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Und die Reise geht weiter...

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espoir
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 29.11.2008
Beiträge: 1150
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 24.12.2008, 19:18    Titel: Und die Reise geht weiter... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich an Heiligabend um diese Uhrzeit am Rechner sitzen würde und in einem Internet-Alkoholiker-Forum über mich und mein Leben nachdenke, dann hätte ich vermutlich den Kopf geschüttelt und mir gedacht "Allmächd, was'n Schmarrn!".

Aber tatsächlich ist es so.
Und es fühlt sich komisch an.
Nicht schlecht, aber komisch.

Es hat sich viel verändert in meinem Leben. Nicht so sehr äußerlich, aber in mir drin, in meiner Gefühls- und Gedankenwelt. Ich bin jetzt ein halbes Jahr abstinent, das ist zumindest für mich ein großer Schritt. Und worüber ich am meisten staune, ist, dass ich zufrieden bin mit mir und meiner kleinen Welt. Ich finde mich gut so, wie ich bin.

Ich kann damit leben, dass Heiligabend ist und es totenstill ist in der Wohnung, weil mein Mann ein bisschen auf dem Sofa döst. Dass ich keinen Weihnachtsbaum habe. Den wollte ich nicht, weil ich einfach keine Lust darauf hatte, mich in den üblichen Baumärkten herumzutreiben, ein Exemplar nach dem anderen zu prüfen, um dann völlig genervt und nach einer schnellen Entscheidung strebend endlich zu sagen "Mein Gott, ja doch, dann nehmen wir eben den!"

So vieles, was mit Weihnachten zusammen hängt, finde ich eigentlich nicht schön. Hängt vielleicht mit meiner Kindheit zusammen, jaja, richtig getippt, ich bin eine EKA, wie das hier so schön heißt. Ein alkoholkrankes erwachsenes Kind eines alkoholkranken Vaters.

So what?
Hatten wir nicht alle eine beschissene Kindheit?

Irgendwann muss mal Schluss sein mit dem ewigen Wühlen in der Vergangenheit, mit dem ewigen Auf-der-Suche-sein nach Antworten, die mir jetzt sowieso keiner mehr geben kann.

Ich hatte gestern ein Telefonat mit meiner Mutter, ich wollte eigentlich gar nicht so sehr über mich und meine Abstinenz sprechen, hab's dann aber doch getan, vielleicht weil ich ihr förmlich reindrücken wollte, dass, wenn sie morgen zu mir kommt, es bei mir keinen Alkohol gibt. In diesem Zusammenhang kamen wir auf meinen Vater zu sprechen und ich spürte in mir diesen Groll aufsteigen, obwohl der schon 15 Jahre tot ist, dieser Groll, dass der nichts aus den Chancen gemacht hat, die sich ihm boten. Der war zur Entgiftung, der war sogar sechs Monate auf LZT, immer wieder Rückfälle, immer wieder Entgiftungen, und der hat einfach nichts draus gemacht!!! Das will mir einfach nicht in meinen blöden Schädel!!! Warum hat der nichts draus gemacht???

Früher habe ich ihn immer vor mir selber in Schutz genommen, ich habe mir immer gesagt, dass der nichts dafür kann, der ist schließlich krank, da ist irgendwie 'n Fehler auf seiner Festplatte oder so. Heute bin ich selber eine Trinkerin.
Aber verdammte Sche***, ich habe was getan!!! Ich bin freiwillig in die Entgiftung gegangen, weil ich instinktiv gespürt habe, dass ich ohne professionelle Hilfe aus dieser Nummer nicht mehr herauskomme. Ich habe Gespräche mit meinem Therapeuten und besuche wöchentlich meine SHG. Und jetzt bin ich seit einem halben Jahr abstinent. Freilich nicht ganz ohne Medikamente, ich nehme ein AD, und erst seitdem ich das nehme, kann ich abstinent leben. Und das zufrieden, ohne das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen.

Dieses Telefonat mit meiner Mutter war für mich wie ein weiterer Schlussstrich unter meiner Vergangenheit. Deshalb schreibe ich das hier auch nicht bei den Cos oder EKAs, sondern hier.

