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Schizophrene Gefühlswelt: Darf ich immernoch traurig sein?

 
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setumamii
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 23.07.2010
Beiträge: 3
Alter: 26

BeitragVerfasst am: 23.07.2010, 20:08    Titel: Schizophrene Gefühlswelt: Darf ich immernoch traurig sein? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo in die Runde!

Wahnsinn, was hier los ist... so ein großes Forum... Ich will jetzt auch mal mein Glück hier versuchen, vielleicht kann mir ja jemand von euch "helfen" oder mir wenigstens bestätigen, dass ich nicht verrückt bin.

Ich habe mich heute hier angemeldet, nachdem gestern eine winzige Lappalie passiert ist. Nichts im Vergleich zu früheren Sachen, die schon mit meinem Vater los waren. Aber irgendwie war ich wieder mal so wütend und traurig und fertig, dass heute das Fass übergelaufen ist und ich das erste Mal seit langem im Internet über Alkoholabhängigkeit recherchiert habe. Und das alles "nur" wegen einer SMS, die er mir geschickt hat, aus der trotz der sehr präzisen, korrekten Formulierung einfach nur mal wieder der Alkohol sprach.

Man soll ja nicht zu viel über die betroffene Person schreiben, deshalb nur kurze Eckdaten: Mein Vater trinkt schon ewig. Immer Bier. Nie harten Alkohol, soweit ich es mitbekommen habe. Aber ich glaube, er trinkt gar keine anderen Flüssigkeiten, kein Wasser, nur Bier. Dafür isst er eigentlich nie. Meine Eltern leben seit langem in einer verzwickten Situation, mein Vater ist erst vor kurzem ausgezogen (steht aber mit einem oder eineinhalb Beinen noch fest im Leben meiner Familie). Ich lebe schon seit 5 Jahren nicht mehr zuhause. Habe ein ganz schlechtes Verhältnis zu meinem Vater, meine ganze Jugend hindurch war er für mich der Bösewicht schlechthin. Er hat nie geschlagen, uns ging es "gut". Er lag nie betrunken in der Ecke. Aber die Psyche hat gelitten... viel hat er auf uns Kinder bezogen, nie waren wir gut genug. Die Schuld für die missglückte Ehe meiner Eltern hat mein Vater ausschließlich bei meiner Mutter gesucht, indirekt auch bei uns. Auch heute denkt er meistens schlecht von mir. Tut immer so, als wolle ich ihn ausbeuten, wenn ich ihn bitte, mir das Kindergeld zu überweisen. In anderen Monaten überweist er mir etwas mehr Geld als nötig, ist jedoch sofort sauer, wenn ich es nicht ganz schnell bemerke und mich bedanke... Dieser ständige Wechsel von Stolz auf mich und Abneigung gegen mich...

Ich will gar nicht so viel schreiben, aber wie soll ich meine Situation klar machen? Ich frage mich ganz oft, ob ich überhaupt ein Recht darauf habe, traurig zu sein. Wütend zu sein. Ich denke, mit 24 sollte man sich doch soweit im Griff haben, dass einen das nicht immer so fertig macht, dass der Vater eben kein Bilderbuchvater ist. Und trotzdem könnte ich mich endlos aufregen, wenn wieder mal so eine Situation eintritt. Am meisten macht mich fertig, dass mein Vater die schlimmen Streits und die ganzen Ungerechtigkeiten immer zu vergessen scheint. Manchmal ist er "rechtschaffen" empört darüber, wie meine Familie und ich uns ihm gegenüber benehmen, weil er selbst schon wieder vergessen hat, wie er sich uns gegenüber verhalten hat. Vor einem halben Jahr habe ich ihn offen aufgefordert, eine Therapie zu machen. Habe ihm gesagt, wie schlimm meine Jugend für mich war, wie viel Misstrauen und Angst und Wut ich mit mir rumschleppe, und dass er die Therapie für sich nutzen soll, um nicht noch die nächste Beziehung, in der er gerade steckt, genauso kaputt zu machen. Er wusste gar nicht, wovon ich spreche. Das war das schlimmste. Er wusste gar nicht, was so schlimm gewesen sein soll.
Das Gute und gleichzeitig Schlimme ist, dass ich weit weg von zuhause wohne. Eigentlich kriege ich von ihm und seinen Launen gar nicht mehr so viel ab. Dafür aber meine Mutter und mein jüngerer Bruder um so mehr. Früher bin ich immer dazwischen gegangen, wenn er zuhause wieder Streit gesucht hat. Ich war die einzige, die ihm die Stirn geboten hat, wenn auch vor Wut und Angst zitternd. Ich bin auf der einen Seite so erleichtert, dass ich mir das nicht mehr jeden Tag antun muss, auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass ich diese Erleichterung auf Kosten meiner restlichen Familie bekomme...

