adern in den Augen vom letzten Samstag und rote Wangen und Nase, weil ich wieder einmal nicht in der Lage war, mich zur Wehr zu setzen und dies ertränkte, weil ich das Gefühl hatte, ich ertrage das nicht. Der Konflikt an sich war gar nicht so schlimm, aber dieses Gefühl der Hilflosigkeit, und dass mir keiner beistand, das löste so eine Wut in mir aus, ich habe richtig gezittert und mich dann immer weiter reingesteigert, dass ich mich plötzlich volllaufen ließ. Deshalb ist es so sehr wichtig für mich zu lernen, damit umzugehen, wenn ich mich gekränkt fühle, die Ruhe zu bewahren (vor allem die innere) und auf der Sachebene zu bleiben. Mit Alkohol will ich das nie wieder "lösen".
Ich halte es für besser, wenn ich solchen Situationen vorerst aus dem Weg gehe, bis ich mich etwas gefestigt fühle. Bis dahin die Gedankenübungen, wie Du es so treffend ausgedrückt hast, Annika, und Gelassenheitsübungen. Als Ihr beide mir erzähltet, wie es Euch gelingt, die Ruhe zu bewahren, fielen mir die Atemübungen aus einem Schwangerschaftskurs ein, die werde ich ausprobieren. Da konzentriert man sich nur darauf zu atmen, in den Bauch, so lange einatmen wie möglich und dann langsam wieder ausatmen, bis man entspannt ist.
Ich bin heute durch den Supermarkt gegangen und hatte kein Bedürfnis nach Alkohol, als ich durch die Gänge lief. Aber als ich nach Hause kam, wieder für einen Moment. Die Tricks (viel Trinken usw.), die ich im Forum fand, helfen aber ganz gut. Ich muss dann trotzdem erstmal hier ein bisschen lesen und schreiben - ich hätte nicht gedacht, dass mir das eine solche Stütze beim Nüchternbleiben ist.
Meine Kinder und meine Mutter sind übrigens sehr froh, dass ich erkannt habe, dass ich wirklich Alkoholikerin bin und die Nüchternheit die einzige Medizin dagegen ist. Meine Mutter, seit etwa 15 Jahren trocken (sie wäre damals fast gestorben, ist bei den AA), hat schon lange darauf gewartet, sagt sie.
LG, Meni |
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| Meni hat zum Thema: Re: Ein bisschen von mir... Meni geschrieben
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Meni Gast
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Verfasst am: 16.11.2006, 19:33 Titel: Re: Ein bisschen von mir... Meni |
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Beim Schreiben in einem anderen Thread fiel mir etwas ein, was ich hier einfach aufschreiben möchte.
Ich habe mich gefragt, warum ich mit meinem Gefährten über manche Dinge nicht sprechen kann, vielmehr hat er mich das gefragt, als ich begann, hier im Forum aktiv zu werden. Ich erklärte ihm, dass ich hier niemandem groß erklären muss, wie ich mich fühle.
Aber ich glaube, das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist pure Angst. Ich habe noch niemals einem Menschen so viel anvertraut wie meinem Gefährten, schon gar nicht einem Mann (mein Vater war alkohol- und drogenabhängig und hatte mich seit meinem 9. Geburtstag auf seine ganz spezielle Weise lieb, was immer noch nicht nicht ganz heile werden will). Aber in mir drin ist etwas, was ich trotz aller Gespräche, trotz Vertrauen, trotz Vernunft, verschließe, das ich nicht öffnen kann. Wäre ich poetisch veranlagt, würde ich es möglicherweise "den Schlüssel zur absoluten Verletzbarkeit" nennen, vermutlich trifft es der weitläufigere Begriff "Urvertrauen" besser... Ich habe mal versucht, es ihm zu erklären, weil er nicht versteht, dass ich, wenn es um Gefühle geht, andauernd als Don Quichotte fungiere. Ich versteh das ja selbst noch nicht so richtig.
Wenn ich merke, dass mir jemand weh tut, den ich ganz doll lieb habe, verkrieche ich mich in mich selbst, und wo das nicht möglich war, habe ich getrunken, um mich dem zu entziehen. Puh, nun ist es raus. Das hilft zwar jetzt im ersten Moment nicht weiter, aber wenn ich es jetzt nicht festgehalten hätte, würde ich es morgen vielleicht nicht mehr wahr haben wollen oder es wieder "zuschütten".
Meni |
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| Meni hat zum Thema: Re: Ein bisschen von mir... Meni geschrieben
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Meni Gast
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Verfasst am: 22.11.2006, 19:15 Titel: Re: Ein bisschen von mir... Meni |
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Noch immer suche ich nach den "richtigen" Worten, in der Hoffnung, dass ich in mir selbst etwas bewegen kann, wenn ich das Kind beim Namen nenne.