So, und jetzt habe ich kräftig durchgeschnauft, ich habe mich auch schriftlich von meinem Vater verabschiedet und kann ihm versichern, dass sein tragisches Leben und vor allem sein tragisches Ende nicht mehr herhalten muss als Erklärung für irgendeine Sche***, die in meinem Leben abläuft. Ich werde mich nicht mehr verstecken hinter der Aussage, dass ich nichts dafür könne, weil nämlich, mein Vater war ja leider...ähm...hüstel...ein Trinker...

espoir
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espoir hat zum Thema: Und die Reise geht weiter... geschrieben
Feengesicht
Gast






BeitragVerfasst am: 24.12.2008, 20:05    Titel: Re: Und die Reise geht weiter... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo und herzlich Willkommen hier bei uns!

Ich habe wie du keinen Baum aus den gleichen Gründen, aber ich brauche nicht wie sonst um in Stimmung zukommen. Ich bin friedlich in mir selbst.

Zitat:
ich nichts dafür könne, weil nämlich, mein Vater war ja leider...ähm...hüstel...ein Trinker...

Dann verzeih dir, und deinem Vater, denn auch er kann nichts dafür das du trinkst!

Ich habe diese Woche die Entdeckung gemacht, das ich mit meiner Mutter getrunken habe, um ihr nah zusein. So hat jeder eine Vergangenheit, die nie wieder veränderbar ist, nur das Jetzt.

Zitat:
Der war zur Entgiftung, der war sogar sechs Monate auf LZT, immer wieder Rückfälle, immer wieder Entgiftungen, und der hat einfach nichts draus gemacht!!! Das will mir einfach nicht in meinen blöden Schädel!!! Warum hat der nichts draus gemacht???


Ich bin 8 Monate trocken du 6 Monate, aber wie du hier schreibst, wir leben und können nur hoffen das wir schlauer, stärker als dein Vater sind. Wir haben noch nicht das Leben um so das wir nicht sagen können, wir haben unsere Chance genutzt.

Es war sein Leben, seine Entscheidung. So hast du dein Leben und darfst Gott lob aus den Fehlern deines Vaters lernen, ohne die gleichen zutun!

Frohe Weihnachten

lg Pia
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Feengesicht hat zum Thema: Re: Und die Reise geht weiter... geschrieben
espoir
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 29.11.2008
Beiträge: 1150
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 24.12.2008, 20:37    Titel: Re: Und die Reise geht weiter... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Liebe Pia,

deine Antwort hat mir gut getan, lieben Dank dir!

Ich habe mein Post tasächlich als Befreiungsschlag empfunden und werde nun nach vorne schauen... und aus dem Fehler meines Vaters, wohl keine Hilfe nötig zu haben, lernen. (Was ich in gewissen Ansätzen ja auch schon getan habe...)
Und dann habe ich die Küche aufgeräumt, Platz schaffen für die Ananas-Torte, die ich für morgen "basteln" möchte. Sehr glücklich

LG
espoir
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espoir hat zum Thema: Re: Und die Reise geht weiter... geschrieben
Feengesicht
Gast






BeitragVerfasst am: 24.12.2008, 20:40    Titel: Re: Und die Reise geht weiter... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Mmh lecker, ich komm zum Kaffee.

Alles liebe Pia
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Feengesicht hat zum Thema: Re: Und die Reise geht weiter... geschrieben
Gretchen3
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 23.11.2008
Beiträge: 9
Alter: 55

BeitragVerfasst am: 24.12.2008, 20:48    Titel: Re: Und die Reise geht weiter... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo,

mir ging es genau wie dir, ich habe immer nach einem Schuldigen gesucht.
Mein Vater ist auch Alkoholiker. Als ich mit meinen Eltern über meine Alkoholsucht gesprochen habe hat meine Mutter immer gefragt sind denn wir schuld daran. Ich wusste keine Antwort darauf.
Bis meine Therapeutin zu mir sagte „Es gibt keinen Schuldigen, aber ich hätte die Verantwortung für mein Handeln.“ Nun lebe ich von einem Tag zum anderen immer mit dem Vorsatz nur ich habe die Verantwortung für das was ich tue.
Nun bin ich fast zwei Jahre trocken. Ein sehr gutes Gefühl. Nach über 20 Jahren Abhängigkeit.
Schön das du auch mit dem Vergangenen abgeschlossen hast. Es gibt noch so viel HEUTE und MORGEN für uns.
Für mich ist das schon dass zweite trockene Weihnachten, dieses Jahr kann ich es genießen obwohl ich diesmal alleine bin, denn ich habe meinen inneren Frieden.

