| Neujahrskater ! • Es geht immer weiter... |
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Petter neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 01.07.2006 Beiträge: 327 Wohnort: Zwischen Hamburg und Hannover
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Verfasst am: 22.09.2009, 08:09 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
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guten morgen!
ich schreibe gern weiter, es ist wichtig für mich. es ist aber auch nicht ganz einfach, weil ich mich plötzlich vor strukturellen schwierigkeiten sehe: mache ich das chronologisch? springe ich in verschiedenen ebenen? wie bekomme ich mit, wenn ich mich wiederhole? - letztlich entscheide ich mich gerade für: ich mache es einfach, auch auf die gefahr hin, dass es manchmal durcheinander gerät. ich bin kein schriftsteller und ich habe auch keinen lektor.
*schnipp*
ich lag öfter in meinem eigenen dreck, als mir lieb war. aber ich hatte auch so eine "schnell-spuren-beseitigen* - mentalität und so sah es bei mir zuhause immer recht ordentlich aus. mir war das wichtig und es gehörte zu meinem versteckspiel: "bei mir ist alles in ordnung!"... sogar die weinflaschen und bierkästen waren ordentlich hingestellt, obwohl sie nur einen einzigen sinn hatten: mich zu betäuben und mich WEGzumachen.
irgendwann klappte das mit der körperhygiene nach meinen immer länger dauernden saufexzessen nicht mehr so gut. meist habe ich es gar nicht gemerkt... einer freundin habe ich mal - natürlich im brustton der überzeugung - gesagt, öfter als zweimal duschen sei sehr schädlich für die haut... dabei war der einzige grund dafür meine faulheit und natürlich das, was immer mehr an die erste stelle in meinem leben gerückt war: der konsum von alkohol.
was muss ich gestunken haben.... oh je... von vielen saufabenden in meiner stammkneipe bin ich mit dem taxi nach hause gefahren. ich konnte gerade noch sagen, wohin ich musste. danach schaltete ich schon um auf pöbeleien, unverschämtheiten und so weiter. wenn ich überlege, wieviele völlig unbeteilgte menschen ich im suff beleidigt und beschimpft habe, wird mir schlecht. dass ich nie verprügelt wurde, liegt allein an meiner körpergröße und meinem direkten und massiven auftreten. da wagt kaum einer was zu sagen - und das wusste ich natürlich. also immer drauf auf die kleinen, immer weiter gepöbelt und rumgestänkert. ich war ein ausgesprochen widerlicher kerl.
wenn ich nach so einer nacht endlich zuhause ankam, musste natürlich immer noch ein "gute-nacht-schluck" irgendwo gebunkert sein. dann warf ich die glotze an, schmiss mich aufs sofa und trank mich endgültig in die besinnungslosigkeit. das erwachen war immer böse... nicht nur der übliche kopfschmerz, der fürchterliche geschmack im mund und die merkwürdig aussehende wohnung wurden meine häufigen begleiter. auch die kotverschmierte toilettenbrille - und eben leider immer öfter, die eingemachte bettwäsche und matratze.
ich habe mich nicht geschämt, glaube ich. in meiner erinnerung habe ich funktioniert: heisses wasser in den eimer, essig rein, geschrubbt... so gut das ging. die wohnnung wieder halbwegs auf vordermann gebracht... sozusagen einen "haushaltstag-extra" eingelegt. ich glaube, ich habe noch nicht mal etwas gedacht, als ich die "bescherung" im bett das erste mal sah... es war so ungeheuerlich, dass ich es selber ausblendete.
nach so einem anstrengenden erwachen ist es selbstverständlich, dass ich mich belohnte: schnell zum einkaufsladen und nachschub geholt, der tag sollte schliesslich schön werden...