Vermutlich habe ich mit der Vergangenheit doch nicht so gut abgeschlossen, wie ich es gerne glauben möchte - mein Vater hatte seinerzeit, zum ersten Mal, als ich neun Jahre alt war, Hand an mich gelegt und mich seinen sogenannten Freunden empfohlen, ich könne sogar besser küssen als meine Mutter, und sie hatte nichts dagegen unternommen, weil sie ihm hörig gewesen ist, und die Erfahrung, wenn ein fremder Mann nachts ins Kinderzimmer schleicht und seine stinkende Zunge in Deinen Mund steckt, aber "bitte, sag Deiner Mutti nichts davon", wünsche ich keinem... Ich hab's meiner Mutter erzählt, sie meinte, "Oje, wenn das Dein Vater wüsste, würde er dem die Freundschaft kündigen..." Dabei hatte sie zugesehen, wie mein Vater mir mit neun Zungenküsse beibrachte, meinen unschuldigen Schoß wohl positioniert auf seinem. -Jedenfalls denke ich, dass meine Sucht sich darauf letztendlich begründet - wenn man genug trinkt, muss man nicht mehr denken... Jemandem ganz vertrauen zu können ist schwierig, wenn es nicht mal bei den Menschen geklappt hat, bei denen es eigentlich am wichtigsten war.
Als junges Mädchen habe ich dann eine Schutzzone für mich eingerichtet, indem ich magersüchtig wurde. Das konnte ich allein entscheiden, niemand konnte das kontrollieren oder über mich bestimmen. Ich fühlte mich regelrecht fett, wenn die Waage mehr als 46 kg (heute 66, und ein paar Pfund dürften schon runter ) anzeigte. Über viele Jahre ging das so, ich genoss sogar im Nachhinein Krankheiten, die mit Diarrhoe einhergingen, weil ich mich dann so angenehm leer fühlte.
Ich habe in all den Jahren meiner langen Ehe und in den wenigen Beziehungen danach übrigens meinen Partnern den Höhepunkt vorgespielt, auch etwas, was nur ich kontrollieren konnte - ich wollte mich nicht "ausliefern".
Beides änderte sich, als ich vor drei Jahren meinen jetzigen Gefährten kennenlernte. Er war Balsam für mich, in jeder Hinsicht. Ich begann zu essen, anfangs unwillig und mit leichter Übelkeit, aber mit der Zeit normalisierte sich mein Essverhalten, bis ich es genoss. In der Liebe war es genauso, ich lernte durch ihn, wie schön es ist, eine Frau zu sein.
Ich zog dann zu ihm, etwa 300 km liegen zwischen meiner Heimatstadt und meinem neuen Zuhause. Etwas später zog seine jüngste Tochter zu uns. Eigentlich war ich sehr glücklich, nur ein Umstand machte mir sehr zu schaffen: Ich fühlte mich mit der Zeit immer mehr, als säße ich auf einer Sprungschanze. Wenn etwas nicht richtig lief, hatte ich das Gefühl, dass ich mit dem Rücken an der Wand stand, ich hatte dann mindestens zwei Gegenüber (meinen Gefährten und seine Tochter und manchmal auch seine beiden Eltern dazu). Er hatte mir oft genug versichert, dass ihm seine Töchter über alles gehen und er eher eine Trennung von mir durchziehen würde, als dass sich eines der Mädels unwohl fühlt. Was für ein Unsinn, dachte ich - als wir uns kennenlernten, wollte seine Kleine praktisch nichts von ihm wissen, ich hab mir ganz viel Mühe gegeben, zu vermitteln - und dann zog sie sogar zu uns.
Naja, mein mangelndes Selbstwertgefühl hielt der Situation nicht stand. Ich bekam immer öfter ärgerliche Blicke und Worte für Dinge, die sein Teenie eigentlich zu verantworten hatte, Kleinigkeiten eigentlich: Die Küche war vollgekrümelt, leere Klorollen nicht weggeräumt usw. Ich wusste ja, was ich in der Wohnung getan hatte (und was vor ihrem Einzug haushaltsmäßig nahezu perfekt gewesen war), aber dass die kleine Maus das hier eher für ein Hotel hält, merkte ich schnell und bekam von ihm dazu auch noch die entsprechenden Order: Sie sei als Gymnasiastin plus Musikunterricht entsprechend wenig zu belasten. Nicht, dass ich die perfekte Hausmutter bin, aber das Hinterherräumen ist doppelte Arbeit, und nichts sagen dürfen, hm, naja... Ich fühlte mich also manchmal an die Wand gestellt und richtig einsam.
Ich hatte einen irrsinnig anstrengenden Job und war abends nur noch mit den Nerven runter (jetzt zum Glück nicht mehr, bin total froh über meinen jetzigen Job und hoffe, dass ich nach der nächsten Befristung, sofern es klappen sollte, fest übernommen werde), naja, jedenfalls wollte ich eigentlich nur noch meine Ruhe haben. Ich hatte für ganz viele Dinge keine Kraft mehr, hatte das Gefühl, nichts richtig machen zu können, und was ich gut konnte (nämlich besser Handwerkern als Putzen) kam in meiner neuen Familie gar nicht gut an.
