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Jule25
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 27.11.2009
Beiträge: 47
Alter: 41

BeitragVerfasst am: 27.11.2009, 23:41    Titel: Erste Schritte Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo und Guten Abend.

Ich bin 39 Jahre alt, seit knapp zwei Jahren Alkoholikerin, co-abhängige Tochter eines jetzt trockenen Alkoholikers, seit neun Tagen klar und nüchtern und im Moment aufgeregt und unsicher. Ich bewege mich seit Tagen durch Euer offenes Forum und fühle mich reich beschenkt. So viele Denkanstöße, einige Parallelen, bin ja gar nicht allein und -wow!- hier wird ja auch gelacht! Ich hoffe, das ist einer meiner ersten Schritte in eine gute Richtung. Stehe halt noch sehr am Anfang. ... aber ich habe ihn in der Hand!


... das ist mein Text aus dem Vorstellungsbereich.

Aus aufgeregt wird so langsam rappelig und das ist gar nicht so gut zur Zeit. Neun Tage sind halt nicht viele und mein vermeintliches Streßbewältigungsverhalten der letzten Jahre ist sehr präsent. Ich verspüre nicht den Druck Alkohol zu trinken (=>dabei hab ich ihn im letzten Jahr gar nicht getrunken ... gekippt trifft's eher), aber der Gedanke "das täte ich jetzt, wenn ich's noch täte" blitzt mich stündlich an.
Beim Lesen Eurer Beiträge in den letzten Tagen hab ich viel über Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst gelernt. Und schau jetzt mal, dass ich was umsetze. Vielleicht mag ja jemand noch antworten, wenn nicht, geh ich halt schlafen und schau morgen nochmal hier rein.
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Jule25 hat zum Thema: Erste Schritte geschrieben
lobanshee
Gast






BeitragVerfasst am: 28.11.2009, 00:02    Titel: Re: Erste Schritte Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Herzlich willkommen, Jule!

Deine Verunsicherung kann ich gut verstehen. Ich hatte am Anfang auch Angst, wie es mit mir und meiner Trockenheit weiter- bzw. ausgehen würde.

9 Tage sind schon viel, denn es sind 9 Tage ohne Alkohol. Gute Tage, oder?

Der Umgang mit sich selbst ist sehr wichtig, aber werd nicht ungeduldig mit Dir.

Kannst Du denn eingrenzen, wo Deine Druckpunkte entstehen?

Gruß

Lobanshee
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lobanshee hat zum Thema: Re: Erste Schritte geschrieben
Jule25
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 27.11.2009
Beiträge: 47
Alter: 41

BeitragVerfasst am: 28.11.2009, 00:39    Titel: Re: Erste Schritte Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Lobanshee.

Da klopft mein Herz - und ein bißchen freu ich mich: Dich "kenn" ich nämlich schon aus meinen letzten Tagen hier im Forum (in denen ich mir unterschwellig wie ein Voyeur vorkam).

Oh ja! GUTE TAGE!!!!!!! Fühle mich recht ruhig und bei mir. Freue mich manchmal über Gedanken und Gefühle, die ich lange nicht wahrgenommen habe und die doch so sehr zu mir gehören. Schaue in den Spiegel und erkenne so langsam mein Gesicht wieder mit klaren Augen und immer deutlicheren Konturen. Kann den Menschen um mir herum begegnen, aufrecht und wach, ohne dass meine Ressourcen für Schauspiel draufgehen. Gute Tage. YEP!

Aber auch schwere Momente. Mir wird das Ausmaß der Katastrophe klar, die ich da angezettelt habe. Bei mir und auch bei den Menschen in meiner Nähe. Laß ich zu, forciere es aber nicht. Das kommt, soll kommen und seine Zeit haben. Und seinen Ort besser nicht nur in mir.

Sind mehr die "Druckpunkte" auf die ich schaue. Gelingt ganz gut, kenne mich eigentlich in vielem auch ganz gut. Also: so'n paar Punkte sehe ich und versuche, sie im Auge zu haben.

Grüße von Jule
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Jule25 hat zum Thema: Re: Erste Schritte geschrieben
lobanshee
Gast






BeitragVerfasst am: 28.11.2009, 11:50    Titel: Re: Erste Schritte Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Jule,

Jule25 hat Folgendes geschrieben:
Kann den Menschen um mir herum begegnen, aufrecht und wach, ohne dass meine Ressourcen für Schauspiel draufgehen.


Das ist ein schöner Satz! Den nehme ich mal gedanklich mit zu mir! Smilie

Da sprichst Du wirklich was Wahres an. Oftmals frage ich mich, wie das alles nur auszuhalten war, das Lügen, das Heranschaffen, das Wegschaffen, das Durchhalten bis zum nächsten Schluck.