zu meiner fehlenden achtsamkeit mir selbst gegenüber gehört natürlich auch die kleidung. ich habe noch in erninnerung, wieviel hosen und hemden ich am ende hatte, die ich benutze... eine hose, zwei hemden. der rest passte nämlich nicht mehr, weil ich immer fetter wurde und auf 4XL anzuschwellen drohte: im klartext: das ist X X X X L... bei 3XL habe ich dichtgemacht. ich betrieb "leben-auf-substanz" in jeglicher richtung.
die hose hatte im schritt keine heile naht mehr; meine unterhosen waren durchlöchert. irgendwann hatte ich einen arzttermin, zu dem ich MUSSTE, das heisst, mir gings wirklich schlecht. bei der sonographie bemerkt der arzt natürlich meine kleidung und guckte beschämt leicht nach oben. diesen blick vergesse ich nie. ich bin fast gestorben... so tief kam mir der fall vor. das war kein fremder arzt... das war einer, mit dem ich ich duzte und der mich kannte.
so lebte ich von tag zu tag... in immer schlechter werdender kleidung und mit immer schlechter werdender gesundheit durch die tage, die ich nicht mehr merkte und deren wochentage ich oft nicht wusste.
im hinterkopf hatte ich ständig den gedanken: "peter, wenn du so weitermachst, wirst du richtig krank werden."
wie weit ich krank werden würde durch meinen alkoholmissbrauch, ahnte ich nicht. ich verdrängte es, bis der körper sich holte, was er brauchte. und selbst diese anzeichen, in ihrer art durchaus lebensbedrohlich, die eben keine zeigefinger mehr waren, sondern sehr deutliche warnhinweise - ich sah sie nicht und wollte sie nicht sehen.
danke fürs lesen. es geht weiter.
peter |
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| Petter hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
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Tanja sehr aktiver Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 25.02.2008 Beiträge: 2775 Alter: 38 Wohnort: hessen, trocken seit dem 23.3.08
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Verfasst am: 22.09.2009, 13:10 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
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Hallo Peter,
danke fürs mit-teilen. Ich bin sehr berührt von deiner Ehrlichkeit und danke dafür, das du mir zeigst wo mein Weg hätte hingehen können, wenn ich noch trinken würde.
LG Sabine |
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| Tanja hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
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Feengesicht neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 12.09.2009 Beiträge: 196 Alter: 45
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Verfasst am: 22.09.2009, 21:13 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
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Ich danke dir für deine Offenheit. Trotz deines Beschmutzens hast du heute deine Würde wieder!
Alles liebe Pia |
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| Feengesicht hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
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Petter neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 01.07.2006 Beiträge: 327 Wohnort: Zwischen Hamburg und Hannover
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Verfasst am: 23.09.2009, 09:13 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
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die vernachlässigung meiner äusseren erscheinung war das eine. kleidung hätte ich ja kaufen können - aber ich hatte andere prioritäten, "mein" geld auszugeben: alkohol, zigaretten, kneipen, alkohol. einen blick in meinen einkaufswagen beim supermarkt zeigte deutlich, wohin das geld floss. natürlich habe ich auch alibi-einkäufe getätigt: ich habe dinge gekauft, die ich eigentlich nicht dringend brauchte, aber dann sahen die flaschen im korb nicht ganz so nach säufer aus - dachte ich.
ich bewohnte in meiner immer schlimmer werdenden saufzeit ein paar jahre eine parterre-wohnung in kreuzberg. sehr praktisch: gleich ein haus weiter ein türkischer kiosk, wo ich bis spät abends meinen stoff bekam und gegenüber eine tankstelle, rund um die uhr geöffnet und mit dem kiosk in ständigem kampf, wer das billigere bier anbot. drei häuser weiter befand sich ein wohnheim der evangelischen kirche. hier "wohnten" jene suchtkranken und obdachlosen männer, bei denen man jede hoffnung aufgegeben hatte und denen man ein halbwegs würdiges ende bieten wollte. ich habe jahrelang vor augen gehabt, WAS geschieht, wenn ich weitersaufe.
