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Blut ist dicker als Wasser

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Regina55
Gast






BeitragVerfasst am: 15.04.2010, 15:12    Titel: Blut ist dicker als Wasser Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo in die Runde!

Hm, wo anfangen, mein Dad, ja, der ist klar seit gut 45 Jahren Alkoholiker (jetzt 64), der sogenannte Quartalstyp, wobei sich nasse Phasen zunehmend verlängert haben.

Ich selbst habe wegen Coabhängigkeit und meiner chronischen Unsicherheit vor Jahren Therapie gemacht und dachte, ich sei soweit gefestigt, dass Ereignisse mit meinem Vater mich nicht nachhaltig erschüttern. Und werde gerade vom Leben belehrt.

Dabei spielt der Glaubenssatz: "Blut ist dicker als Wasser", glaube ich, eine ganz gewichtige Rolle.

Zu meinem Weg, ich distanzierte mich räumlich bereits mit 17 Jahren von meiner Familie, mental erst sehr viel später, zuletzt brach ich den Kontakt vor vier Jahren zu meinem Vater ab, stellte die Bedingung nur nüchtern, wenn, Kontakt zu mir. Damals hatte er noch eine Unterkunft und konnte seinen teuren Lebenswandel (Kneipengänge sind richtig teuer) wohl auch finanzieren. Zudem führt mein Vater ein Mietnomadenleben, sprich in den nassen Phasen bricht er weg und flüchtet, lässt einen Saustall zurück und, wie ich jetzt weiß, damals seinen Bruder, der eine Bürgschaft für seine Wohnung gab, mit tausenden Euro Schulden.

Aktuell ist er obdachlos, ich beging den Fehler ihm Karfreitag Geld zu geben, er hat inzwischen ganze vier Mal alle Sachen "verloren" die er von seinem Bruder und mir bekam.

Wo ich keine Probleme mit Abgrenzung habe ist, das er bei uns nicht wohnen kann.

Wo ich aktuell Schwierigkeiten habe ist Abgrenzung in Form einer Klartextansage = Schlußstrich. Hier steht noch ein Doggy-Pack als Notversorgung, die kann er noch kriegen, und Infos zu Ämtern und Stellen, an die er sich wenden kann und dann mag ich nicht mehr tun.

Und dieser Wille einen Schlußstrich zu ziehen, weil es mich zu sehr belastet, ich gerade jetzt aufschiebe einkaufen zu gehen, weil er ja unten irgendwo an einer Ecke auf mich warten könnte... oh Gott das ist so ätzend. Ich ärgere mich grad sehr über mich selbst. Wie ein unangenehmer Zahnarztbesuch, der einem im Kopf herumkreist und wo man weiß es ist unvermeidbar.

Und über dem steht halt: Familie darf man nicht im Stich lassen.

Das es so tief wirkt überrascht mich selbst. Vor allem ist rational alles sonnenklar und ich habe getan was ich kann und selbst wenn er sich etwas antut oder ihm was passiert, ich kann nichts ausrichten. Aber diese unheilvolle Bindung, emotional, die mich festhalten will seit einigen Tagen. Und ich vermute, ich stehe damit nicht alleine.

Hat es hier wer geschafft diese Bande emotional zu trennen und vielleicht eine oder auch gerne zwei Ideen für mich, wie ich das Gedankenkarussel abstellen kann?

Liebe Grüße
Regina
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Regina55 hat zum Thema: Blut ist dicker als Wasser geschrieben
MrHardcore
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 15.12.2009
Beiträge: 149
Wohnort: Nähe München

BeitragVerfasst am: 15.04.2010, 19:31    Titel: Re: Blut ist dicker als Wasser Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hi regina,

klingt sehr unangenehm, was du da schreibst. andererseits liest du dich -für mich- sehr abgeklärt und mental gefestigt. du weisst, dass du deinem vater nicht die trockenheit nachtragen kannst, dass er seinen weg gehen muss - im schlimmsten falle bis zum tod. das wissen um diese tatsache ist eine seite, das annehmen dieses "schicksals" eine ganz andere.

ich tröste mich an manchen tagen damit, dass ich ja durchaus auch angenehme erinnerungen an meinen vater hatte, an zeiten, in denen seine suchterkrankung nicht das einzige war, was ihn ausmachte. diese schönen erinnerungen kann ich gezielt abrufen, weil sie mir etwas bedeuten. und ich kann damit mein gedankenkarussel recht gut abstellen.

der rest ist mein persönliches erleben, dass ich meine alkoholkrankheit zu einem stillstand bringen konnte und mit meiner zufriedenen trockenheit die sehr angenehme erfahrung machen durfte, dass jeder es schaffen kann, aus dieser suchtspirale auszusteigen. niemand muss trinken, wenn er das nicht will. diese hilfe gibt es -zumindest in der bundesrepublik- für jeden von uns, und sie ist fast ausnahmslos kostenfrei.

