| Neujahrskater ! • Es geht immer weiter... |
|
|
| Autor |
Nachricht |
|
|
claro sehr aktiver Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 20.04.2009 Beiträge: 3365 Alter: 50
|
Verfasst am: 27.09.2009, 07:54 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
|
|
hallo petter, du hast das talent, eine grosse geschichte zu erzählen.
danke hierfür.
gruss claro |
|
| Nach oben |
|
| claro hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
|
|
 |
Petter neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 01.07.2006 Beiträge: 327 Wohnort: Zwischen Hamburg und Hannover
|
Verfasst am: 27.09.2009, 10:03 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
|
|
hallo zusammen -
danke, coloradobelle, für dieses liebe feedback. du hast recht: ich bin auch erheblich stolzer auf mein neues leben, als die worte es vermuten lassen!
zu meiner scham, über die ich gerade geschrieben habe, gehört auch die lüge. sie steht ganz schön eng neben der scham und beide ergänzen sich irgendwie... zumindest bei mir. darum mache ich weiter mit der lüge.
*schnipp*
"alkoholiker sind die besten lügner, sie lügen dir das blaue vom himmel herunter!" - das hat mir einmal eine freundin gesagt, die damals schon sehr lange trocken war und als ich noch nichts über alkoholismus wusste.
jahre später, ich war schon auf der rutschbahn nach unten, kamen mir ihre worte immer mal wieder in den kopf. wie recht sie doch hatte.. wie verdammt recht sie hatte. ich wurde ein lügner: je mehr ich soff, umso mehr log ich. zum einen belog ich mich selbst und machte mir ständig etwas vor - ich lebte in einer eigenen scheinwelt. vor allem aber belog ich andere - um mich zu schützen. UND um zu überleben... besonders finanziell. das lügen zum erlangen finanzieller vorteile - das hatte ich für mich entwickelt und angewendet.
es gibt nicht viele menschen, die man anlügen kann, um an geld zu kommen. ich brauchte aber dringend geld. im laufe der jahre immer mehr und immer häufiger... weil ich weniger arbeiten konnte und mehr alkohol brauchte, um mich zu betäuben. wen geht man um geld an, wenn man nicht weiter weiss? richtig... ich begann, meine eltern anzupumpen. aus meiner sicht hatten sie doch einen großteil der schuld für mein verkorkstes leben auf sich geladen - also: her mit dem geld... so dachte ich wirklich. es funktionierte sehr gut und jahrelang.
letztlich hat meine mutter meinen suff finanziert. sie weiss das auch, meine schwestern wissen es, und ich begann mein widerliches verhalten erst zu begreifen, als ich trocken wurde. es beschämt mich bis heute sehr. was habe ich nicht alles erfunden, um von ihr geld zu bekommen. angefangen vom abgebrochenen studium, weiter über angebliche mieterhöhungen, angebliche geklaute geldbörsen, angebliche wohnungseinbrüche... ich habe ihr jede menge lügen aufgetischt, damit sie überweist. und das tat sie... bis zum schluss, bis ich aufhörte mit dem saufen. unzählige briefe habe ich von ihr bekommen, in denen ein "scheinchen" steckte, den ich sofort in alkohol und zigaretten umsetzte.
diese lügen habe ich nicht nur bei ihr angewendet... auch alte freunde mussten dran glauben. ich habe mir geld "geliehen" und nicht zurückgezahlt. ich habe in läden gestohlen, zwar nicht viel, weil ich angst hatte, erwischt zu werden, aber immerhin: ich habe geklaut. ich habe auch gelogen, wenn es nicht ums geld ging: ich habe gelogen, um nicht arbeiten zu müssen, oder ich habe gründe vorgeschoben, um mich nicht mit anderen menschen treffen zu müssen. wenn ich irgendwas verbockt hatte, mussten lügen her, damit ich selber nicht als schuldiger da stehe.
in meinem weiter abstürzenden säufer-leben wurde alles immer mehr zu einer einzigen lüge: irgendwann lebte ich nur noch, um alkohol trinken zu können... damit ich das selber nicht so merkte, belog ich mich selber: "... ist doch alles nicht so schlimm.... andere trinken doch auch.. das leben ist eben so... " und so weiter. diese art der lebenslüge wurde besonders in den kneipen gewürdigt, in denen ich verkehrte. nie ist mir damals aufgefallen, dass sich alle dort ausnahmslos als opfer sahen - mich eingeschlossen. es war ein einziges herumlamentieren und nörgeln an der schlimmen welt da draussen...
