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Schon viel zu lange "artig" gewesen ...

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Wolfsfrau
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Anmeldungsdatum: 27.01.2011
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BeitragVerfasst am: 18.02.2011, 15:42    Titel: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Ein "Hallo" in Eure Runde,

ich habe jetzt schon sehr viel im EKA-Board mitgelesen. Der Hammer, was ich da so fand. Als wäre es meine Geschichte. Danke für Eure Offenheit!

Auch ich bin eine EKA und ich freue mich, Euch hier gefunden zu haben.
Der Alkohol war bei uns schon immer ein gepflegtes Zubehör daheim. Als Kind fand ich ein Glas Wein zum Essen (für meine Eltern) normal, am Abend zum Abspannen ebenso. Oder zum Grillen einige Bier in der Runde. Es ging immer gelöst und freundlich zu, keine Aussetzer oder Auffälligkeiten. Und ich liebte es, wenn meine Eltern Gäste hatten, dann war es viel lebendiger. Heute trinkt nur noch meine Mutter, mein Vater muss abstinent leben.

Da ich mit 18 zu Hause ausgezogen bin, ein Jahr im Ausland war und danach auch gut durchs Studium gekommen bin, war äußerlich mit mir lange alles "normal". Erst nach dem Studium kam der Einbruch, als nichts mehr vorgegeben war und ich keine eigenen Ziele in mir fand. Mir fehlte das Gefühl dafür, wer ich war, dass ich "in Ordnung" war, Stärken hatte, und vor Menschen bestehen konnte.
(Zu Hause habe ich dauerhafte Kritik erlebt, wenig Lob, Wärme, Wertschätzung. Das wurde mir aber erst in den vergangenen 15 Jahren klar, seit ich mich in andere Kontakte gewagt habe und weiß, wie es ist, echte Nähe zu teilen. Wieviel Kraft mir gute Kontakte geben, und dass ich wachse.)

Auch in meinen Beziehungen zu Männern fand ich lange Zeit "normal", was mir inzwischen deutlich zu wenig wäre. Ich begnügte mich mit sehr wenig Nähe, forderte nichts ein, klagte bestenfalls und litt, bis ich eben ging. Ich dachte, so seien "die" Männer, und Beziehungen seien eben so. (Bitte nicht wörtlich nehmen, ich weiß es inzwischen anders.)

Irgendwann begann ich, mich dafür zu schämen, dass bei mir alles "anders" war. Ich brauchte und brauche mehr Rückversicherung in meinen Kontakten, ich kann mich schwer durchsetzen, wenn etwas auf dem Spiel stet, meine Stärken existieren, aber ich setze sie nicht um, verzichte auf Macht, habe wenig Zutrauen in mich und darin, dass alles mit mir "stimmt", auch vor anderen. Besonders im Umgang mit meinen Gefühlen kämpfe ich.

Und damit bin ich bei meiner Co-Abhängigkeit als EKA angekommen:

Ich erkenne allmählich, dass ich im Umgang mit Menschen und mir selbst einen guten Teil der EKS-Palette an Merkmalen in mir vereine. Das unbemerkte Abgehen von meinem eigenen Gefühl ist der störendste Teil davon. Es bringt mich von mir weg, vom Aufspüren eigener Ziele (innere Stimme), und ich suche Sicherheit einer Idee oder eines Plans eher im Außen, als dass mich meine Überzeugung voran trägt. Das ärgert mich!

Nützt nichts, ich weiß. Aber ich sitze auf einer Reihe von Talenten und finde nicht ins Arbeitsleben. Das ist meine offensichtlichste Baustelle, da kreuzen sich alle "Lücken" meiner inneren Entwicklung. Geringes Selbstvertrauen und doch zugleich ein Riesenwunsch, endlich etwas Bedeutendes zu leisten.
(Als Einzelkind in süchtiger, gefühls-freier Umgebung war ich bereits eine Leisterin, alles mich betreffende allein zu schaffen, um mich vor Kritik zu schützen. Vielleicht will ich einfach nichts mehr "so" leisten, wie ich damals musste: Mithalten, egal was ich brauche, nur um Kritik abzuwehren.)

