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Notwendige Zeit für die Nüchternheit

 
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Mein Rückfall nach jeweils einem Jahr   •    Ich habe es geschafft - hoffe ich doch  
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Karsten
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BeitragVerfasst am: 16.07.2011, 10:26    Titel: Notwendige Zeit für die Nüchternheit Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo,

ich möchte hier mal ein Thema aufgreifen, was in vielen anderen Themen zum Ausdruck kommt.
Ich habe ja zu meiner nassen Zeit nur Menschen gekannt, die auch tranken. Ich habe nur Orte gekannt, wo es eben um das Trinken ging. Ich habe nur Dinge getan, wo ich auch dazu trinken konnte.
Kurz, mein ganzes Leben bestand nur aus dem Kontakt zum Alkohol.

Eine bessere Basis konnte es für mich gar nicht geben, als ich endlich meinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hatte.

Motivation zu meinem Weg.

Warum habe ich den Weg über eine Wohngeneinschaft der Selbsthilfe gewählt?

Mir standen natürlich auch andere Wege offen. Ich hätte damals nach einer meiner Entgiftungen zum Sozialamt gehen können, mir dort eine Wohnung, inkl. Wohnungseinrichtung, finanzieren lassen können, was sicherlich schnell gegangen wäre. Wie hier oft geschrieben wird, besteht dann das Risiko der Vereinsamung. Freunde in dem Sinne gab es nicht und auch die familiäre Bindung war nicht vorhanden, die mich hätten unterstützen können. Was hätte mir also eine Wohnung genutzt? Sicherlich nicht viel, denn da wäre ich alleine, was eben ein hohes Risiko für ein trockenes Leben ist.
Durch meine Gruppenbesuche in meinen früheren Trinkpausen habe ich zu mindestens eins schon mal gelernt, dass die Nüchternheit nicht von heute auf morgen kommt. Das braucht Zeit und mitunter sehr viele Jahre. Ich investierte also einige Jahre in mein neues Leben, weil mir das sicherer schien, als wieder alles auf ruck zuck erreichen zu wollen, was ja bisher auch nicht funktioniert hatte.

Ich „begab“ mich also damals am 25.01.1999 ziemlich angetrunken ( „begab in Anführungszeiten, weil, wer meine Geschichte kennt, weiß, dass es damals an diesem Tag für mich nicht so einfach war ) in die Wohngemeinschaft, mit dem Ziel, lange Zeit meines Lebens in das Erlernen von Grundlagen zur Nüchternheit zu investieren. Dort verbrachte ich ca. 1,5 Jahre, ohne mir materielle Dinge ( Wohnung, Arbeit, Ausbildung und schon gar kein Geld ) aufbauen zu können. Es ging einzig alleine darum, an Hand von Erfahrungen anderer schon lange trocken lebender Mitbewohner, die Basis der Nüchternheit zu verstehen und anzuwenden.
Nach dieser Zeit wagte ich es ( damals mit einer dort kennengelernten Frau ) eine eigene Wohnung zu beziehen, die wir dann auch über das Sozialamt bekamen.

Zu dieser Zeit hatte ich „nur“ erreicht, das ich lernen durfte, wie man nüchtern bleiben konnte. Nun kam das wahre Leben und das musste auch finanziert werden, wobei es hier auch um die Frage ging, eine zufriedene Zukunft zu erreichen. In meinem Beruf als BMSR Techniker habe ich ewig nicht mehr gearbeitet und wie ich auf dem Arbeitsamt erfahren musste, wurde dieser Beruf von der Bundesrepublik auch nicht anerkannt. ( Die böse Gesellschaft, die mir nichts gönnte Smilie )
Eine Umschulung konnte ich auch nicht machen, weil ich darauf keinen Anspruch hatte als Sozialhilfeempfänger. Also ging es erst mal darum, mir diesen Anspruch als Hilfsarbeiter zu erarbeiten. Das bedeutete, wieder ein Jahr in meine Zukunft zu investieren. Ich arbeitete über eine Leiharbeitsfirma ca. 15 Monate in einem Kohlekraftwerk. Dann hatte ich den Anspruch auf eine Umschulung, welche ich dann auch beantragte und genehmigt bekam.
Nun ging es wieder darum, fast drei Jahre in das Erlernen eines neuen Berufes zum Informationselektroniker zu investieren. Natürlich war das in meinem Alter nicht einfach, wieder die Schulbank zu drücken, aber ich schaffte die Ausbildung.
Ich hatte also über fünf Jahre investiert, um mir etwas aufzubauen, was meine zufriedene Nüchternheit bedeuten sollte.
Ich habe aber meine Lebenszeit gern investiert, denn ich wusste wo für. Ich habe gelernt, dass neben Zielen und dem Ehrgeiz, diese Ziele auch zu erreichen, ich selbst gewachsen bin. Ich habe mir selbst gezeigt, dass ich alles erreichen kann, wenn ich mir die Zeit gebe und nüchtern bleibe.

