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Old Flatterhand
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 14.08.2011
Beiträge: 275
Alter: 55

BeitragVerfasst am: 07.11.2011, 11:17    Titel: Nur heute Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Ja so woarns

Meine letzten fünf nassen Jahre
lebte ich mehr oder weniger
am Drogenumschlagplatz
einer ganz gewöhnlichen Stadt.
Morgens trudelte ich meist ein
und es waren immer dieselben Leute da.
Diejenigen aus der Notschlafstelle,
(sie musste um acht verlassen sein)
und die, die unbedingt was brauchten
und auch die, die was verticken wollten.
Ich selbst nahm nur sehr wenige
Tabletten und Drogen, vom
Haschisch mal abgesehen.
Alkohol war mein Ding.
Zwei, dreimal am Tag
kontrollierte die Polizei.
Wurde es mal eng trotteten
wir ein paar hundert Meter weiter
zu einem Ausweichplatz.
Es war eine gute Zeit.

Eine Alternative war die
Säufer Wg. Es war ein gemütliches
Zusammensein bei sinnlosen
Brett- und Würfelspielen und noch
hirnigeren Gesprächen.
Wurde Geld und Stoff knapp
(die Umrechnung erfolgte immer
ohne Umweg) eskalierte
die Situation immer in ziemlichen
Extremen.

Ab und zu gab jemand den Löffel ab.
Alle paar Wochen, oder
auch nur Tage ein neuer Kandidat
für eine tödliche Überdosis.
Wir alle auf der Scene waren dann
immer einhellig der Meinung das
X wohl übertrieben hat oder auch
das der verschreibende Arzt völlig
unverantwortlich das Falsche
verschrieben hatte.
Jemand musste ja schuld sein.

Am Abend fuhr ich dann mit
dem Bus nach Hause, oft ohne
irgendeine Erinnerung an die Heimkehr.
Ich fühlte mich nur sauelend morgens
beim Erwachen und schuldig
meines Tuns.
Zumindest brauchte ich mir Schuhe und
Hose nicht mehr anziehen.

In der vermüllten Wohnung
verbrachte ich dann oft Tage.
Nur mit Shit und Bölkstoff ausgestattet.
Ohne Zeitgefühl ist jetzt morgen, mittag
oder Abend , Freitag oder Sonntag.
Egal.
Was zählte war der Griff zur Flasche.

So dämmerte ich dahin mit
Filmrissen, die unbemerkt blieben.
Ging Flüssiges und Geld zu Ende
passierte immer dasselbe.
Trockenwürgen, Zittern,
Schweissausbrüche.
Damit nicht genug besuchten mich
die Geister und sprachen mit mir.
Lang und ausgiebig.
Ich muss sehr glücklich gewesen sein
damals.

Einmal wachte ich fixiert und mit Nadeln
in den Armen in einem Krankenhausbett auf .
Ich hatte gekocht und war eingeschlafen.
Die Nachbarn hatten aufgrund der
Rauchentwicklung den Notruf verständigt.
Der verkohlten Topf wurde von der
Feuerwehr auf den Balkon gestellt.
Vielleicht als Erinnerung.
Ich trank weiter.
Nur nicht unterkriegen lassen.

Hartnäckige Selbstmordgedanken
beherrschten mich und liessen sich
nur mit Quantum vertreiben.
Nervenzusammenbrüche häuften sich.
Ich lag auf dem Bett und heulte tagelang
über mein auswegloses Dilemma.

Einmal wollte ich mir nachts an
der Tankstelle Nachschub holen.
Flaumte die zufällig anwesenden
Polizisten an. Sie waren so nett
mich an einem Ort zu bringen, der
sich Ausnüchterungszelle nannte.
So konnte ich meine sozialen
Feldstudien um ein weiteres Spektrum
erweitern.

Kam der Scheck konnte es passieren
das ich mit dem Einlösen einenTag warten
musste,da ich nicht unterschreiben konnte.
Old Flatterhand...

Eines Morgens gegen sechs klingelte
und pochte es an der Tür.
Ich hatte es aufgegeben auf die Post
aus dem Briefkasten zu reagieren.
Nüchtern betrachtet wäre es mit einem
Schnippen des kleinen Fingers aus
der Welt zu schaffen gewesen.
Jetzt war es zu spät.
Die nächsten Wochen verbrachte ich
im Gefängnis. Vermisste nicht mal
den Alkohol.
Nach der Entlassung führte mich mein
erster Weg an den Kiosk.

Ich kniete neben dem Bett und bat Gott
nicht mehr trinken zu müssen.
Spätestens eine Stunde später
war ich beim Griechen.

Zahlte keine Miete mehr
da ich für mein Geld eine
bessere Verwendung sah.
Auf Mahnungen reagierte ich nicht.
Eines Abends kam ich Nachhause
und das Schloss war ausgewechselt.
Ich war obdachlos.

Campierte im Park, trank wie gewöhnlich,
wechselte keine Kleidung mehr und weiss
von meinen letzten nassen
Wochen kaum noch was.
Ein dreiwöchiges Blackout.

