Skye neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 16.05.2009 Beiträge: 293 Alter: 42
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Verfasst am: 04.02.2010, 22:11 Titel: Re: Meine Mutter ist Alkoholikerin im Endstadium |
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Hallo Silberschweif,
Sucht funktioniert nur mit Selbstbetrug. Egal welche Sucht, jede ist gesundheitsschädlich und die meisten auf Dauer auch absolut nicht sozial verträglich. Logisch betrachtet, kann man also nicht süchtig werden, weil man a) die Gesundheit nicht ruinieren will und b) nicht allein sein will. Süchtige tun aber das eine und sind oft irgendwann das andere. Das funktioniert nur mit Selbstbetrug und mit Abwesenheit von Logik. Sie ist irgendwann einfach abgemeldet. Sucht und Logik sind zwei Dinge die nicht zusammen passen. Hinzu kommt bei den meisten Drogen noch die bewusstseinsverändernde Wirkung, die eine eventuell noch mögliche rationale Beurteilung einer Situation vollkommen unmöglich macht.
Das Verhalten Deiner Mutter, die Verdrängung von offensichtlichen Tatsachen ist vollkommen „normal“ für sie, für einen Alkoholiker. Und so schlimm die Situation mit Deinem Sohn auch war, auch das ist nichts ungewöhnliches für einen Alkoholiker. Das ist kein alleiniges Problem Deiner Mutter, das gehört zur Krankheit, ebenso wie das permanente Lügen, egal ob bei unwichtigen oder wichtigen Dingen.
Ich schreibe das nicht, um das Verhalten Deiner Mutter zu entschuldigen, dafür gibt es keine. Sie ist zwar Alkoholikerin, aber das ist eine Krankheit, keine Entschuldigung und kein Freifahrtschein. Ich schreibe das, um Dir einfach mal einen anderen Betrachtungswinkel ein und derselben Situation zu geben. Eine Möglichkeit für Dich aus Deinem für Dich destruktiven Gedankenkarussel auszubrechen.
Du hast meine Worte weise genannt. Ich habe dazu nichts gesagt, weil ich es nicht als wichtig empfand. Doch meine Worte sind nicht weise, es sind nur meine Erfahrungen, meine Schlüsse die ich daraus für mich gezogen haben. Wenn Du etwas davon gebrauchen kannst, ist es gut, wenn nicht ist es auch gut. Ich habe bis jetzt einen rund 5-jährigen Prozess hinter mir, bestehend aus SHG, Therapie, Reha und Forum, meist parallel nebeneinander. Die Arbeit an mir selbst ist nicht zu Ende, sie wird nie zu Ende sein. Sicherlich werden meine Hilfsmöglichkeiten in der Zukunft anders aussehen, aber an mir arbeiten werde ich den Rest meines Lebens und zwar gerne.
Ich habe mir in diesen Jahren eine Menge erarbeitet. Es war Arbeit zum Teil Schwerstarbeit, ich habe oft an mir und dem was ich tue gezweifelt, hatte nicht nur Erfolge, sondern auch z. T. herbe Rückschläge. Wo ich heute stehe, das ging nicht von jetzt auf gleich , sondern langsam, schleichend, Schritt für Schritt.
Am beginn meines Weges ging es mir ganz anders als heute. Ich hatte die gleichen Zweifel was ist falsch, was ist richtig, ich schwankte zwischen Gleichgültigkeit und Verlustangst, ich empfand Wut, Hass, Liebe, abwechselnd und manchmal sogar gleichzeitig.