Das mir diese ganze zeitliche Investition nichts gebracht hat, weil so eine Umschulung in einem höherem Alter völliger Quatsch und sinnlos ist, musste ich dann leider auch erfahren.
Ich war aber in meiner Nüchternheit schon etwas gefestigt, so das ich diesen Tiefschlag auch verarbeiten konnte.

Ich hatte mir neue Ziele gesteckt, die wiederum viele Jahre an Zeit benötigen werden, aber auch das Ziel werde ich erreichen, egal wie schwer es werden wird.

Wer bis hier gelesen hat, wird sich vielleicht fragen, was dieser Beitrag soll?

In wenigen Worten gesagt. Schaut nach vorn, aber vergesst nicht, dass eine zeitliche Investition ins neue Leben das Wichtigste ist.

Gruß
Karsten
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Karsten hat zum Thema: Notwendige Zeit für die Nüchternheit geschrieben
drybabe
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Wohnort: Hamburg trocken seit 18.08.2009

BeitragVerfasst am: 16.07.2011, 18:10    Titel: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Moin Karsten!
Ich finde diesen Aspekt der Zeit auch extrem wichtig. Ich möchte einmal kurz schildern, wie lange es bei mir gedauert hat, bis ich eingesehen habe, dass nur eine absolute Trockenheit ein weiteres Leben ermöglicht.
Das erste Mal zu einer stationären Entgiftung bin ich im Nov.08 für knapp 10 Tage. Danach war ich so ca. 4-6 Wochen nichttrinkend. Kurz nach Sylvester wollte ich es wieder wissen, ob ich "es kann". Es folgte eine kurzstationäre Entgiftung von 2 Tagen (Trockenschleudern). Dann Trinkpausen, die immer kürzer wurden. Im Mai 09 schließlich 2. stationäre Entgiftung und Aufpäppeln in der Psychiatrie für insgesamt 4 Wochen. Danach im Anschluß Tagesklinik, hier wurde ich wieder rückfällig. Konnte aber die 2 Monate Tagesklinik als Motivationsbehandlung dennoch regulär "abschließen". Danach hieß es dann warten auf den LZT-Platz, was so ca. 4 Wochen dauerte. In dieser Zeit immer wieder rückfällig, ambulante Entgiftungen (ich glaube, insgesamt waren es 3). Dann am 17.08.09 mein persönlicher Tiefpunkt. Am 1.9.09 Beginn der LZT bis kurz vor Weihnachten.
Insgesamt war ich gut 1 Jahr arbeitsunfähig.
Ich möchte damit sagen, dass es sehr unterschiedliche Wege gibt und dass man auf jeden Fall alle Möglichkeiten, die einem angeboten werden, annehmen sollten. Bei mir persönlich war es die LZT, die mir, so sehe ich es heute, das Leben gerettet hat.
Man hat so lange gesoffen, Jahre, Jahrzehnte, da braucht es eben auch Zeit, bis man eine Trockenheit und gute Abstinenz erreicht. Und wenn es geht, mit professioneller Hilfe.
Anfänglich war ich so arrogant und habe gesagt, ach, das schaff ich schon alleine. Brauche keinen Mackendoktor.
Heute bin ich da wesentlich bescheidener und vor allem sehr, sehr dankbar, dass es viele gute professionelle Hilfsangebote gibt.
Auf dem Weg zur LZT habe ich von Xavier Naidoo das Lied "Der Weg" gehört.
Für mich nach wie vor der Weg und zwar der einzige.
Schöne Grüße
drybabe
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drybabe hat zum Thema: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit geschrieben
Karsten
Administrator
Administrator