Ich habe auch ein schlechtes Gewissen meinem Vater gegenüber. Er hat überhaupt keine Freunde, soweit ich weiß. Nur seine Freundin und deren Freunde, die wohnen aber weiter weg. Er ist jetzt erst ausgezogen bei meiner Mutter, und er scheint überhaupt nicht klarzukommen. Ich stelle ihn mir vor, wie er ganz alleine in seiner neuen Wohnung sitzt, vor den Trümmern seines Lebens, und er fühlt sich bestimmt sehr allein. Dazu kommt ja noch, dass er sich von uns, von mir und allen immer so ungerecht behandelt fühlt. Auch wenn er dazu eigentlich kein Recht hat, weil er sich das Ganze mit seiner eigenen Trinkerei eingehandelt hat, kann ich so gut nachvollziehen, wie furchtbar das sein muss. Vielleicht sollte ich gerade jetzt versuchen, für ihn da zu sein?

Meine Hauptfrage ist: Ist es mimosenhaft und egoistisch, sich ganz kaputt zu fühlen? ER ist ja der mit der Sucht, sollte ich ihm da nicht irgendwie helfen können? Ich kann doch nicht durchs Leben laufen und sagen: Tja, ich bin eben Tochter eines Alkoholikers, bemitleidet mich alle! Aber manchmal ist das das einzige, was ich will: Mitleid. Auch wenn ich mich dann seber ätzend finde.

Ihr seht, das ist alles ganz schön schizophren. Ich glaube auch, dass das jetzt ein ganz schöner Wörterschwall war... Ich könnte noch ewig weiterschreiben, aber dann liest das ja keiner mehr... Danke schonmal für eure Geduld.
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setumamii hat zum Thema: Schizophrene Gefühlswelt: Darf ich immernoch traurig sein? geschrieben
Linde66
Moderatorin
Moderatorin


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 08.10.2008
Beiträge: 14430
Alter: 46

BeitragVerfasst am: 23.07.2010, 20:48    Titel: Re: Schizophrene Gefühlswelt: Darf ich immernoch traurig sein? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo setumamii,

ja klar darfst du wütend, traurig und alles mögliche sein. Sei froh, daß du dich nicht "im Griff" hast, sondern lebendig bist.

Zitat:
Vielleicht sollte ich gerade jetzt versuchen, für ihn da zu sein?
Nö. Dann verzögerst du mit deiner Unterstützung eventuell seinen Tiefpunkt, der für ihn zum Wendepunkt werden kann. Er ist für sich selber verantwortlich, laß ihn mal.

Wenn du magst, lies dich mal durch den oben angepinnten Thread "Merkmale für ein EK", dann wirst du merken, daß du völlig normal bist. Winken

LG, Linde
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Linde66 hat zum Thema: Re: Schizophrene Gefühlswelt: Darf ich immernoch traurig sein? geschrieben
Sandmann75
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 20.07.2010
Beiträge: 6
Alter: 37

BeitragVerfasst am: 24.07.2010, 21:37    Titel: Re: Schizophrene Gefühlswelt: Darf ich immernoch traurig sein? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hallo Setumamii,

auch ich bin ganz neu hier im Forum und habe Deinen Beitrag (und viele viele andere gelesen...). Es ist überall ähnlich und das macht das ganze, finde ich noch schlimmer. Du fühlst Dich auch total verantwortlich für den Rest deiner Familie. Das war bei mir auch so. wir Kinder hatten immer die Verantwortung in der Familie. Mein Vater war dauerbesoffen und meine mutter völlig hilflos. Ich dachte auch immer ich und meine Schwester, wir müssen ihr helfen, dass wir alle raus kommen aus der ganzen Sch....! das dies niemals meine Aufgabe als kind / und auch heute als Erwachsene war und ist habe ich erst viel viel später begriffen. Es ist hart mit anzusehen, wie der eigene Vater sich in den Tod säuft (bei mir war es so...). Aber helfen, nein helfen konnte ich ihm nicht. Ich habe noch wenige Wochen vor seinem Tod im Krankenhaus massiv auf ihn eingeredet, er solle einen Entzug machen. Wir alle (die gesamte Familie) stand täglich mehrere Stunden am Krankenhausbett und hat auf ihn eingelabbert - mit dem Erfolg, dass er nach 3 Tagen Entzugsklinik sich von meiner Mutter hat abholen lassen!!! Und sie - sie hats gemacht!!! Ich begreife das bis heute eigentlich nicht, aber ich denke einfach, sie hat gemerkt, dass nichts mehr zu machen ist, weil er einfach nicht will.

Die einzige Chance die wir Kinder haben ist, die Verantwortung wieder an die Eltern abzugeben, da gehört sie hin. Jeder ist für sein Leben selber verantwortlich. Die Eltern haben eigentlich die Verantwortung für die Kinder, schlimm genug, dass unsere Eltern diese nicht übernehmen konnten. Mir geht es viel viel besser, seit ich klar sagen kann, dass meine Mutter und auch mein süchtiger Vater da was verpasst haben und nicht, dass ich es nicht geschafft habe meine Dad vom Saufen wegzukriegen (das war nämlich jahrelang meine Idee und mein Schuldgefühl).

Ich denke einfach , es ist so schade, dass wir nie kinder sein durften aber es ist nie zu spät für ein glückliches Leben und dafür muss man sich abnabeln und die Verantwortung abgeben.

viele Grüße Sandi
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Sandmann75 hat zum Thema: Re: Schizophrene Gefühlswelt: Darf ich immernoch traurig sein? geschrieben

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