Erst durch eine erneute Therapie bin ich darauf aufmerksam geworden, dass meine Schwierigkeit, mir meinen Platz zu nehmen, mit der emotionalen Unaufrichtigkeit in meiner Ursprungsfamilie zu tun haben kann. Wir sind alle "lieb" zu einander, such(t)en Verbindung in äußeren Ritualen (gutes Essen), während eigentlich überhaupt kein innerer Kontakt von Ehrlichkeit zu Ehrlichkeit besteht. Grenzen wurden einseitig an mich kommuniziert (Ge- und Verbote), ich selbst habe lange keine gezeigt. Und Konflikte "wollen wir nicht". Allerdings wirft der Teppich schon Buckel, und die Sessel wackeln ziemlich darauf.

Ich bin drauf gekommen, dass ich mich in diesem Spiel (Alkoholproblem leugnen, durchs Mitmachen und Nichtssagen) in meiner Kraft völlig binden lasse, immer zu "verstehen" versucht habe, nie in eigener Sache laut werde, bei inakzeptabler Kritik nicht für mich einstehe, etc. - Kurz: Dass es mich nicht wirklich mit eigenen Konturen gibt, weil ich sie nicht zu zeigen wag(t)e. Inzwischen ist mein Wutpegel darüber aber genug angestiegen, dass ich zuversichtlich bin, das irgendwann auf meine Weise noch zu schaffen.

Ein Grund für diese Wut ist vor allem, dass ich erkenne, welche Rolle ich als Kind zu Hause für meine Eltern spiele. In ihrer Welt haben sie immer noch die Staatsgewalt im freien Befinden darüber, welches Qualitätssiegel mein Leben verdient. Und jetzt kommt's: Wenn ich das Alkohol-Thema (meiner Mutter) berühre, oder die Belastung für den Co (mein Vater), kommt jeweils von beiden ein kurzer Verweis auf mein berufliches Versagen - und dass sie ihr Leben diesbezüglich schließlich prima auf die Reihe kriegen (Mutter) bzw. sich von mir, die ich das nicht vorweisen kann, ganz sicher keinen Tipp abholen (Vater). Fertig. - Und inzwischen ist mir klar, warum: Leugnen.

Ich mache da nicht mehr mit! Es macht mich sauer, dass ich da völlig umsonst um Gesundungsmöglichkeiten "werbe" (AA bzw. Al-Anon), mit echtem Interesse und Mitgefühl. Ich bekomme ja die Dauerspannung zwischen den beiden mit, und den körperlichen Abbau meiner Mutter. Die sind auf einer ganz anderen Ebene unterwegs, ich störe den Schaltkreis, werde weder in meiner eigenen Art zugelassen (angehört, Gefühlsdinge sind lästig) noch als ebenbürtig anerkannt. Und ich fühle die Trauer, die Depression, die Wut, die Resignation, die eigentlich dort herrscht. Wie kann das sein?

Erst kürzlich machte mich jemand darauf aufmerksam, dass genau das Co-Abhängigkeit meint: Auch die Gefühle der anderen für sie zu erledigen! Ich war platt. Wie lange schon bin ich in stiller oder klarer Trauer um meine Mutter und ihre (in meinen Augen) magere Ehe gekreist. Wie "hilflos" und zur-Macht-nicht-berechtigt habe ich mich hier (solidarisch?) im Standgas aufgehalten, statt wenigstens in meinem eigenen Leben voran zu schreiten und meinem Weg selbst Form zu geben? (Eine ganz neue natürlich, nicht dieselbe.) Ich habe bis jetzt unbewusst versucht, meine Eltern "mitzunehmen" (wenn es Euch gut geht, darf ich mich entfernen, so etwa), bzw. mich selbst nicht einfach abzuwenden, indem ich nur mir und meinem Bedürfnis folge.

Immer war da der Gedanke: Erst alles daheim klar haben (den Alkoholismus betreffend), dann kann ich mich in meine eigenes Leben absetzen. - Jetzt wird mir klar, wie idiotisch und aussichtslos dieser Anspruch an mich selbst ist. Wer hat die Macht, mir zu sagen, ich hätte treu zu bleiben, selbst wenn ich erkenne, wie sehr mich dieses System schädigt? Die lasse ich einfach zu. Und wer kann einen Suchtabhängigen umstimmen? Niemand.