es versteht sich von selbst, dass ich zu diesem zeitpunkt nicht im traum daran dachte, ich sei alkoholiker. ICH doch nicht. zu keinem zeitpunkt, während ich dort wohnte, habe ich die rutschbahn erkannt, auf der ich mich befand. mein konsum waren zu der zeit ungefähr drei halbe bier und ein liter wein, zuzüglich der vier biere in kneipen.... mal mehr, mal weniger, schnaps habe ich zuhause nicht getrunken, nur ab und zu mal in einer kneipe. zu meinem alkoholkonsum kam noch mein rauchen: mein konsum lag bei 30 bis 50 kippen am tag. meine wohnung habe ich jedes jahr komplett neu gestrichen. es war so gelb und so verqualmt, dass ich selbst es nicht aushielt und renovieren musste.
ich diese zeit fallen einige krankheiten (und nun komme ich wieder auf die vernachlässigung meiner körperhygiene zurück), die mir schwer fallen zu schildern. für manch einen ist das vielleicht auch sehr unangenehm zu lesen. aber es gehört zu meinem säuferleben... und ich denke, es sind noch die geringsten krankheiten, die einen alkoholabhängigen menschen mittelbar heimsuchen können.
aus purer faulheit und aus einer entsetzlichen "***-egal-haltung" habe ich unter anderem meine fussnägel vernachlässigt. die pflege, die ich heute sehr akribisch betreibe, liess ich meinen füssen fast nie zukommen. im sommer sehe ich manchmal noch trinkende männer in sandalen... und dann sehe ich meine geschundenen füsse wieder. irgendwann war alles soweit vernachlässigt, dass ein schneiden der nägel der großen zehen nicht mehr möglich war: sie waren eingewachsen. die schmerzen wurden stärker, ich pulte daran herum und versuchte irgendwas, aber das half natürlich nicht mehr. einzig ein gang zum chirurgen half. die nägel waren so verkrümmt und eingewachsen, dass mir seitlich an beiden zehnägeln bis hinter die nagelwurzeln der nagel weggeschnitten wurde. das sah erstmal merkwürdig aus, war aber die rettung. heute sieht man das kaum noch.. - nur wenn man es weiss.
das zweite und weitaus schmerzhaftere war eine zweimalige erkrankung am steissbein: ich kann darüber spekulieren, ob es etwas mit mangelnder hygiene zu tun hatte, aber sicher ist, dass der heilungsverlauf ein besserer gewesen wäre - ohne alkohol und nikotin. und erkannt hätte ich ohne alkohol auch eher, dass "da hinten" etwas nicht in ordnung ist.
ich bekam einen steissbein-abzess. so etwas wünsche ich wirklich niemandem... für die chirugurgin muss das schon ein besondere anblick gewesen sein: dieser ungepflegte und aufgedunsene mann mit so einem ding am steissbein. aber sie war cool. in einer operation unter vollnarkose wurde das ding entfernt. danach begann das dilemma.
menschen, die rauchen und trinken, haben eine schlechte wundheilung. nach so einer operation war das richtig dumm: denn ich konnte nicht sitzen und nicht liegen. ungefähr fünf wochen dauerte es, bis mit hilfe von "leukase-kegeln", die immer wieder in die wunder gelegt wurden, sich diese schloss. sie musste von innen zuwachsen... hätte ich nicht geraucht und gesoffen - ich hätte nach zehn tagen alles vergessen können. so aber dauerte es und dauerte... ich war fix und fertig.
natürlich war ich krank geschrieben und aus lauter langeweile und weil ich ja sooo schrecklich krank war, musste ich weiter viel trinken. es war ja auch so langweilig und ich hätte zuviel zeit haben können, über mein verkorkstes leben nachzudenken.