wenn du es schaffst dir zu verinnerlichen, das sein jetziger zustand also bis zu einem gewissen grad von ihm so gewollt ist (im sinne von er will keine hilfe annehmen, sondern statt dessen saufen), dann kannst du vielleicht auch innerlich loslassen. er wird immer dein vater bleiben, und ich nehme an, du wirst ihn immer als etwas besonderes sehen - eben als deinen vater. warum auch nicht?

wenn du ihm deinen frieden schenken kannst, wirst du auch deine innere zufriedenheit finden.

cu, und ganz viel kraft gewünscht,
MrH
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MrHardcore hat zum Thema: Re: Blut ist dicker als Wasser geschrieben
Regina55
Gast






BeitragVerfasst am: 15.04.2010, 20:40    Titel: Re: Blut ist dicker als Wasser Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hi MrH,

ja, es ist seine Entscheidung. Er hat nun eine SMS bekommen, in der das, was ich ihm persönlich mitteilen wollte, nun schriftlich bekommen hat. Zwei Anlaufstellen, an die er sich wenden kann und die unmissverständliche Ansage: kein Geld.

Er spielt da so Spielchen, dass er versucht mich zu erreichen, wenn ich dann versuche ihn anzurufen ist das Handy aus. Da wirken alte Muster, eine Art Bestrafung von ihm, sehr manipulativ.

Diese Überraschungen mag ich nicht, seine Schachzüge mich zu überrumpeln, vermutlich grübel ich deshalb und fühle mich beklemmt ihm zu begegnen. Sobald ich weiß, wohin ich will und wie ich seinen Psychoattacken begegnen kann, kehrt schnell Ruhe ein in mir. Das mag fiese klingen, aber genauso fühlt es sich an, als würde er mich angreifen, nur sind die Waffen seine Geschichten und Worte und meine Verteidigung ihn zu durchschauen.

Kann es sein, dass es anderen Menschen hier ähnlich geht und es deshalb so lange dauert aus den Mustern auszusteigen?

Einfach, weil man alle Varienten kennen muss um zu verstehen, wo wieder "Fallen" gestellt werden, damit man erduldet, Geld gibt?
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Regina55 hat zum Thema: Re: Blut ist dicker als Wasser geschrieben
Weißbär
neuer Teilnehmer


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BeitragVerfasst am: 16.04.2010, 08:06    Titel: Re: Blut ist dicker als Wasser Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Regina,

eigene Erfahrungen in dieser Richtig habe ich nicht, wenn auch mein Kontakt zu meiner Mutter vor Jahren abgebrochen wurde. Hat aber nichts mit Alk zu tun.

Wenn du schreibst Blut ist dicker als Wasser, hast du natürlich recht. Es gilt aber wohl für beide Seiten, für dich und für deinen Vater. Eigentlich sollten doch Väter ihre Kinder schützen, behüten und solche Sachen und nicht unter Druck setzen, ausnutzen und in Konflikte stürzen.

Das mit der SMS ist OK. Ob es was genutzt hat wird sich zeigen. Dieses Geld aus der Tasche ziehen wirst du in vielen Lebenslagen finden und hat nicht immer was mit Alk oder Drogen zu tun. Früh übt sich, denk nur an die quengelnden Kinder vor dem Süßigkeitenregalen an der Supermarktkasse. Auch die haben ihre Strategie und kappt es nicht, dann eben das nächste Mal.

Weißbär
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Weißbär hat zum Thema: Re: Blut ist dicker als Wasser geschrieben
MrHardcore
neuer Teilnehmer


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Anmeldungsdatum: 15.12.2009
Beiträge: 149
Wohnort: Nähe München

BeitragVerfasst am: 16.04.2010, 08:30    Titel: Re: Blut ist dicker als Wasser Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hi regina,

ob nun erdulden der richtige weg ist, wage ich zu bezweifeln. ich bin eher gut damit gefahren, es als gegeben hinzunehmen, dass ein nasser alkoholiker nicht mit "normalen" maßstäben zu messen ist - ohne, dass sich dies auf meine befindlichkeit auswirkt. ich muss es ja nicht er-leben, ich muss es nicht er-fahren, es ist sein leben, nicht meines.

und so lange ich zu meiner entscheidung stehe (z.b. ihm eben kein geld zur verfügung zu stellen), fühle ich mich auch nicht schlecht. ich will ihm kein geld geben, weil ich seine suchterkrankung nicht weiter fördern und unterstützen möchte. ich gebe ihm aber gerne geld, wenn er im wege einer therapie dauerhaft trocken ist und im zuge des aufbaus eines neuen lebens unterstützung gebrauchen kann.