Die Freiheit, die ich heute habe, wirklich in jeder Situation und jeder Tageszeit ohne Alkohol im Blut herumzulaufen, sprich keine Fahne zu haben, immer parat zu sein, immer ans Telefon zu gehen Smilie ohne zu lallen, genieße ich ohne Ende. Auch jetzt erinnere ich mich oft an vergangene Zeiten.

Aber, und so habe ich es gemacht, in meinen ersten Monaten, zu sehr in die Vergangenheit abzutauchen, was war und wen ich eventuell verletzt haben könnte oder auch mit Gewißheit, das habe ich ein bisschen von mir weggeschoben, nicht, um zu vergessen, sondern erstmal mit mir selbst klarzukommen. Das klingt sehr egoistisch, war ich ja vorher mit meiner Trinkerei auch, nur ich hatte Angst, mir den Weg nach vorne zu verbauen.
Meine Mauer sollte ja fallen und nicht, jetzt im klaren Kopf, noch höher wachsen.

Das ist ein Spagat zwischen "sich plötzlich dem Leben stellen" und dem "plötzlich aufwachen und genau zu sehen, wie groß der Scherbenhaufen ist".

Und es braucht Geduld und wirklich auch eine gefühlte Veränderung der Lebensstruktur.
Ein guter Zugang zu sich selbst, half mir, denn ich fing an, ehrlich zu mir selbst zu werden, abzutauchen zu meinem Schwächen oder Fehlern, die in Wirklichkeit gar nicht so definiert werden müssen. Eigentlich brauchen sie keine Beschreibung, denn sie würden von jedem anders interpretiert werden. Aber sie zu kennen, sich an sie zu gewöhnen und dafür neue Lebensstrukturen zu entwickeln, war mein Weg, mir am Anfang nicht zu viele Hürden aufzubauen. Und sie sind es immer noch.

Sei herzlich gegrüßt

Lobanshee
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lobanshee hat zum Thema: Re: Erste Schritte geschrieben
Backmaus
Gast






BeitragVerfasst am: 28.11.2009, 13:01    Titel: Re: Erste Schritte Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Jule

Herzlich Willkommen auch von mir!!

Genauso,wie Lobanshee es beschrieben hat ist die erste Zeit der Abstinenz...
auch ich war voller Freude über die ersten trockenen Tage.
Da ich aber "quartalsmäßig" unterwegs war,gab es öfter diese alkfreien Tage ja sogar Wochen.
Das ich es diesmal ernst meinte,glaubte mir natürlich kein Mensch!Traurig
Voller Sorge und Mißtrauen schaute meine Familie mir in's Gesicht,in die Augen ,achtete auf meinen Gang,meine Sprache...
Wie oft hatte ich sie enttäuscht.
Es dauert! Alles!
Die Zeit bringt das Vertrauen zurück,Gespräche über die Sucht,über deine alkoholisierten "Untaten" werden möglich werden wenn die Zeit dafür reif ist.
Das Selbstbewußtsein steigt jeden trockenen Tag ein bißchen mehr.
Schau nach vorne und freue dich weiter über jeden trockenen Tag!
Alles,wirklich Alles geht ohne Alkohol viel besser!

Es grüßt dich
Backmaus
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Backmaus hat zum Thema: Re: Erste Schritte geschrieben
Jule25
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 27.11.2009
Beiträge: 47
Alter: 41

BeitragVerfasst am: 28.11.2009, 21:20    Titel: Re: Erste Schritte Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Lobanshee und hallo Backmaus!

Danke für Eure Antworten. Ihr beschreibt ziemlich gut, wie ich mich zur Zeit fühle und bewege. Das ist so befreiend, nicht mehr seitwärts zu atmen, nicht ständig Supermarkt und Altglascontainer zu wechseln, Telefonate nicht abrupt zu beenden, weil die Artikulationsfähigkeit leider wieder perdu ist, ...
Das genieße ich zur Zeit bewußt. Und hab ansonsten das Bedürfnis, mich immer mal wieder einzuigeln, lese viel, okkupiere Bad und Wanne.

Aber die anderen Gedanken sind halt auch da. Zumal von den Kollateralschäden, die ich vielleicht oder sicher angerichtet habe, auch meine drei (noch recht jungen) Kinder betroffen sind. Aber das anzugehen ist sicher nicht meine Baustelle 2009. Ich muß erst zu MIR kommen und selbst wissen und fühlen, dass ich ein verlässliches Gegenüber bin.

Das war ein ganz guter Tag heute. Smilie Ich hatte einen fröhlichen, wuseligen Vormittag mit meiner Familie und später Besuch von einer guten, nahen Freundin, der ich mich geoutet habe. Sie selbst hat eine Bulimiegeschichte in ihrem Gepäck und bei allem Ernst und trotz mancher Träne haben wir uns immer wieder mal angestrahlt, Parallelen entdeckt und miteinander gelacht. Das war gut und rund und richtig.