schuld sind immer die anderen. die schuld sucht man NIE bei sich selber... man tut nichts anderes, als sich zu belügen. in solchen kneipen findet man bestätigung und geht irgendwann betrunken nach hause. das aufwachen am nächsten tag straft einen dann - das lügen hat sich nicht gelohnt. man muss schnell weiter trinken... denn das böse leben hat einen wieder.
als ich erkannte, dass ich mich immer weiter in die gefühlslosigkeit und damit in die isolation soff, hörte ich langsam auf, mich zu belügen. ich habe viel geweint, als ich begann, wieder gefühle zuzulassen. immer wieder lese und höre ich vom berühmten "tiefpunkt" den ein suchtkranker braucht, um aus dem dunkeln loch vielleicht wieder herauszukommen. dieser tiefpunkt ist bei jedem menschen ein anderer, es gibt keine wertigkeiten oder wertungen: für den einen ist es die brücke, unter der man zuhause war, für den anderen das erkennen einer lebenlüge, für den nächsten beides - was auch immer.
in meinem fall war es vielleicht das erkennen meines sinnlos gewordenen lebens und der einsicht: "hey... mit anfang vierzig gibt es doch wohl noch was anderes, als sich dauernd zu bemitleiden und weiter zu versinken." ich habe keine ahnung, wer mir mit dem zeigefinger drohte und damit in meinem kopf etwas in bewegung setzte.... aber ab dem augenblick, in dem ich mich als säufer akzeptierte, ging es langsam bergauf. sehr langsam! bis ich wirklich VERSTAND, was ich da mit mir angestellt habe die vielen jahre, verging noch eine menge zeit. aber alles braucht einen anfang. bei mir war es mein erkennen: "peter, du bist alkoholiker, du bekommst dein leben nicht mehr auf die reihe. der alkohol bestimmt dein leben. wenn du es allein nicht schaffst, dann such dir hilfe."
ab da brauchte ich nicht mehr lügen. und mit dem aufhören der lüge endete sehr bald auch meine fürchterliche nasse zeit.
ich danke fürs lesen. es geht weiter.
peter |
|
| Nach oben |
|
| Petter hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
|
|
 |
Linde66 Moderatorin

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 08.10.2008 Beiträge: 13699 Alter: 46
|
Verfasst am: 27.09.2009, 10:18 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
|
|
Hallo Peter, guten Morgen!
Danke, daß du uns in dieser Tiefe teilhaben läßt.
Das dagefällt mir soooo gut! Da steckt glaube ich ein höchst lebendiger, humorvoller Mensch zwischen den Zeilen...
Schön, daß du dich selber ausgegraben hast.
Viele Grüße, Linde |
|
| Nach oben |
|
| Linde66 hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
|
|
 |
zerfreila sehr aktiver Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 01.01.2009 Beiträge: 9816 Alter: 54 Wohnort: Deutschland
|
Verfasst am: 27.09.2009, 19:56 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
|
|
Hallo Peter,
vielen Dank fürs Schreiben. Deine Texte berühren mich sehr und geben mir viel. Liebe Grüße, zerfreila. |
|
| Nach oben |
|
| zerfreila hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
|
|
 |
Petter neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 01.07.2006 Beiträge: 327 Wohnort: Zwischen Hamburg und Hannover
|
Verfasst am: 28.09.2009, 06:59 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
|
|
hallo zusammen,
und wieder sage ich "danke" für den lieben zuspruch, der mir gut tut und der mir hilft, mein leben zu erzählen. es fällt mir viel leichter, als man es vermuten könnte. ich habe schon vor längerer zeit daran gedacht, dies zu tun - aber ich war noch nicht so weit. in mein trockenes leben war zwar schon vernunft eingekehrt, aber zum schreiben langte es nicht, ich konnte noch nicht aus dieser perspektive erzählen, aus der ich es heute kann.
scham und lüge, diese beiden bei mir so eng zusammenliegenden dinge bringen mich dazu, über meine finanzen und meine arbeit zu sprechen...