Meine Wut auf meine Mutter war nichts anderes als das Ergebnis von Erwartungen an sie, die sie nicht erfüllt hat. Ich wollte meine Mutter trocken. Ich wollte meine Mutter wieder, wie sie einmal war, nicht sehend dass, das grundsätzlich nicht möglich war, denn Menschen verändern sich mit und ohne Alkohol. Ich hing einer idealisierten Vergangenheit nach. Was ich nicht sah war, dass ich meine Mutter noch hatte, nur eben nicht so wie ich es erwartet habe, wie es meinen Vorstellung entsprach. Ich hatte Wünsche und Vorstellungen wie sie zu sein hatte und ich machte sie dafür verantwortlich, dass sie meinen Wünschen und Vorstellungen nicht entsprach. Heute sage ich wie vermessen, damals war das für mich ein legitimer Anspruch. Niemand muss sich meinen Wünschen und Vorstellungen anpassen, niemand hat die Aufgabe mich glücklich und zufrieden zu machen, niemand ist dafür verantwortlich, dass es mir gut geht oder auch das es mir schlecht geht, niemand außer mir selbst. Nicht meine Mutter, nicht mein Vater, nicht mein Partner, niemand, niemand außer mir.
Im Grunde kann ich alles, was ich mir wünsche, haben. Was ich nicht haben kann ist, dass alles meinen Vorstellungen entspricht, ich muss schauen, was überhaupt möglich ist, wie ich es haben kann und ob ich es dann noch will. Und ich konnte meine Mutter haben, aber nur wenn ich sie so akzeptierte, wie sie war, als nasse Alkoholikerin mit allen Nebenwirkungen, die diese Krankheit mit sich bringt. Ich habe gelernt, die Dinge die ich nicht ändern kann, so zu nehmen wie sie sind. Meistens klappt es auch. Meine Mutter konnte ich nicht ändern, also blieb mir nur sie zu nehmen wie sie war oder es zu lassen.
Das heißt nicht, dass ich alles hingenommen habe, wenn mir etwas nicht gepasst hat, habe ich das auch gesagt. Ich habe es aber nicht mehr gesagt mit der Erwartung, dass sie etwas ändert, sondern um meine Meinung mitzuteilen, meine Grenzen zu ziehen und zu wahren. Ein kleiner aber feiner Unterschied. Es hat mir trotzdem allem weh getan sie so zu sehen, ich hatte trotzdem Angst um sie, aber das war mein Ding. Es war meine Aufgabe mich davor so weit wie möglich und nötig zu schützen, es war meine Aufgabe, den für mich besten Weg zu finden damit um zu gehen. Es hat gedauert bis ihn gefunden habe und auch das ging nicht ohne falsche Entscheidungen und ohne Bauchlandungen.
Ich hatte keine Patentrezepte, weder für meine persönlichen Probleme, noch für den Umgang mit meiner Mutter, ich konnte nur ausprobieren und hoffen, dass es klappt oder eben nicht und es anders versuchen. Ich habe gelernt, dass ich alles kann und darf was ich will, denn es ist mein Leben und ich muss es Leben und ich lebe mit den Ergebnissen egal ob positiv oder negativ.
Es ist im Moment egal ob Du nun verdrängst oder gleichgültig bist, Du bist Dir selbst nicht sicher, wie willst Du da zu einem Ergebnis kommen dem Du trauen kannst? Nachdenken ist eine nützliche Sache, grübeln nicht. Wenn mir nachdenken nicht weiter geholfen hat, war die beste Lösung für mich es laufen zu lassen und abzuwarten wohin es führt.
Du fühlst wie Du fühlst und das ist in Ordnung, Gefühle sind immer in Ordnung, egal welcher Art.
Du willst Deinen bisherigen Weg nicht weiter gehen. Es kann manchmal ein wenig dauern, bis man weiß wohin die Reise gehen soll, bis man den Weg gefunden hat der für einen selbst der richtige ist. Wie lange bist Du Deinem alten ausgetretenen Pfad gefolgt? Also wäre es nicht verwunderlich, wenn Du im Moment etwas orientierungslos bist.Wenn Du jetzt nicht weiter weißt, ist das in Ordnung. Lass Dir ein bisschen Zeit bis Du einen neuen Weg gefunden hast. Er wird sich schon finden, wenn Du die Augen offen hältst. MrHardcore hat Recht wenn er sagt: Zeit ist ein gnädiger Helfer. Man muss sie sich "nur" geben und nehmen.
Gruß
Skye |
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