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
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BeitragVerfasst am: 16.07.2011, 18:28    Titel: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo drybabe,

da die Zeit eines der wichtigsten Faktoren ist, kann ich ja in den vielen Tagebüchern lesen, wo es über Jahre hinweg Veränderungen gegeben hat, die letztendlich zu einer zufriedenen Nüchterheit geführt hat.

Für mich waren diese Jahre sehr wichtig, weil ich dadurch erkannt habe, dass man etwas tun muss und nicht darauf warten kann, dass einen die Nüchternheit hinterher rennt.

Hilfe muss man sich erarbeiten können.

Gruß
Karsten
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Karsten hat zum Thema: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit geschrieben
kommal
sehr aktiver Teilnehmer


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Beiträge: 6388
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Wohnort: Niederrhein

BeitragVerfasst am: 17.07.2011, 05:06    Titel: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Karsten.

Zitat:
Hilfe muss man sich erarbeiten können.

Und dazu habe ich Hilfe bekommen und angenommen.

Ich habe in dieser Zeit alles, was bis dahin mein Leben bestimmt hat außen vorgelassen.

Die zehn Tage in der Entgiftung. Ich habe gelernt zu vertrauen und zu tun, was mir das Personal sagte.

Die vier Monate danach dort bis zur LZT- Zwei Tage pro Woche, aber die restliche Zeit konnte ich schon gut nutzen: Für mich.

Die vier Monate LZT: Hier habe ich mich wieder gefunden, konnte die Werkzeuge für mein trockenes Haus mitnehmen.

Und beim Umbau habe ich mir vor ca. fünf Jahren ein tolles Zimmer eingerichtet: HIER.

LG kommal
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kommal hat zum Thema: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit geschrieben
Maria
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 21.10.2007
Beiträge: 5582

BeitragVerfasst am: 17.07.2011, 10:23    Titel: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Karsten,

ich finde den Aspekt der Zeit auch sehr wichtig.

Rückblickend gesehen hat es bei mir eine eigene Zeitspanne in Anspruch genommen, dass dies bei mir angekommen ist und ich mir mein Recht auf Entwicklung zugestanden habe.

Anfangs habe ich mir regelrecht Druck damit gemacht, von jetzt auf gleich trocken zu sein.
Dabei fängt es jedoch ganz anders an, nämlich erst einmal damit trocken zu werden und jeden Tag daran zu arbeiten, eine Grundlage zu schaffen, die mich dauerhaft trocken bleiben lässt.

Maria
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Maria hat zum Thema: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit geschrieben
silberkralle
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 04.12.2009
Beiträge: 4502
Alter: 60
Wohnort: Wilkau-Haßlau

BeitragVerfasst am: 18.07.2011, 08:45    Titel: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

glück auf alle

hab ne weile drüber nachgedacht (verschwendete zeit? nönönönö). für mich erscheint es am wichtigsten die zeit sinnvoll zu nutzen. dabei kann es sich später durchaus herausstellen, dass das, was ich zur jeweiligen zeit und unter berücksichtigung aller, mir zu dieser zeit zur verfügung stehenden fakten, für sinnvoll erachtete, scheinbar wenig sinnvoll war. ich hab mir angewöhnt ohne bedauern auf die vergangenheit zurückzuschauen. ich konzentrier mich auf die gegenwart und plane die zukunft, um möglichst viel zeit sinnvoll zu nutzen.

glück auf karsten
Karsten hat Folgendes geschrieben:
Das mir diese ganze zeitliche Investition nichts gebracht hat,
?????? vieleicht wars gut fürs uns, fürs forum. für dich wars gut - du weist jetzt, dass du fast alles schaffen kannst.

allen ne schöne sinnvoll ausgefüllte zeit

Sehr glücklich
matthias
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silberkralle hat zum Thema: Re: Notwendige Zeit für die Nüchternheit geschrieben

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