Ich erkenne, wie sehr ich selbst Hilfe brauche, um von diesem ungesunden Denken wegzukommen. Ich bin es, die Hilfe braucht (ebenso wie meine Eltern ihre eigene). Ich will nicht länger recyclen, was bei uns daheim einfach nicht angeschaut wird. Das raubt mir meine eigene Energie, beschwert mich, und ich muss den anfallenden Müll entsorgen. Alles Tätigkeiten, die mich davon abhalten, mein Leben zu genießen! Echt, ich habe keine Lust mehr dazu!

Schön, dass ich mit alldem hier nicht alleine unterwegs bin.
Danke fürs Lesen.

liebe Grüße
von der Wolfsfrau
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Wolfsfrau hat zum Thema: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... geschrieben
Mikesch
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 19.04.2010
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Alter: 44

BeitragVerfasst am: 19.02.2011, 09:43    Titel: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Liebe Wolfsfrau,

ein Talent hast du sicher: du schreibst unheimlich gut!

Ich bin schwer beeindruckt, wie klar du siehst und wie gut du das in Worte umsetzt!

Was die Macht hat (hatte), dich zu halten? Alte Erfahrungen: als Kind so gelernt, dass man ausgleichen, aushalten, dranbleiben muss, ohne eine Wahl zu haben.

Inzwischen verstehst du dich selbst und die Mechanismen und brichst auf Smilie
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Mikesch hat zum Thema: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... geschrieben
Wolfsfrau
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 27.01.2011
Beiträge: 56
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 19.02.2011, 13:47    Titel: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo, und Danke, liebe Mikesch,

für Dein spontanes Feedback. Das macht mir Mut. (Und Danke für das Kompliment zum Schreiben.) Schön, dass Du mich hier liest. Ich denke, ich brauche noch einiges an Zuspruch von Euch Menschen, hier, für meinen eigenen Start.

Der nächste Schritt ist nämlich um einiges schwieriger: "Es" meiner Mutter zu sagen, dass ich aus der Co-Nummer (und meiner Selbstbeschränkung) raus will bzw. bin. Es ist nämlich so, dass sie im Wesen der liebste Mensch auf Erden ist und mich nie an ihrer Liebe hat zweifeln lassen. (Egal mal, ob alkoholbedingte innere Abwesenheit bewusst geschieht oder nicht.) Und jetzt muss/will ich ihr sagen, dass ich (konkret gesagt) ihren Anblick nicht ertrage, wenn ich - und sei es nur bei einem Kurzbesuch - vor ihr sitze.

Sie, ganz bemüht, in der Gastgeberrolle, zugewandt etc., aber selbst nur ein Schatten von sich. Das war emotional schon vorher so, dass sie nicht sich selbst, sondern eher Futterschälchen geben kann, aber jetzt wird's richtig krass, weil sie auch körperlich "verschwindet" (immer dünner wird). Ich fühle mich da irgendwie doppelt verlassen, innerlich, und künftig ja irgendwann auch in der Vergänglichkeit. Deshalb schlägt es bei mir Alarm. Ich habe irgendwie den Impuls, irgend jemand muss es ihr sagen, dass es "so" nicht beliebig weiter geht, dass sie mich da quasi zum Zuschauer ihres Selbstmords auf Raten macht. Das ertrage ich einfach nicht. (Muss ich auch als Kind nicht gut finden, ich weiß.)

Ich sitze jetzt seit einiger Zeit an einem Brief an sie, möchte mich da auch nach außen klar neu positionieren, und stochere mich von Runde zu Runde, bis ich das Gefühl habe, jetzt weiß ich, was ich wirklich sagen will, und bin auch bereit (schluck), die Konsequenzen (sie sich selbst zu überlassen) selbst anzunehmen. Ich merke es am Schreiben, dass ich da über viele eigene Motive stolpere. Die nützen ihr aber nichts, ich will nicht um sie jammern. Ich will eher sagen: Erwarte bitte nicht, dass ich weiter mitmache, durchs Mit-Schweigen und Leugnen. Ich will mich frei machen.

Das Umsetzen ist ein echter Prüfstein für meine innere Unabhängigkeit. Ich weiß (im Kopf), ich kann nur für mich selbst sorgen, ebenso wie jeder andere das auch darf und sollte, und trotzdem fällt mir dieses nötige Loslassen so schwer. Ich habe auch Angst um sie, da ich um ihre innere Einsamkeit weiß. Das ist so schwer, bei all dem Wissen trotzdem knallhart das eigene Revier und Glück (incl. Wegbleiben von zu Hause) zu beanspruchen, statt weiter dort "helfen" (?) zu wollen. Als Mensch ist sie mir beileibe nicht egal.