An einem Sonntagmorgen wachte
ich auf in meinem Zelt und fuhr
zur Suppenküche.
Ich hatte Hunger, kriegte es aber
nicht auf die Reihe den Löffel vom
Teller zum Mund zu jounglieren.
Old Flatterhand...

Ich fühlte mich so verzweifelt und unten.
Diese ganze Aussichtslosigkeit.

Ich fuhr hungrig in den Park zurück
Legte mich in den Schlafsack.
Ich hatte aufgegeben.

Dann dieser innerer Schrei
"Ich kann nicht mehr"
und während dieses Nachmittags
stürzte ein Stück innerer Mauer ein
und ich hatte zum ersten Mal die
Möglichkeit zu sehen wer ich war und bin:
ein Alkoholiker.

Seit diesem Tag hab ich nichts mehr
getrunken und das sind bis heute
genau 5300 Tage.
Nach oben
Old Flatterhand hat zum Thema: Nur heute geschrieben
zerfreila
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 01.01.2009
Beiträge: 10355
Wohnort: trocken seit: 07-06-2008

BeitragVerfasst am: 07.11.2011, 11:49    Titel: Re: Nur heute Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Old Flatterhand,

was Du schreibst, bewegt mich sehr. Danke für Deine Offenheit, Danke für diesen Beitrag. Herzlichen Glückwunsch zu 5.300 Tagen.

Liebe Grüße, zerfreila
Nach oben
zerfreila hat zum Thema: Re: Nur heute geschrieben
silberkralle
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 04.12.2009
Beiträge: 4502
Alter: 60
Wohnort: Wilkau-Haßlau

BeitragVerfasst am: 07.11.2011, 12:52    Titel: Re: Nur heute Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

glück auf of

Old Flatterhand hat Folgendes geschrieben:
genau 5300 Tage.

gratulation du weißt offensichtlich wo du niiiiee wieder hin willst.

schöne zeit

Sehr glücklich
matthias
Nach oben
silberkralle hat zum Thema: Re: Nur heute geschrieben
klarerkopf
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 31.12.2007
Beiträge: 122
Alter: 47
Wohnort: Österreich

BeitragVerfasst am: 07.11.2011, 13:27    Titel: Re: Nur heute Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo OF,

diese Art, die Vergangenheit zu beschreiben, sagt mir immer am meisten zu. Da kann man sich den ganzen Sch.... wieder so richtig bildlich vorstellen, verbunden mit den ganzen (verschwommenen) Emotionen damals.

Ja, ich war nicht ganz so weit, aber die Richtung hatte ich schon eingeschlagen. Dann aber, wie es ein Leidensgenosse von mir immer ausdrückt, "die Kurve gekratzt".

Lass mal rechnen, 5300 : 365 = mehr als 14 Jahre!

Hab zwar erst 2204 Tage, aber was für mich weit wichtiger ist:

Das selbe Ziel, nämlich ein Leben ohne Alkohol

Ich wünsch dir, uns und jedem, der sich dafür entschieden hat, und sei es auch erst vor kurzer Zeit, daß er eben diesen eingeschlagenen Weg ohne wenn und aber für sich gehen kann.

klarerkopf
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klarerkopf hat zum Thema: Re: Nur heute geschrieben
uwe.rothaemel
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 26.05.2010
Beiträge: 392
Wohnort: Lauf a.d. Pegnitz

BeitragVerfasst am: 08.11.2011, 01:25    Titel: Re: Nur heute Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

RESPEKT
Nach oben
uwe.rothaemel hat zum Thema: Re: Nur heute geschrieben
Old Flatterhand
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 14.08.2011
Beiträge: 275
Alter: 55

BeitragVerfasst am: 08.11.2011, 15:47    Titel: Re: Nur heute Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Vielen Dank für die durchwegs positive
Resonanz auf meinen ersten Beitrag.

Es gab genau drei Gruppen
in der Stadt,die sich innerhalb
der Grösse eines halben
Fussballfeldes aufhielten.

Zum einen waren die Klassichen
(reine Schnapsler, eine aussterbende Art,
den Politoxen gehört wohl die Zukunft)
zumeist Männer über vierzig,
kaum eine Frau darunter.
Alle hatten mal geordnet
angefangen und immer war
beim Absturz der Alkohol im Spiel.
Den Job verloren, die Frau
verprügelt, das Sparschwein der
Kinder in die Kneipe gebracht.
Mir kann das nie passieren
hatten alle mal gedacht
bevor die Reise begann.

Jetzt waren sie angekommen.
Ihre Körper und Gesichter waren
gekennzeichnet.
Die Spuren von Korsakow
und Tremens.
Faule Stummel in ihren Mündern.
Sie tranken nur noch hart.
Ausserhalb ihrer Gruppe hatten
sie keinen Kontakt mehr.
Die bevorzugten Todesarten:
Leberzhirrhose, Bauchspeicheldrüse,
Tod durch Erfrieren.