*schnipp*
1984 / 1985 zog ich von der kleinstadt im nordwesten deutschlands nach berlin. dort holte ich mein abitur nach und hatte vor, zu studieren. ungefähr in diese zeit fiel auch meine sehr langsame gewöhnung an alkohol. ich begann zu studieren, aber mich langweilte alles... egal, welches fach - ich habe dreimal das studienfach gewechselt - alles fand ich letztendlich belanglos. ich erinnere mich sehr genau, wie ich nach einer stunde unterricht an der technischen uni raus bin, über die strasse in ein café und dort erstmal ein glas sekt trank... zur entspannung natürlich. mit dem studium wurde es nichts, das wusste ich von anfang an. aber es hinderte mich auch nicht, weiter an der uni eingeschrieben zu bleiben...
über einen freund kam ich an das taxifahren. ich dachte, ich könnte in dem job schnell geld verdienen und dann wieder etwas anderes versuchen. ich machte den taxischein und fing an zu arbeiten... für einen säufer ist dieser job im grunde nicht schlecht - wenn man nicht zuviel restalkohol hat....
der riesenvorteil dieses jobs lag in der vermeintlichen freiheit, arbeiten zu können, wann man will, nie einen chef neben sich zu haben und abends mit einem beutel geld nach hause gehen zu können. ich wurde auf provisionsbasis bezahlt und legte den anteil des chefs abend raus - meinen anteil versoff ich zum teil.
im laufe der jahre wurden die umsätze schlechter, mein einkommen auch - aber mein alkoholbedarf stieg. ich begann immer mehr, meine kompletten einnahmen nach der schicht in der kneipe zu lassen. als auch das nicht mehr reichte, verging ich mich am anteil meines chefs. rechtlich gesehen ist das mindestens "veruntreuung" - aber das war mir egal. es häuften sich schulden an bei meinem chef... wenn es mehr wurden, als 2000/3000 DM, bettelte ich meine eltern an und die beglichen die schulden... denn sonst wäre der job weg gewesen.. wer will das schon - und damit habe ich meine eltern immer rumgekriegt.
zu den schulden beim arbeitgeber häufte ich schulden bei freunden an, bei der telekom - und bei meinem vermieter. den briefkasten machte ich irgendwann nicht mehr auf, denn ich wusste ja, was da drin war. wenn er zu vollgestopft war, leerte ich alles in eine einkaufstüte und schmiss die briefe ungeöffnet weg. man muss sich das mal vorstellen: ich hatte dann wirklich das gefühl der erleichterung, weil der briefkasten wieder leer war... so eine kranke denke... und wenn das telefon wieder mal abgestellt wurde, sprang meine mutter ein. für andere beträge habe ich freunde angebettelt und wieder irgendwelche komischen geschichten erfunden...
es kam, wie es kommen musste...: irgendwann stand der briefträger vor mir und überreichte mir etwas in einer "zustellungsurkunde" - die kündigung meiner parterre-gruft-wohnung wegen nicht geleisteter mietzahlungen. in einem akt der riesengroßen lüge und mit hilfe eines befreundeten rechtsanwaltes wurde die kündigung der wohnung zurückgenommen. natürlich, nachdem die mietschulden ausgeglichen waren. dies hatte wieder einmal meine mutter übernommen.
mein chef bekam natürlich mit, dass ich ständig ohne geld war. ich war auch vollkommen abgegessen vom taxifahren und konnte keine fahrgäste mehr sehen, wenn ich denn mal welche hatte. auch meine nerven wurden schwächer und ich anfälliger, überhaupt noch ins taxi zu steigen und zu arbeiten. ich wurde langsam aber stetig UNFÄHIG, zu arbeiten. ich übernahm andere aufgaben in der firma - gott sei dank! ich fuhr nur noch an sonntagen tagsüber taxi und schmiss ansonsten das büro und machte die schulung für menschen, die sich auf das taxifahren und die ortskundeprüfung vorbereiten wollten. endlich war ich weg vom fahren... denn das wurde immer gefährlicher wegen meines erheblichen restalkohols. tja, so schmiss ich das büro - mit einer flasche bier unter dem schreibtisch... ich konnte nun während der arbeit weiter trinken.