es kam wie es kommen musste: die wunde schloss sich irgendwann. ich dachte nicht mehr an das gewesene, soff weiter und ging weiter schlecht mit mir um. ein jahr später hatte ich wieder einen steissbeinabszess. meine stimmung war grässlich. eine neue operation und diesmal eine noch längere heilungszeit. zumindest danach wusch ich mich wieder öfter und achtete auf ein mindestmass an körperpflege.
ganz besonders unangenehm war mir zu saufzeiten mein umgang mit meinen zähnen: ich hatte schon immer angst vor zahnärzten und ein erlebnis als heranwachsender auf einem zahnarztstuhl hat mich tief geprägt und die zahnpflege schleifen lassen. als säufer hatte ich dann für die zahnpflege so gar nichts mehr übrig. über die jahre, die ich nicht mehr zum zahnarzt ging, verfaulten viele zähne, besonders die backenzähne haben sehr gelitten. ich war ein guter konsument von schmerzmitteln und nach vielen jahren der vernachlässigung konnte ich nur noch mit den vorderen zähnen beissen. mein zähneputzen beschränke sich auf ein sekunden-geschrubbel und hatte eher alibifunktion. nachdem ich trocken wurde, habe ich als erstes die zähne in angriff genommen: es hat tausende gekostet und ich habe auch noch glück gehabt: ich fand einen zahnarzt, der mehr wert auf erhaltung denn auf prothetik legte und so wurde mein gebiss langsam wieder gut. viele kronen, viele brücken. aber es hat mich dennoch fünf oder sechs zähne gekostet.
wenn ich das so schreibe fällt mir auf, dass ich mich wirklich von kopf bis fuss vernachlässigt habe. das verrückte ist: zu dieser furchtbaren zeit sah ich mich immer nur als opfer und hatte damit viele gründe, weiter fleissig zu trinken. natürlich bekommt man einige krankheiten auch so - ohne alkoholiker zu sein. aber man vernachlässigt sich selten so, wie ich das getan habe. ich habe raubbau betrieben am eigenen körper, bis dieser sich vehement wehrte.
wie er sich zu wehren begann, erzähle ich nachher oder morgen. jetzt brauche ich eine pause um durchzuatmen und das nochmal sacken zu lassen.
danke fürs lesen!
peter |
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| Petter hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
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Petter neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 01.07.2006 Beiträge: 327 Wohnort: Zwischen Hamburg und Hannover
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Verfasst am: 24.09.2009, 08:52 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
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ich bin nicht all die ganzen jahre meines saufens so lieblos und pfleglos mit mir umgegangen. es hat sich entwickelt: die dinge, die mir wichtig waren, gerieten ganz langsam in den hintergund und die beschaffung und der konsum von alkohol schoben sich langsam aber mit druck in den vordergrund. es war eine sehr merkwürdige und hässliche verschiebung, denn meine persönlichkeit änderte sich.
ersthaft ängstlich wegen meines saufens wurde ich im jahr 2005 das erste mal. ich lies mich in ein krankenhaus bringen, weil ich atemnot bekam und hyperventilierte. an diesem tag hatte ich noch nichts getrunken und so lag ich ausnahmsweise einmal ohne fahne auf diesem untersuchungstisch. mein blutdruck war beängstigend hoch und man gab mir nitro-spray, damit das herz wieder etwas runterfährt. ein arzt kam, zog den vorhang zu und unterhielt sich fast eine stunde mit mir: erst ein wenig über mich und ich gab zu "die letzten tage" etwas viel getrunken zu haben. was war ich feige... dieser arzt war gut: er redete MIT mir über das leben, die welt, die gesundheit und was man alles noch erleben möchte. dann gab er mir den rat, zum hausarzt zu gehen und den blutdruck einstellen zu lassen. er wusste genau, was sache war, hat es aber nicht angesprochen, sondern mich spüren lassen. ich fuhr nach hause und war beeindruckt und nachdenklich. zum aufhören reichte es noch nicht - aber es war ein grundstein gelegt... und das wusste ich.