Da stehe ich gerade, und ich bin froh, hier im EKA-Bereich auch durch Eure Beiträge viel innere Ermutigung zu erfahren.

Ist das mit dem Brief überhaupt eine gute Idee? Ein persönliches Gespräch ist für mich nicht vorstellbar, in all der erstarrten Routine dann plötzlich eine Hilfs-Broschüre rüber zu schieben - undenkbar, irgendwie. Total schräg.

Aber ich möchte doch einmal gesagt haben, was ich "sehe", weil es sonst niemand tun wird. Beide leben sehr isoliert, so dass die Info "Achtung, es naht Lebensgefahr" (Spätstadium) von niemandem ausgesprochen wird. Auch kein "Auffliegen" ist zu erwarten, da meine Mutter tadellos in ihrem Alltag funktioniert, sogar bei der Arbeit. Ich will nur den Wink geben, damit ich weiß, ich habe getan, was ich tun kann. - Aber allein das ist so ungewohnt und schwierig. Ich muss mich da echt selbst ans Händchen nehmen, wie es aussieht.

Das war so noch nie da, außer bei endenden Partnerschaften, dass ich wählen musste: Ich (meine Bedürfnisse) oder Er/Wir. Aber gegenüber meiner eigenen Mutter diese Härte zeigen, puh. Da muss ich ja auch meine gewünschte Nähe zu ihr verabschieden, und das tut doch ganz schön weh.

Wenn ihr hier ähnliches schon durch habt, würde ich mich über Antworten freuen, wie ihr das innerlich gepackt habt, mit den Schei**-Schuldgefühlen. Bei mir greift immer Verstehen-wollen vor der eigenen Wut und Empörung. Wie ist das bei Euch gewesen?

fragt die Wolfsfrau
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Wolfsfrau hat zum Thema: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... geschrieben
Bernd
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 04.02.2011
Beiträge: 47
Alter: 35

BeitragVerfasst am: 19.02.2011, 17:05    Titel: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Wolfsfrau,

ja es ist nicht einfach den Eltern oder einem Elternteil zu sagen das er oder sie das Problem mit dem Alkohol hat.
Selbst wenn Du es Deine Mutter sagst ist immer noch die Frage :Wie reagiert sie drauf?
Mein Vater hat auch über einen langen langen Zeitraum getrunken und ist jetzt nach vielen Anläufen und LZT endlich trocken.
Schön ist das Du erkannt hast das Du,genau wie ich selber, auch davon Probleme hast und jetzt wie schon gesagt worde Aufbrichst.

Ich bin selber auch erst vor kurzem Aufgebrochen um jetzt meine Wunden der zeit zu heilen.
Neben diesem forumbin ich auch in eine Al-Anon Gruppe gegangen und die erstenmale tat es sehr gut dort. Man bekommt Unterstützung und Rat von Leuten die das ganze zum Teil schon seit jahren hinter sich haben aber Dir dort helfen in dem sie dir zuhören und beistehen.

Es wird alles nicht leicht und viel Zeit brauchen. Doch Schritt für Schritt kommt man seiner eigenen Heilung entgegen.
Vielleicht ist sowas auch was für Dich?

LG Bernd
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Bernd hat zum Thema: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... geschrieben
Wolfsfrau
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 27.01.2011
Beiträge: 56
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 20.02.2011, 20:35    Titel: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Bernd,

vielen Dank für Deine Zeilen. Ja, es stimmt, dieses Thema (Alkohol) anzusprechen, ist wirklich schwer. Ich habe es mal im Streit gemacht, und mir damit nur eine Retourkutsche eingefahren. Jetzt weiß ich, der Schutzwall des Süchtigen (also auch meiner) kann sehr dick sein, und manches dringt einfach nicht wirklich vor.

Deshalb hatte ich die Idee, das Ganze frei von meinen eigenen Verlusten und Einbußen zu kommunizieren, eben als angebotene "Realität", und meine Mutter macht dann daraus, was sie kann und will. Eher für mein Gewissen, damit ich mich dann auch in Ruhe - soweit ich das innerlich hinkriege - auf mein eigenes Leben konzentrieren kann.

Und Du hast Recht, ich kann zwar alles mögliche kommunizieren, und das bedeutet trotzdem nicht, dass es etwas "ändert". Das liegt dann allein bei meiner Mutter. Ziemlich schwer auszuhalten.