Dann gab es die Punks mit ihren
ganzen Ratten und Hunden.
Sie suchten die Wärme und Liebe, die
sie in ihrem Elternhaus, Patchwork
oder Heim nicht kennengelernt hatten.
Das Schnorren und miteinanderteilen
bei teils sehr heftigen Strassenevents
von Bier und bestimmten Mischungen,
Besuch von Punkkonzerten gab ihnen
das gewisse Gruppengefühl.
Es war nicht echt.
Viele landeten in meiner Gruppe.

Und wir waren die Grössten.
Wir tickten und checkten und liessen
es uns gutgehen.
Jeden Tag kamen die Sanis und
brachten jemanden der grad als
Medikamentenleiche rumlag
auf Entgiftung.
Am nächsten Tag war dieser
Mensch wieder da und hatte
was zu erzählen.

Die ungeschriebenen Sceneregeln
waren hart.
Es gab da eine Abwechslung an der
ich Gott sei Dank nicht beteiligt war.
Häufiger gab es Schlägereien,
wobei sich auch die Frauen hervortaten.
Immer ging es um linke Dohlen, wie
im Jargon das Nichtbezahlen von
Vereinbarungen genannt wird.
Leider war immer sofort die
Polizei zur Stelle und
schlichtete.
Spassverderber ganz einfach.

Im Winter drückten wir uns in
eine windige Kaskade und tranken
Bier das nur geringfügig wärmer
als der Gefrierpunkt war.
Dafür war das Bier im Sommer
brühwarm und zum Kühlen
war keine Gelegenheit,
Der unbestreitbare Vorteil:
es knallte besser.

Bleiben die Toten, es waren weit
über hundert die ich hier
nur als X und Y bezeichnen kann,
doch sie hatten Namen und
Gesichter,
Die meisten waren sehr jung.
X war siebzehn, die Y achtzehn Jahre.
Wir waren monate- und jahrelang
am Treff zusammen, sprachen über
unsere Wünsche, Träume, Pläne.

Ihnen ist der Thread gewidmet.

Ich musste ihr Sterben abspalten
um selbst nicht realisieren zu
müssen das ich zu den Todgeweihten
gehörte.

Möge keiner glauben.
Das kann mir nicht passieren.
Nach oben
Old Flatterhand hat zum Thema: Re: Nur heute geschrieben
silberkralle
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 04.12.2009
Beiträge: 4502
Alter: 60
Wohnort: Wilkau-Haßlau

BeitragVerfasst am: 08.11.2011, 16:24    Titel: Re: Nur heute Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

glück auf of

der erste teil hat mir besser gefallen, da gings mehr um dich und weniger um die anderen.
Old Flatterhand hat Folgendes geschrieben:
dieser innerer Schrei
"Ich kann nicht mehr"
was kam nach dem schrei?
Old Flatterhand hat Folgendes geschrieben:
stürzte ein Stück innerer Mauer ein
wie bist du unter den trümmern hervorgekommen?

Old Flatterhand hat Folgendes geschrieben:
Ich musste ihr Sterben abspalten
um selbst nicht realisieren zu
müssen das ich zu den Todgeweihten
gehörte.
tut immer noch bissl weh - ab und zu - stimmt s

schöne zeit

Sehr glücklich
matthias
Nach oben
silberkralle hat zum Thema: Re: Nur heute geschrieben
uwe.rothaemel
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 26.05.2010
Beiträge: 392
Wohnort: Lauf a.d. Pegnitz

BeitragVerfasst am: 08.11.2011, 17:20    Titel: Re: Nur heute Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Old Flatterhand
„Muss ich erst sterben um zu leben?“ schon der heilige Augustinus schrieb: „Nur angesichts des Todes wird das Selbst des Menschen geboren.“ Und eine Reihe anderer große Lehrer haben durch alle Zeiten hindurch daran erinnert, dass der Tod an sich unsere Existenz zerstört, aber die Idee – der Gedanke an die Sterblichkeit – uns befreien kann.
Heute kann schon der Verlust banaler Dinge, wie Äußerlichkeit, Stil, Vermögen und Ansehen zum Umdenken verleiten, weil wir solche Nichtigkeiten schon als lebensnotwendig erfahren. Doch wirkliche Veränderung erstrebe ich meist erst dann, wenn ich mich meiner einmaligen Chancen bewusst werde. Die Unausweichbarkeit und unveränderlichen Charakteristika des Lebens und des Sterbens vor Augen führen und begreifen kann.
So habe auch ich erst begonnen mir meiner Verantwortung bewusst zu werden, wo die Angst vorm sterben ohne „richtig“ gelebt zuhaben größer war, als die Furcht vor dem Tod (und ich hatte meine Wohnung nicht aufgeräumt –Scham spielt immer wieder seine Rolle).
Heute kann ich Sachen schätzen, die mir verborgen geblieben sind, da mir das Wunder das sie sind, viel bewusster ist (nicht wie es ist, sondern das es ist macht das Mysterium).
Gruß - Uwe
Nach oben
uwe.rothaemel hat zum Thema: Re: Nur heute geschrieben

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