der blutdruck wurde eingestellt, ich nahm medikamente und mein leben ging in der gleichen art und weise weiter. der konsum wurde mehr und mehr, arbeiten konnte ich immer weniger. ich versuchte, meine wohnung einigermaßen ordentlich zu halten und war ansonsten damit beschäftigt, die fassade aufrecht zu erhalten und den konsum zu sichern.
beides war sehr anstrengend, denn zum fassade aufrecht erhalten brauchte ich eine menge energie, weil ich jeden tag betrunken war und einen kater (im kopf) hatte. vor die tür zu gehen und den alkohol einzukaufen aber war der schlimmere und anstrengendere teil: erstens musste ich ein minimum an ordnung herstellen und mich irgendwie anziehen. zweitens musste ich nach draussen, unter menschen.. und das war am ende der absolute horror für mich. in der regel versuchte ich, dies möglichst in der dämmerung zu erledigen - aber im sommer ist das schwierig. keine sonnenbrille kann die scham verstecken, die ein säufer empfindet. nach so einem einkauf war ich zu gar nichts mehr zu gebrauchen - ich lag erschöpft auf meinem sofa. der einkaufsladen war übrigens keine fünfzig meter entfernt von meiner wohnung.
ich trank also weiter... manchmal dachte ich: "na, wenn es sich bei dieser menge einpendelt, ist es ja gut." ... nun, das ist ein trugschluss, denn die menge wird natürlich mehr. mittlerweile war ich bei drei litern bier und 1,5 litern wein am tag zuzüglich den getränken in der kneipe, und dort trank ich nun auch regelmäßig einen "absacker".. also schnaps zum bier.
es kam, wie es kommen musste. auf einem spaziergang durch den wald verliessen mich plötzlich die kräfte. ich musste mich auf einen baumstamm setzen und konnte nicht mehr aufstehen. ich hatte schweissausbrüche am ganzen körper und ich fror und zitterte. ungefähr eine halbe stunde dürfte ich dort gesessen haben, dann bin ich im schleichgang zur s-bahn. ich hatte grosse angst, diesen weg nicht mehr zu schaffen und rechnete ständig damit, umzufallen. mein zustand wurde nicht wirklich besser, auch in der s-bahn nicht. zum reden war ich zu schwach und meine angst wuchs. ich konzentrierte mich ganz auf meine atmung. ich fuhr wieder in ein krankenhaus. der blutdruck war entsetzlich. der untere wert war bei fast zweihundert - wieder bekam ich nitrospray. der arzt sagte, ich sei in einer sehr gefährlichen situation gewesen und riet mir, zu einem kardiologen zu gehen.
dazu kam es nicht mehr. mir kam etwas viel besseres in den sinn, denn ich glaubte, dem ursprung meines übels auf die schliche gekommen zu sein. ich nahm mir vor, nicht mehr zu trinken. das setzte ich zwar noch nicht am selben tag um, aber der gedanke war in meinem kopf und lies sich nicht mehr vertreiben: "der alkohol ist es, peter. du machst dich kaputt. hör´auf damit." - jeden tag spukte dies durch meinen kopf, hundertemal. es wurde stärker und stärker und das beste: ich lies es zu und hörte auf mich.
ich beging eine letzte grosse dummheit: noch von meiner kranken denke beeinflusst, wollte ich auch das ende meines säuferlebens selber in die hand nehmen und machte einen kalten entzug. ich rate jedem dringend davon ab - allein, ich wusste es damals nicht besser und ich hätte mich leider auch niemandem offenbart, denn ich hatte vermeintlich niemanden mehr, dem ich hätte sagen können, was mit mir los ist. ich fühlte mich entsetzlich, entsetzlich allein. tief in meinem inneren ahnte ich aber, dass ich mit diesem entzug etwas dummes tat: denn ich legte meine matratze in die nähe der wohnungstür, damit mich jemand hört, falls etwas schief gehen sollte. mit einem telefon und meinem teddy erlebte ich meine erste alkoholfreie nacht seit über fünfzehn jahren. wie diese nacht war, kann ich nicht schildern - ich ärgere mich bis heute über meine dummheit und meinen leichtsinn.