Bei Al-Anon bin ich auch schon länger. Aber erst seit kurzem habe ich den Heilungsbedarf an mir selbst (bezogen auf den Alkoholiker) richtig begriffen und musste kapitulieren. Und jetzt geht es mit meiner eigenen Trauer wohl erst richtig los. Ich spüre, dass ich überhaupt nichts retten oder zurück gewinnen oder nachholen kann, was mir an Nähe zu meiner Mutter je gefehlt hat. Vielleicht daher die Hemmung beim Schreiben, weil ich damit auch alle meine kindlichen Nähe-Wünsche als "gescheitert" anerkennen muss. Verstanden habe ich das im Kopf schon, aber die innere Reise geht wohl erst jetzt los, eben alle damit verbundenen Gefühle auch zu fühlen.

Es tut mir gut, hier von Dir und anderen zu lesen, dass ich nicht allein unterwegs bin. Ich freue mich, wenn ihr hier weiterhin Eure Erfahrungen mit dem Lossagen (Loslassen) teilen mögt. Das gibt mir sehr viel.

Danke und liebe Grüße,

Wolfsfrau
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Wolfsfrau hat zum Thema: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... geschrieben
Mikesch
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 19.04.2010
Beiträge: 90
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 21.02.2011, 08:27    Titel: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Wolfsfrau,

ich habe wohl auch verstanden, dass vieles in die Vergangenheit gehört. Und dass ich diese Sehnsüchte nur selber stillen kann - da bin ich auf dem Weg.

Wie bei dir vielleicht auch möchte doch dies Jahr noch eine Aussprache mit meinen Eltern angehen. Es ist schon schlimm, was man durch seine Kindheit abbekommen hat, und was sich bis heute so stark auf alle Beziehungen auswirkt. Ich finde, das sollen sie wissen: dass alles, was sie jetzt auch an mir ablehnen und nicht mögen, als Rückzug und seltsam empfinden, nicht vom Baum gefallen ist, sondern mit unserer Familiengeschichte zu tun hat. Dass sie Anteil haben und statt Mitleid Verantwortung angebracht wäre.

Seufz - ich weiss noch nicht genau, wann und wie und was. Auf jeden Fall möchte ich nicht wieder in das 'Kind-Ich' abrutschen und bedürftig sein, sondern als Erwachsene da stehen!

Es arbeitet noch in mir... aber statt Trotz bis vor Kurzem: "warum muss ich immer alles machen hier?" steht jetzt etwas mehr Entschlossenheit da und das fühlt sich richtig an.

Einfach stumm bleiben und oberflächlichen oder gar keinen Kontakt haben (wie derzeit auch) fühlt sich falsch an.

Bin gespannt, ob und wie wir das machen werden Winken

liebe Grüße
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Mikesch hat zum Thema: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... geschrieben
Wolfsfrau
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 27.01.2011
Beiträge: 56
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 21.02.2011, 14:09    Titel: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Liebe Mikesch,

ich sehe zwar alles, was sich in meinem jetzigen Leben noch negativ auf mich auswirkt, aber ich schaffe es innerlich nicht, das wirklich mal aus Kinder-Sicht (Ihr habt das mitverbockt) mit voller Lautstärke vorzubringen. Das ist total bescheuert, ich bin ja zugleich auch über mich beschämt, was alles nicht klappt. Und zack, fühle ich mich (wieder) selbst für meine "Fehler" und das Versagen (z.B. beruflich) verantwortlich. Als hätte ich was falsch gemacht, oder wäre falsch in mir, damit. Das nimmt mir schon vorher den Schwung, mich selbst mal zum aktiven Mittelpunkt zu machen. Passiv darf ich der immer sein, es wird für mich aufgetischt etc., wenn ich da bin.

Mikesch hat Folgendes geschrieben:

Ich finde, das sollen sie wissen: dass alles, was sie jetzt auch an mir ablehnen und nicht mögen, als Rückzug und seltsam empfinden, nicht vom Baum gefallen ist, sondern mit unserer Familiengeschichte zu tun hat. Dass sie Anteil haben und statt Mitleid Verantwortung angebracht wäre.