du siehst den unterschied, und du kennst ihn. lass dich nicht verwirren, du bist schon auf dem richtigen "dampfer".

alles liebe,
cu
MrH
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MrHardcore hat zum Thema: Re: Blut ist dicker als Wasser geschrieben
Regina55
Gast






BeitragVerfasst am: 16.04.2010, 10:20    Titel: Re: Blut ist dicker als Wasser Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

MrH,

ich meinte auch das der falsche Weg ist zu erdulden und eben Geld zu geben, auf Mitleidstouren hereinfallen und Verantwortung übernehmen, wo es unangemessen ist. Nur scheinbar braucht es einige Wiederholungen, bis ich es begreife und je mehr ich durchschaue, desto handlungsfähiger werde ich dadurch. Und trotzdem, aktuell hat er wieder einen draufgegeben mit der Obdachlosigkeit und mich "rumgekriegt" ihm Geld zu geben.

Aufgrund entsprechender Erfahrungen habe ich kein Vertrauen in ihn, da ist genug vorgefallen, von Lügengeschichten bis hin das er mich bestohlen hat.

Also bedeutet es momentan: gar kein Geld.

Es spielt auch keine Rolle ob es Alkohol ist, es Tabletten wäre oder er einfach "nur" ein ausbeuterischer Charakter. Das versuche ich mir bewusst zu machen.

Er ist alt genug sich Hilfe zu holen. Ich habe meinem Vater nichts angetan und er war so gut wie nie für mich da, ausgenommen als ich Kind war und er zu Besuch und ein paar Spiele mit mir spielte und Unterhalt zahlte er auch nicht für mich und ich wuchs nicht bei ihm auf.

Ich bin ihm gegenüber zu nichts verpflichtet.

Weißbär,

"Blut ist dicker als Wasser" ist ein fremder Glaubensgrundsatz, der in meiner Familie immer vermittelt wurde. lavendula hat im Thread "Merkmale für ein EKA", Seite 10 und Seite 12, eine Liste aufgestellt von Glaubensgrundsätzen, da passt dies hier mit rein. Und auch später, was sie schreibt über Familiengeheimnisse und Missbrauch des Kindes diese geheim zu halten.

Mir hilft gerade, das aufzuschreiben, auch eure Rückmeldungen, es macht mir erneut bewusst, was falsch ist, da ich einige Jahre Ruhe hatte, habe ich einiges davon "vergessen", weil ich es nicht brauchte ständig die Altlasten herumzutragen. Zwar ist diese Last im Gegensatz zu früher sehr viel handlicher geworden, vom vollen Umzugswagen zum Rucksack, aber ich möchte auch diese Last nicht weiter tragen. Es gibt keinen Grund dazu, auch nicht das hier Verwandtschaft besteht.

Lieben Gruß
Regina
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Regina55 hat zum Thema: Re: Blut ist dicker als Wasser geschrieben
Regina55
Gast






BeitragVerfasst am: 16.04.2010, 18:39    Titel: Re: Blut ist dicker als Wasser Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hi,

wie es aussieht ist mein Vater heute früh zur Entgiftung, ich weiß nur nicht wohin genau, mein Onkel gab mir die Info. Und er meinte zu ihm, anschließend geht er in eine Reha.

Mal schauen, ob das nun Ausrede ist oder er es ernst meint.

Da ich die letzte Person war, die ihm hätte Geld geben können, vermute ich, dass er verstanden hat, das er auf sich alleine gestellt ist.

Grüße
Regina
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Regina55 hat zum Thema: Re: Blut ist dicker als Wasser geschrieben
lavandula
Gast






BeitragVerfasst am: 20.04.2010, 22:29    Titel: Re: Blut ist dicker als Wasser Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Regina,

zu Deiner Frage ganz am Anfang, ob es jemand geschafft hat, die emotionale Bindung zu lösen.
Nun ja, ganz zu lösen ist sie sicher nicht. Aber ich meine, man kann einen guten, gesunden Abstand 'erwirtschaften', indem man sich ein eigenständiges, mit eigenen Werten gefülltes Leben aufbaut mit festen Regeln und guter Selbstliebe sowie einer klaren Ansage an den Alkoholiker, dass man diese Art zu Leben nicht mitmacht.
So hat es zumindest bei mir zu einer guten Gesundheit und ganz erstaunlichen Ergebnissen in den letzten Jahren in meinem Leben geführt, die ich 'früher' nie für möglich gehalten hätte.

LG,
Lavandula
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lavandula hat zum Thema: Re: Blut ist dicker als Wasser geschrieben

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