*schnipp*
ein paar tage später meldete ich mich in diesem forum an.
ich danke fürs lesen. es geht weiter.
peter |
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| Petter hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
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ColoradoBelle neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 07.06.2009 Beiträge: 32 Alter: 46 Wohnort: Wertingen
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Verfasst am: 24.09.2009, 19:55 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
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| Petter, ich überlege mir, ob es Sinn machen würde, meinem Ex, Deine Erzählungen vorzulegen zur Abschreckung. Denn ihm steht das, was Du schon durch hast noch bevor. |
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| ColoradoBelle hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
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Petter neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 01.07.2006 Beiträge: 327 Wohnort: Zwischen Hamburg und Hannover
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Verfasst am: 25.09.2009, 09:49 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
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hallo zusammen,
danke für die feedbacks, sie tun mir gut. ich gebe gern zu, dass ich dies alles in erster linie für mich schreibe: um zu verstehen, einzuordnen und weiter an mir zu arbeiten. wenn es anderen hilft, freue ich mich darüber und bin natürlich auch ein wenig stolz.
*schnipp*
ich möchte heute über etwas schreiben, was mich sowohl in meiner nassen zeit als auch danach immer besonders bewegt hat: die scham.
nachdem ich das große wunder des trockenwerdens erleben durfte, habe ich mich natürlich immer wieder gefragt: "was hat dich zum suff getrieben, peter?" - diese frage habe ich immer noch nicht abschliessend für mich beantwortet und das wird wohl auch nie möglich sein. vielleicht - so dachte ich manchmal - ist sie auch nicht wichtig. doch je länger ich trocken werde, umso mehr bewegt mich diese frage.
"was hat mich zum alkoholiker werden lassen?" oder besser: warum habe ich mich dorthin gebracht? darauf gibt es in meinem fall eine menge möglicher antworten und noch viel mehr unsinnige vermutungen. in diesem thread komme ich darauf wohl noch etliche male und so verkürze ich heute meine antwort, um zum thema zurückzukommen: ich war immer ein schüchternes kind, ich habe meine position in meinem leben von anfang nicht gefunden, ich habe mich immer für alles mögliche geschämt.
ganz besonders krank wurde mein verhalten und meine denke in bezug auf menschliche beziehungen: ich bekam nichts auf die reihe - und das jahrelang. ich tappte im nebel, auch als ich noch gar nicht trank. irgendwann wurde es mir wohl zuviel und eine mischung aus gesellschaftlichen / sozialen umständen und meiner psyche lies mich zum alkohol gleiten. ich sage "gleiten", weil es ein langsamer prozess war.
aber es gab einen entscheidenen unterschied zum trinkverhalten meiner freunde: ich trank, um mich WEGzumachen, um nicht mehr DENKEN zu müssen, um mein kopfkino zum stoppen zu bringen. das habe ich damals geahnt, nicht bewusst wahrgenommen. ich trank nicht nur zum "spass", wie so viele andere, und das war mir voll bewusst. war ich im kreis von freunden angetrunken, ging es mir gut! ich war beliebt - durch und durch... bei jedem und jeder.
ich trank immer dann, wenn ich an meine grenzen stiess; ich habe damit angefangen, als ich ungefähr 21 jahre alt war. ich hatte weder beziehungserfahrung, noch wirklich befriedigende S** erfahrungen gemacht und hatte das gefühl, ich würde das auch nie mehr erleben. ein tiefer frust machte sich breit in mir und die ungeheure scham, dass ich mich nicht traute, mit jemandem darüber zu sprechen. der gang nach nebenan zum supermarkt und der griff zum wein war einfacher. allen erklärte ich gott und die welt, aber menschlich habe ich nichts auf die reihe bekommen. damit das keiner mitbekam, becherte ich gern... ich machte mich WEG und musste nicht mehr über mich nachdenken.