Diesen Tipp hat mir eine Freundin auch mal gegeben, dass ich das meinen Eltern einfach mal total Teenie-mäßig und nur auf mein Wohl bezogen, vor den Koffer donnern sollte. - Und sofort bleibt mein Stimmchen weg! Egal wie klar ich diese Worte, sogar in Ablehnung und Schärfe und gewisser Verachtung, in mir trage und genau weiß, was ich sagen w-ü-r-d-e, es ist, als würde der Ton weg gedreht. (Ich kann sie doch nicht zerstören.) Der Hammer, wie "gut" ich bin.

Dann kommt wieder dieses Mitgefühl hoch, ihre Hilflosigkeit angesichts der spürbaren Entfremdung zwischen uns. Sie wollen es "gut" für mich und uns haben, und handeln dabei doch wie unter einer Glasglocke, ohne mich wirklich zu "sehen". Ich werde materiell verwöhnt, wenn ich mal (1-2 mal im Jahr) da bin, meine Mutter macht alles schön und einladend.

Ich bringe das einfach nicht mit meiner Wut zusammen. Es ist immer, als ob ein Teil in mir sagen würde: Aber sie meinen es doch gut, geben doch ihr Bestes. - Egal mal, wie schräg das in sich ist, und aufgrund ihrer eigenen Kindheitsschäden. - Und schon war's das mit meiner Geltungs-Berechtigung. Mit mir als Thema, meiner Wut als ausreichendem Anliegen.

Ich kann nicht bei mir bleiben, sobald ich sie verstehe. Und "verstehen" habe ich als Einzelkind wahrscheinlich schon im Bettchen gelernt. Wo keine Antworten sind, muss man seine eigenen kleinen Kopfdaten zusammen tun. Und das finde ich, wo es mir gerade bewusst wird, total bestürzend traurig. Ich habe Mitgefühl mit mir, das geht. Aber ich habe Angst vorm Herunterspielen oder Anzweifeln, wenn ich genau das alles offen lege.

Zitat:

Einfach stumm bleiben und oberflächlichen oder gar keinen Kontakt haben (wie derzeit auch) fühlt sich falsch an.


Dieser Gedanke stimmt für mich auch, irgendwie. Es ist eine "Ruhe auf Pump". Und es fühlt sich für mich an, als ließe ich sie in der Luft hängen, denn spürbar ist mein Rückzug, aber ich finde, er verdient auch eine klare Ansage. Genau diese Abgrenzung scheint mir innerlich noch nicht zuzustehen.

Dort fühlt es sich an wie "Darf ich wegbleiben? Kommt dann niemand zu Schaden?" - So seltsam, dass diese Fragen noch soviel Kraft haben, während meine eigene Kraft sich daran mehr und mehr erschöpft. Wie ein Zwang (eine Sucht), dieses verdrehte Zuständigkeitsgefühl. Und trotz Erkennen ist es da. Ich muss wohl wirklich richtig neu "lernen", was mir als Kind eigentlich zusteht (welches Elternverhalten), und dass es berechtigt ist, das innerlich auch einzufordern (theoretisch, und früher). Und wenn es nicht kommt, mich woanders hin zu wenden, wo ich bekomme, was ich brauche.

Teilweise geht das in Kontakten, so lange sie gut laufen und nah sind. Aber genau da sitzt auch eine Art Störsender, und dann komme ich trotz innerer Bedürftigkeit nicht aus dem Schneckenhaus, um mir Hilfe zu holen. Wieder der Gedanke, ich darf nicht brauchen. Dabei habe ich das längst anders und besser kennen gelernt (Therapie in einer Klinik).

Das ist ein Ding, dass ich allein mit Willenskraft nicht aufgelöst bekomme. Da muss mehr her. Bei Al-Anon ist es "eine Macht, größer als ich selbst" (und mein Kopf). Im Moment versuche ich gerade, mich mehr aufs Vertrauen einzulassen, als auszuscheren, sobald ich etwas selbst nicht so hinkriege, wie ich will.

Es ist aber richtig schwer, mich und alle meine Rechte, mir Gutes zu tun, und wohlgesonnene Menschen zu brauchen, dann nicht aufzugeben. Stecke da gerade in einem kleinen Tief. Dieser Wackelkontakt in Beziehungen und in meinem Selbstwertgefühl, ist der eigentlich auch typisch für ein EKA?

Ich ende mal hier, für den Moment.

Danke Euch, fürs lesen und für Eure Anteilnahme, es tut gut, hier in Kontakt zu sein.