mein chef sagte mal zu mir, ich sei "gesellschafts-unfähig" und "sozial nicht kompatibel".. er hatte recht und er half mir, nicht vollkommen ohne arbeit zu sein. so bekam ich eigentlich nie das gefühl, ich würde gesellschaftlich im abseits oder ich würde in der nähe eines obdachlosen stehen. das schicksal eines wohnungslosen menschen blieb mir erspart... aber ich war immer um haaresbreite am abgrund und es hätte nicht viel gefehlt, dass ich diese erfahrung hätte machen müssen, denn irgendwann hätte auch die familie dichtgemacht und mich nicht mehr unterstützt.
ich lebte von sehr wenig geld, das meiste setzte ich weiter in alkohol um. ich besorgte mir eine billigere wohnung neukölln und hatte von nun an das elend vieler alkoholiker vor meiner wohnungstür und vor meinen augen - denn in nord-neukölln, wo ich hinzog, prallten nicht nur viele verschiedene kulturen zusammen, sondern auch massive gesellschaftliche probleme. es ist ein wenig paradox - aber ich zog in einen problematischen stadtteil und öffnete mir damit selbst die augen: DAS kann auch alles DIR passieren.. - und ich war ja auf dem allerbesten weg dahin.
meine immer wiederkehrenden geldprobleme habe ich versucht, mit hartz4 und "aufstockenden leistungen" der jobcenter in den griff zu bekommen, das funktionierte eine zeitlang ganz brauchbar, aber das geld floss in alkoholischer form letztlich doch in die kneipe oder gleich zuhause in meinen hals. was ich auch versuchte, um finanziell besser dazustehen: ich tat es NUR, um weiter problemlos saufen zu können.
meine finanziellen angelegenheiten bekam ich erst wieder sehr langsam geregelt, als ich zugab, mein leben nicht mehr im griff zu haben. bevor ich vor dem alkohol kapitulierte, waren alle versuche vergebens: sie hatten nur ein ziel: weiter trinken zu können. der alkohol hatte mich also vollkommen im griff... ich konnte nicht mehr klar denken. mein leben drehte sich nur noch um beschaffung und konsum, auch wenn ich stets versuchte, die fassade zu wahren und kein mensch mehr an mich glaubte. sogar in dem jämmerlichen zustand, in dem ich mich am ende befand, dachte ich meistens, ich sei doch vollkommen normal.
WIE krank ich schon war, vor allem im kopf, bekam ich allenfalls in kurzen zeitfenstern mit... dass mein denken vom alkohol bestimmt wurde und diese denke und der alkohol mir meine wirtschaftliche lebensbasis zerstörte... "ach gott... sooooo schlimm ist es ja nun auch nicht".
diesen unsinn glaubte ich wirklich...
danke fürs lesen. es geht weiter.
peter |
|
| Nach oben |
|
| Petter hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
|
|
 |
ja zum Leben neuer Teilnehmer
Anmeldungsdatum: 21.09.2009 Beiträge: 23
|
Verfasst am: 28.09.2009, 07:20 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
|
|
| Hallo Petter, Du schreibst so lebendig und ehrlich, ich finde mich selbst an vielen Stellen wieder. Danke, Du machst mir auch viel Mut. Ich bleib am Ball. Viele liebe Grüße und weiter so. |
|
| Nach oben |
|
| ja zum Leben hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
|
|
 |
Spanijoggel Moderatorin

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 13.02.2008 Beiträge: 8357 Alter: 70 Wohnort: Schweiz
|
Verfasst am: 28.09.2009, 13:37 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
|
|
Lieber Peter!
Danke für Dein Schreiben!
Weisst Du,auch wenn mein Krankheitsverlauf etwas anders verläuft,ich kann alles was Du beschreibst unterschreiben.Das hatte/habe ich auch in mir.
Diese Erkenntnis liess mich hier im Forum anklopfen.
In einem hellen Blitzlicht habe ich gesehen wo ich landen würde,wenn ich so weiter machen würde.
Du hast echt lange gelitten,alle guten Gedanken ausgeblendet.
Ich gratuliere Dir ganz herzlich,dass Du da rausgefunden hast
Du bist nicht liegen geblieben,Du hast Dich aufgerafft.
Das war,denke ich ,inDeinem Stadium ein Kraftakt.
Deine Worte berühren mich sehr.
