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Ich sehe ihm täglich beim Sterben zu

 
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equity
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 17.08.2010
Beiträge: 10

BeitragVerfasst am: 17.08.2010, 17:33    Titel: Ich sehe ihm täglich beim Sterben zu Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo zusammen,

ich habe mich gerade erst angemeldet, nachdem ich schon einige Zeit fleißig eure Beiträge gelesen habe. Besonders interessant und aufschlussreich waren für mich übrigens die Merkmale der EKAs. Erstaunlich wie sehr man sich da wiederfinden kann. Aus aktuellem Anlass wollte ich aber eigentlich gern ganz kurz meine derzeitige Belastung niederschreiben:

Mein Vater ist 59 Jahre alt und trinkt seit seiner Jugend, also schon ein paar Jahre vor meiner Geburt. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich 17 war (natürlich aus genau diesem Grund) und ich hatte seitdem nicht viel Kontakt zu meinem Vater bis ich Anfang zwanzig war. Da lernten wir uns langsam wieder neu kennen. Dass er Alkoholiker ist, ist ihm bewusst, aber aufhören möchte er nicht. Er sagt der Alkohol schmeckt ihm eben. Man könnte also sagen, er steht dazu.

Jetzt bin ich aus finanziellen Gründen zum Ende meines Studiums als Notlösung bei meinem Vater eingezogen und darf ihm täglich dabei zusehen, wie er sich zerstört und mich kontrolliert. Vorher hatte ich jahrelang eine eigene Wohnung und habe die Ausmaße gar nicht so richtig mitbekommen.
Er wirkt die meiste Zeit nüchtern (was er aber nicht wirklich ist), gegen Abend bemerkt man dann aber schon, dass er getrunken hat. Er trinkt den ganzen Tag Bier, spätnachmittags irgendwelche Mischen und wenn er nachts nicht schlafen kann, geht er an seinen Vorratsschrank und hält sich ne Buddel Rum an die Kehle. Seine Leberzirrhose kann ich in seinen gelben Augen sehen, seine kaputte Lunge vom Kettenrauchen höre ich permanent durch sein Husten und seine beginnende Alkoholdemenz wird immer spürbarer. Es interessiert ihn nicht, dass er kaum laufen kann, weil seine Füße taub sind und es ist ihm egal, ob er vom Rumsitzen eine Thrombose hat. Dinge, die jeder andere nebenbei erledigt, sind für ihn eine Tagesaufgabe. Nach Feierabend sitzt er nur auf seiner Couch vor dem Fernseher mit seiner Mische und meckert über alles und jeden. Wenn man meint ihm mit irgendwas eine Freude machen zu können, macht man es grundsätzlich falsch. In seinen Augen sind ohnehin alle unfähig und ich bin scheinbar die Dümmste von allen. Er geht auch nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus, wenn er sich im Suff ernsthaft verletzt hat. Da kann ich machen was ich will, es ist ihm völlig egal was mit ihm ist.
Ich habe den Eindruck, dass er auf seinen Tod wartet und kann das ehrlich gesagt kaum mit ansehen. Die Liste seiner körperlichen Gebrechen ist zu lang, um sie hier aufzuschreiben. Sobald ich versuche ihm klar zu machen, dass er sich wenigstens um die kleinen körperlichen Schäden kümmern muss, gibt es Streit. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand dermaßen nachlässig mit sich umgeht. Jeden Morgen wache ich auf und habe Angst, dass er Tod in seinem Bett liegt und jedes Mal, wenn er mit Freunden auf Sauftour geht, habe ich Angst, dass er nicht zurückkommt. Es tut mir sehr weh das mit anzusehen und vor allem so machtlos zu sein. So gern möchte ich ihm helfen, aber wann immer ich das versuche, behandelt er mich wie Abschaum und stößt mich ganz weit weg.