Lieben Gruß auch an Dich, liebe Mikesch,

Wolfsfrau
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Wolfsfrau hat zum Thema: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... geschrieben
Wolfsfrau
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 27.01.2011
Beiträge: 56
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 04.03.2011, 20:42    Titel: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo, ihr Lieben,

ein kleines Update: Ich habe jetzt den Brief fertig bekommen UND abgeschickt!
War das eine schwere Geburt. Ich hatte echte innere Wehen, die letzten Wochen. Aber dann wurde es immer klarer, dass ich in das gemeinsame Leugnen (Verstummung im Wohnzimmer) nicht wieder zurück will. Dieses ganze "Aufpassen", mich selbst deckeln, schlicht innerlich verschwinden, sobald ich dort bin - das zeigt mir auch, dass da etwas Wirkung auf mich hat. Dass die "Aufforderung" dazu im Raum schwebt, und sei es nur dadurch, wie mein Vater Äußerungen von mir nonverbal "kommentiert", im vermeintlichen Dienst meiner Mutter bzw. ihres gemeinsamen Bundes.

Ich habe es geschafft, dem Alkohol eine Absage zu geben, meiner Mutter aber nicht. Nur dass wir uns eben anders als im bisherigen Ambiente treffen müssten, da ich den Alkohol und das, was er aus uns - auch als Familie - macht, ablehne. Sie wird deshalb nicht trocken, aber ich mache zumindest deutlich, dass ich mich nicht mehr in ihr Umfeld eingliedere, ins Schweigen darum, wie mein Vater es praktiziert. Außerdem habe ich meine positiven Erfahrungen mit Al-Anon und den AAs, die ich kennen gelernt habe, einfließen lassen und Infomaterial beigelegt. Alles in Farbe und nicht belehrend.

Ich war erstaunt, dass ich beim Schreiben eher klar und um Verständlichkeit (was die A-Gruppen betriff) bemüht war, um ihr aufzuzeigen, wie die arbeiten. Es ist natürlich auch meine Hoffnung dabei, sie möge sich mal trauen, hinzugehen, und ich habe mich angeboten, sie zu begleiten, wenn sie will. Aber zum Ende hin habe ich die Kurve gekriegt und ausgedrückt, dass ich ihren Weg respektiere, egal wie sie ihn für sich wählt. (Und die gleiche Freiheit der Wahl habe ich ganz genau so, das geht auch trotz oder in Liebe.)

Ich überlege jetzt, meinem Vater einen ähnlichen Brief schreibe, weil unsere Beziehung ebf. durch den Alkohol verzerrt ist. Er deckt ihr Trinken (vor sich), erlebt mich als Angreiferin, wenn ich ihm aufzeige, da könnte ein Problem bestehen. Ich will ihn nicht retten, aber mir ist wichtig, ihm zu sagen, warum ich mich in seiner Gegenwart angespannt fühle, und warum es dann auch prompt zwischen uns knallt, obwohl "das" Störthema selbst nie auf den Tisch kommt (Alkohol). Bis vor kurzem wusste ich ja selbst nicht, dass alle Verzerrungen in unseren Kontakten zueinander sich um die Achse Alkohol abspielen. Wenn manN leugnen muss, kann manN nicht zugleich offen für die Gefühle einer anderen Person sein, schon gar nicht wenn die zu nah an den eigenen sind, z.B. "ausbrechen wollen".

Das ist nicht meine Aufgabe, meinen Papa zu therapieren, aber ich werde ihm zum Leugnen (das auch mich verletzt) noch irgendwas sagen, das weiß ich jetzt schon. Auch eher, um meine Position klar zu definieren, auch damit diese blöden Sprüche (Retour-Kutschen) bzgl. meines Arbeits-Themas ihre Wirkung verlieren. Doch, das werde ich mir noch gönnen. Zugleich tut es mir auch wirklich leid um den abgegrabenen Fluss zwischen uns, er ist genau so sensibel wie ich. Aber das schützt ihn nicht vor meiner Selbstbehauptung, sonst hätten wir ja wieder verdrehte Rollen, ich schone ihn und dauer-verletze mich selbst ständig.

Soviel erstmal zum jetzigen Stand.

Liebe Grüße in die Runde, falls noch jemand mitliest. Smilie

Wolfsfrau
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Wolfsfrau hat zum Thema: Re: Schon viel zu lange "artig" gewesen ... geschrieben

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