Und einen historischen Moment gab es gestern: Ich habe mich und meine üble Bronchitis zum Arzt gefahren und als es an die Rezeptierung ging, meinen Sohn rausgeschickt und dem doc erzählt, dass er beachten muß, dass ich Alkoholikerin bin. Das hat sich richtig und unspektakulär angefühlt ... erstaunlicherweise blieb das Gefühl der Scham, das mich so lange schon verfolgt, aus. Gut so!

Jetzt mag ich noch lesen, wie es Euch so geht und vielleicht noch ein wenig an die Luft gehen (es geht die Mär, es habe aufgehört zu regnen Smilie), bevor eine Teilmenge meiner Familie wieder heimkommt.

Habt einen schönen Abend!!!

Jule
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Jule25 hat zum Thema: Re: Erste Schritte geschrieben
Backmaus
Gast






BeitragVerfasst am: 28.11.2009, 21:51    Titel: Re: Erste Schritte Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Jule

Ich finde,du machst das ganz toll!

Den Arzt informiert...viele Medis enthalten Alkohol und können somit das Suchtgedächnis wecken.

Deine Freundin mit ihrer eigenen Suchtgeschichte war/ist der richtige,verständnisvolle Gesprächspartner und je mehr Menschen -die dir etwas bedeuten -von deiner Sucht wissen umso einfacher wird der trockene Weg sein.
Wenn's dir mal nicht gut geht,hast du Menschen zum Reden.
Alles Gute für dich und einen schönen 1. Advent!

wünscht
Backmaus
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Backmaus hat zum Thema: Re: Erste Schritte geschrieben
Jule25
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 27.11.2009
Beiträge: 47
Alter: 41

BeitragVerfasst am: 29.11.2009, 12:10    Titel: Re: Erste Schritte Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Guten Morgen, Ihr alle.

Bin unruhig und nervös heute. Ich sitze hier motzig vor der Rappelkiste und bin ganz klar der am wenigsten adventlich gestimmte Teil der Familie.

- Mir fehlt reichlich Schlaf, meine Bronchitis läßt mich seit Tagen nicht zur Ruhe kommen, die Rippenbögen tun vom Husten weh, der Kopf ist matschig. Ich fühle mich wie ein Zombie, eine tickende Zeitbombe.

- Die nächsten Tage bieten nicht viele Nischen für mich, dabei würde ich mich gerne noch ein wenig einigeln und in Watte packen. Aber drei Kinder, Berufstätigkeit, Haushalt und Weihnachtszeit fordern klar ihren Tribut. Habe in meinem Kalender die Stunden geblockt, die ich für mich sehe, da laß ich auch nichts rankommen. Trotzdem geh ich mental in die Knie.

- Es gab viel Gutes in den letzten Tagen, aber der Weg, für den ich mich entschieden habe, ist ein anstrengender. So gab es einige sehr kippelige Situationen.
Der Schritt, mich hier zu registrieren, hat mir am Freitag Abend viel abverlangt. Mein Bewältigungsmuster der letzten Jahre drängte sich auf: Mut und Antrieb ansaufen (was natürlich never ever klappte). Hab's anders und aus mir heraus hinbekommen, aber am Ende des Tages war ich ausgelaugt und leer.
Mein Outing vor meiner Freundin gestern war richtig und wohltuend und warm und nah. Das hätte ich vor einigen Tagen noch begossen. Auch gute Gefühle, auch Freundschaft und Intensität konnte ich nur bedröhnt aushalten. War schwer gestern Abend, mich und meine Gefühle ohne auszuhalten (zumal das Thema Alkohol nach diesem Nachmittag überpräsent war). Ich habe die Leere ausgehalten, sie annehmen können, war auch nicht wirklich versucht, zum Alkohol zu greifen. Ich habe mir vorgestellt, was passieren würde, wenn ich zur Flasche greife und wußte sicher, dass ich das nicht WILL. Das war eine gute Erkenntnis. Es ist kein 'ich darf das nicht', es ist ein 'ich WILL nicht'. Damit war kein Verhandeln mit mir (der Ausgang war mir eh klar), kein Hadern nötig. Aber einsam war ich, leer war es in mir, traurig auch. => Willkommen Gefühle.
Um halb zwei war ich im Bett, stündlich wach wegen der blöden Husterei und jetzt muß ich dringend kreativ in mich gehen, um dem Tag einen Schubs in eine bessere Richtung zu geben. Hier zu schreiben war schon der erste Schritt.

Habt einen schönen Tag! Jule
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Jule25 hat zum Thema: Re: Erste Schritte geschrieben

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