Ich weiß, dass es für mich das Beste wäre, mir irgendwo ein Zimmer zu suchen, um mir das nicht täglich ansehen zu müssen, aber zurzeit kann ich mir das echt nicht leisten. Im Moment sind mir da also etwas die Hände gebunden und ich bin ein wenig hilflos muss ich zugeben. Es tut aber schon mal gut, das hier bei euch rauslassen zu können und zu wissen, dass es noch andere mit ähnlichen Problemen gibt.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit (so kurz war es nun leider doch nicht)
equity Winken
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equity hat zum Thema: Ich sehe ihm täglich beim Sterben zu geschrieben
Linde66
Moderatorin
Moderatorin


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 08.10.2008
Beiträge: 13698
Alter: 46

BeitragVerfasst am: 18.08.2010, 20:11    Titel: Re: Ich sehe ihm täglich beim Sterben zu Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo equity,

herzlich Willkommen hier bei uns Erwachsenen Kindern.

Nicht so schön, deine Situation. Ich hoffe, daß es dir schon etwas geholfen hat, einfach mal alles von der Seele zu schreiben. Du wirst hier gelesen und verstanden, auch wenn nicht gleich eine Antwort kommt.

Leider ist es so, daß der Alkohol das Wesen der Menschen zum Negativen verändern kann. Er behandelt dich schlecht, möchte sich nicht helfen lassen und auch nichts selber tun.

Kann sein, daß sich das auch nimmer ändert oder sogar noch schlimmer wird.

Besteht nicht doch eine Möglichkeit auszuziehen? Wie wäre es mit einer WG? oder zu anderen Verwandten? Wenn du noch in Ausbildung bist, ist er unterhaltspflichtig, mach dich mal schlau.

Ordne dein junges Leben nicht dem Alkohol unter, du hast keine Chance dagegen. Wenn du bei den anderen Kindern hier liest, findest du ähnliche Situationen. Am besten hilft man den Eltern durch "Nichthilfe", also Abstand. Manchmal wachen sie dann auf, wenn sie an ihrem Tiefpunkt angelangen.

LG, Linde
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Linde66 hat zum Thema: Re: Ich sehe ihm täglich beim Sterben zu geschrieben
equity
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 17.08.2010
Beiträge: 10

BeitragVerfasst am: 19.08.2010, 11:14    Titel: Re: Ich sehe ihm täglich beim Sterben zu Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Liebe Linde,

vielen Dank erstmal für deine Antwort Winken

Es hilft schon sehr, wenn man damit nicht so ganz allein ist und hier sozusagen seinen Schutt erstmal abladen kann. Das klingt etwas negativ, ist aber gar nicht böse gemeint. Meistens bekommt man nochmal eine andere Sichtweise, wenn man sich an Aussenstehende wendet.

Ich studiere auf dem zweiten Bildungsweg, bin also eigentlich ohnehin spät dran mit dem Studium. Ich habe bereits alle Möglichkeiten ausgeschöpft was finanzielle Unterstützung angeht. Studenten haben da tatsächlich die wenigsten Ansprüche. Eigentlich ist das eine Systemlücke, aber das ist ein anderes Thema.
Zurzeit mache ich es so, dass ich zwischendurch immer mal wieder ein paar Tage zu meiner Mutter und den Verwandten fahre, wenn es die Zeit erlaubt. Da kann ich dann wenigstens ab und zu wieder ein bißchen auftanken. Die lebt allerdings in einer anderen Stadt und zwecks Studium ist es grundsätzlich besser eben hier vor Ort zu sein.

Ich hatte übrigens Glück. Gestern war der Schmerz nach dem Suffunfall meines Vaters so stark, dass er doch endlich heute zum Arzt gehen wird. Auch wenn das fies klingen mag, hoffe ich insgeheim, dass es so schlimm ist, dass er damit ins Krankenhaus überwiesen wird. Natürlich möchte ich, dass es ihm gut geht, aber vielleicht ist es ihm mal eine Lehre, dass er in Zukunft auf Sauftouren nicht mehr ganz so übertreibt. Erwarten tue ich allerdings nichts (mehr).

Aber du hast Recht was den Abstand angeht und sobald es mir möglich ist, werde ich das auch machen.

LG equity
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equity hat zum Thema: Re: Ich sehe ihm täglich beim Sterben zu geschrieben

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