dieses trinkverhalten behielt ich die nächsten zwanzig jahre bei. es gab kurze unterbrechungen, aber ich hatte nie den ernsthaften willen, damit aufzuhören. ich begann aus scham zu trinken und irgendwann schämte ich mich, trinker zu sein.
in meinen letzten nassen jahren wurde alles schlimmer... viel schlimmer. die vernachlässigung meines äußeren habe ich schon beschrieben. die verrohung meiner seele schritt ebenfalls in großen schritten voran. all das war mir immer bewusst und die scham begann zu wachsen. dieser wachsenden scham begegnete ich mit noch mehr alkohol. ich machte mich wirklich nur noch weg, ich wollte nicht mehr denken müssen. das funktioniert aber nur so lange, wie der stoff die birne benebelt.
das erwachen ist so sicher wie das amen in der kriche und es wird mit jedem mal grausamer.
meinen alltag bekam ich nur noch mit mühe auf die reihe. einladungen lehnte ich am ende ab oder ging nicht hin. der einzige platz ausserhalb meiner wohnung, wo ich es noch aushielt war die kneipe - aber auch erst, wenn die dämmerung eingetreten war (... eben auch wegen der scham, gesehen zu werden... ). es kam vor, dass ich jemandem von ganz, ganz früher zufällig begegnete: das waren die allerschlimmsten momente... diese menschen kannten mich noch als sportlichen mann, stets gut gekleidet und mit einem freundlichen wesen ausgestattet: nun trafen sie einen sehr fetten mann mit schlechten zähnen und in schlimmer und verschmutzter kleidung, der ihnen noch nicht mal die hand gab, sondern weiterging. aus scham. ihre blicke im nacken, weil ich wusste, dass sie sich nochmal nach mir umdrehen würden: das waren sekunden, die mein innerstes trafen und in denen ich mir den tod gewünscht habe.
gesundheitliche gründe zwangen mich zum umdenken - ich wurde in den wenigen wachen augenblicken vernünftig, in denen ich nicht zur flasche griff. aber mein umdenken hat lange gedauert.. auch weil ich wusste: dann musst du an DICH ran... an dein versoffenes und kaputtes leben. meine menschlichen kontakte waren auf ein minimum zusammengeschmolzen - ich habe die meisten vergrault und viele wollten mit diesem fetten, stinkenden kerl auch nicht zusammen sein.
am ende meiner "saufkarriere" schämte ich mich, auf die strasse zu gehen. die einsamkeit war entsetzlich und innerlich schrie ich nach einem ende. ich hatte angst vor menschen, vor der sonne, vor dem leben. fürchterliche angst. ich brauchte nach meinem entzug genau eine woche, bevor ich meine wohnung wieder verliess und mich unter menschen traute. ich war ein körperliches und seelisches wrack - aber ich war das erste mal seit vielen jahren nüchtern und konnte ganz verzagt und vorsichtig in die zukunft sehen - mit der kleinen hoffnung, dies auch mal ohne scham tun zu können.
danke fürs lesen. es geht weiter.
peter |
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| Petter hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
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ColoradoBelle neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 07.06.2009 Beiträge: 32 Alter: 46 Wohnort: Wertingen
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Verfasst am: 26.09.2009, 20:19 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
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| Petter hat Folgendes geschrieben: | hallo zusammen,
danke für die feedbacks, sie tun mir gut. ich gebe gern zu, dass ich dies alles in erster linie für mich schreibe: um zu verstehen, einzuordnen und weiter an mir zu arbeiten. wenn es anderen hilft, freue ich mich darüber und bin natürlich auch ein wenig stolz.
peter |
Peter du kannst echt wahnsinnig stolz auf dich sein. Ich bewundere dich dafür, dass du so offen über deine "nasse" Zeit sprechen kannst. |
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| ColoradoBelle hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
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