Liebe Grüsse
Yvonne |
|
| Nach oben |
|
| Spanijoggel hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
|
|
 |
Petter neuer Teilnehmer
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 01.07.2006 Beiträge: 327 Wohnort: Zwischen Hamburg und Hannover
|
Verfasst am: 28.09.2009, 13:42 Titel: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" |
|
|
bevor ich erzähle, wie ich mein leben langsam und dauerhaft umkrempelte, möchte ich kurz etwas zu "freunden" schreiben.
ich habe langjährige freunde, die ich bereits vor meiner nassen zeit hatte.
ich hatte freunde, die ich zu beginn meiner nassen zeit hatte.
ich hatte freunde, die ich NUR zu meiner nassen zeit hatte.
ich habe wieder neue freunde, die peter als nassen alkoholiker nicht kennen.
die freunde der ersten gruppe sind fast vollständig wieder da und haben ungläubig und oft entsetzt gehört und gesehen, wie mein leben verlief. diese menschen wiedergewonnen zu haben ist für mich ein ganz großes glück, dass ich manchmal nicht fassen kann.
die freunde der zweiten gruppe waren freunde, mit denen ich begonnen habe, zu trinken. diesen freunden mache ich nicht den vorwurf, mich zum trinken gebracht zu haben. aber diese menschen waren eben genau zu dem zeitpunkt in mein leben getreten, als ich begann mich mit alkohol WEGzumachen. zu diesen freunden habe ich keinen kontakt mehr. meiner besten freundin aus dieser gruppe habe ich drei monate vor meinem trockenwerden die freundschaft vor die füsse geworfen. mit dieser frau verband mich eine gemeinsame zeit, die ausschliesslich vom saufen geprägt war. sie trinkt heute noch.
die freunde der dritten gruppe gibt es (mit einer ausnahme) nicht mehr. sie sind tot oder sie sind auf dem wege dahin. es waren meine "sauffreunde", die den absprung nicht schafften, starben oder teilweise noch heute leiden. hier werde ich kurz etwas genauer: der erste starb in seiner wohnung auf der toilette, seine organe waren soweit zerstört, dass es fast ein wunder war, wie er die letzten monate gelebt hatte. er war 37 jahre alt. der zweite starb an krebs... jahrelanger alkoholkonsum und nikotin haben seinen magen "verdorben". er war ende 40. den dritten hat der tod links liegen lassen: er ist dauerpatient in einer klinik: er erkennt niemanden mehr, ist mit psychopharmaka eingestellt und scheppert den ganzen tag mit plastiktellern gegen wände und zäune. er war bildender künstler. der vierte starb letzten montag... er hatte schon vor sechs jahren eine magenkrebs-operation und konnte sich nicht entschliessen, das saufen zu lassen. sechs jahre hat er noch gebraucht, um sich mit hochprozentigem das leben langsam zu nehmen. er wurde mitte 50. die angesprochene ausnahme unter diesen menschen ist ein freund, der den weg nicht findet und für den ich ein vorbild geworden bin. die tür zu diesem menschen kann ich nicht zuwerfen, sie wird immer nur angelehnt sein für den fall, dass er mal aufhören möchte, sein leben zu zerstören. wenn er soweit ist, bin ich da.
die freunde der vierten gruppe sind völlig neue menschen, die mein leben mit alkohol nicht kannten. für viele ist es ganz unspektakulär, dass ich nichts alkoholisches trinke, einige waren verwundert und dann sehr respektvoll, als ich ihnen sage, warum ich lieber bei tee und kaffee bleibe. mein nicht-trinken wird allgemein akzeptiert, niemand schert sich im grunde darum. es ist viel leichter, menschen zu sagen "ich bin alkoholiker" als ich jemals dachte. ich hätte nicht geglaubt, wie schnell die luft raus ist aus dummen sprüchen und wie schnell ernsthaftes interesse an der eigenen geschichte entsteht.
die alten freunde und die ganz neuen freunde - und dazwischen diese merkwürdige lücke, die keine ist: all diese freunde machten und machen mein leben aus. auch wenn einige daran nicht mehr teilhaben, aus verschiedenen gründen.
ich danke fürs lesen. es geht bald weiter.
peter |
|
| Nach oben |
|
| Petter hat zum Thema: Re: Der "Drei-Jahres-Faden" geschrieben
|
|
 |