Am Wochenende hatte ich mich dann meist bis sonntags soweit erholt, dass ich dann geputzt und gebügelt habe. Ich hatte immer schon ganz gern etwas getrunken, aber allmählich wurde der Alkohol zum Zweck: Ich musste nicht soviel nachdenken, er betäubte meine dauernden Erschöpfungszustände und machte mich gleichgültiger. So konnte ich abends wenigstens einschlafen. Mich mit den Schwierigkeiten, die ich empfand und für die ich keine Lösung sah, musste ich mich so nicht auseinandersetzen. Ich empfand es so, als würden Dinge, die meine Familie und mich betrafen, aufgebauscht, und Dinge, die seine Familie betrafen, heruntergespielt. Ich trank dann immer regelmäßiger, betäubte mich. Das blieb natürlich niemandem verborgen. Schlimm wurde es für mich, als ich merkte, dass seine Kleine mit Halbwahrheiten durchkam, was ich ihr nicht mal übel nehmen konnte. Ich versank im Selbstmitleid und trank noch mehr. Irgendwann kam Wodka ins Spiel, obwohl ich wusste, dass ich harte Sachen nicht vertrage, sie schalten mein Gehirn aus und machen mich agressiv. Aber er wirkte schnell und roch nicht so verräterisch wie Wein oder Bier. Ich kaschierte es dann zuletzt mit "alkoholfreiem" Bier. Mein Freund ist nicht doof, er hat meinen Selbstbetrug noch vor mir erkannt. Jemand, der Alkohol plus Pfefferminzöl quasi zu seinen Getränken ernennt, verrät sich sowieso, abgesehen von meinen Agressivitäten, zu denen ich mich im nüchternen Zustand wohl nicht traute.
Das ist also mein Werdegang in den letzten drei Jahren. Ich habe meine Probleme nicht nur zum Teil selbst verursacht, sondern sie sogar gefördert, indem ich getrunken habe. Ich habe den Menschen, die ich lieb habe - und sie vermutlich auch mich, sonst wären sie ja nicht mehr hier - gar nicht die Möglichkeit gegeben, mir zu helfen. Ich hatte nicht den Mut.
Seit 17 Tagen verbessert sich mein Leben durch Nüchternheit. Ich bin in dieser kurzen Zeit bereits für viele Dinge aufmerksamer geworden. Ich nehme viele Vorkommnisse gar nicht mehr persönlich (das schlechte Säufergewissen entfällt) und habe das Gefühl, dass ich vielen Dingen gar nicht so hilflos gegenüber stehe, wie ich immer dachte.
Es geschehen plötzlich Dinge, die unwahrscheinlich schön sind. Meine Tohter, die lange Zeit herumeierte, erkennt plötzlich ihren Wert, will ihren Realschulabschluss nachholen und eine Ausbildung machen, die sie seit vielen Jahren im Auge hatte und sich nun auf einmal zutraut, egal, was andere von ihr denken (selbst ihr Vater hatte gesagt, das schaffst Du sowieso nicht). Ich könnte vor Freude heulen! Sie hat immer für sich alleine gekämpft und sich oft entmutigen lassen, außer mir hat irgendwie keiner an sie geglaubt, nun macht sie auf einmal Riesenschritte... Dass sie erkennt, dass sie es selbst in der Hand hat, ihr Leben zu steuern, macht mich glücklich. Wenn ich durch meine Entscheidung, nicht mehr zu trinken und die Verantwortung für mein Leben endlich zu übernehmen, nur ein Fitzelchen dazu beitragen konnte, sie stark zu machen, bestärkt es mich darin, dem Alkohol Ade zu sagen.
Meine Ziehtochter hat heute zwar wieder keinen Finger gerührt, mir dafür aber ein langes Gespräch voller Vertrauen geschenkt, das mir wie ein kostbarer Schatz ist, als sei ich ihre beste Freundin.
Ich denke immer, dass ich es nicht wert bin, mit meinen Macken geliebt zu werden, aber damit habe ich es mir zu leicht gemacht. Alle Menschen, die uns im Leben begegnen, setzen ihre Fußstapfen, auch ich bewirke das bei anderen, das wird mir immer mehr bewusst. Und ich wünsche mir so sehr, dass ich die negativen Stempel, die ich setzte, wieder gut machen kann. Ich war oft kein gutes Vorbild, und werde es niemals ganz sein (wie langweilig wäre das in Perfektion auch, man muss sich am Leben ja schließlich auch abschleifen dürfen mit seinen Ecken und Kanten).
Aber ich selbst und echt zu sein, ohne Tünche und Verstecken - das möchte ich.
Es fällt mir schwer, dies ohne Alkohol zu schaffen, er war mir zu lange eine unechte Stütze. Es fällt mir auch schwer, Euch dies zu erzählen. Aber nach zweieinhalb Wochen musste das mal raus, ich habe das Gefühl, sonst ersticke ich.
Meni |
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| Meni hat zum Thema: Re: Ein bisschen von mir... Meni geschrieben
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