Ich wünsche dir und deiner Familie schöne Weihnachten.

Liebe Grüße Gretchen
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Gretchen3 hat zum Thema: Re: Und die Reise geht weiter... geschrieben
espoir
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 29.11.2008
Beiträge: 1150
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 24.12.2008, 21:14    Titel: Re: Und die Reise geht weiter... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Gretchen,

auch dir lieben Dank für deine Antwort!

Ja, du hast Recht, diese leidige Schuldfrage stand mir immer im Wege, egal, ob ich mich mit meinem Vater oder mit mir selber beschäftigt habe. Ich habe erst in der Therapie gelernt, dass ich im Zusammenhang mit meiner Trinkerei nicht von Schuld sprechen sollte. Und erst jetzt klärt sich langsam der Blick, erst jetzt kann ich - nachdem ich mich intensiv um mich selbst und meine Befindlichkeiten gekümmert habe - auch mal auf meine Familie blicken und da langsam Frieden in meine Ansichten bringen. Ich werde da nichts mehr ausrichten können, weder bei meiner Mutter noch bei meinen Geschwistern, ich kann nur noch etwas für mich tun.

LG
espoir

@Feengesicht: Nur zu, du bist herzlich willkommen! Winken
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espoir hat zum Thema: Re: Und die Reise geht weiter... geschrieben
Spanijoggel
Moderatorin
Moderatorin


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 13.02.2008
Beiträge: 8589
Alter: 70
Wohnort: Schweiz

BeitragVerfasst am: 24.12.2008, 21:19    Titel: Re: Und die Reise geht weiter... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Espoir!

Schön,Dich hier anzutreffen!

Nein,unsere Vorfahren sind nicht schuld,dass wir Alkoholiker geworden sind.
Und doch ist es eine Krankheit,eine Schwäche.

Aus meiner Biografie verstehe ich:
Mein Vater war Alkoholiker
Der Vater meines Vaters war Alkoholiker
Also existiert diese Krankheit in meiner Familie.
Für mich ist es eine Familienkrankheit.

Mit meiner Trockenheitsarbeit nehme ich dieser Krankheit den Stachel.Ich bringe sie zum Stillstand statt an ihr zu Grunde zu gehen.


Ich wünsche Dir ganz gute Weihnachtstage!

Herzliche Grüsse
Yvonne
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Spanijoggel hat zum Thema: Re: Und die Reise geht weiter... geschrieben
espoir
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 29.11.2008
Beiträge: 1150
Alter: 44

BeitragVerfasst am: 24.12.2008, 21:53    Titel: Re: Und die Reise geht weiter... Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Liebe Yvonne,

ich freue mich riesig, dass auch du was geschrieben hast!

Ja, die Trockenheitsarbeit...
Als ich noch ganz am Anfang stand, hat mich dieses Wort schon ganz schön eingeschüchtert (ungefähr so wie das Wort Kapitulation), aber ich glaube, ganz blöde gesagt, man wächst da rein und kapiert erst im Laufe der Zeit, was eigentlich damit gemeint ist.

Gerade eben zum Beispiel habe ich mal wieder eine kulinarische Ohrfeige gekriegt, ich wusste nicht, dass man nur kalte Sahne schlagen kann, nicht aber welche mit Zimmertemperatur (ich mag nämlich gar keine Sahne und habe demzufolge noch nie welche geschlagen...). Was soll's, ich hab' sie eben wieder in den Kühlschrank gepackt, werde noch ein Weilchen warten und dann noch ein Sahnesteif reinkloppen, und dann... ja, naja, dann sehen wir mal...

Früher wäre das ein willkommener Anlass gewesen, völlig entnervt den ganzen Krempel hinzuschmeißen und mich schmollend mit meinem Sekt zu verkrümeln. Au weia! Mit den Augen rollen

LG
espoir
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espoir hat zum Thema: Re: Und die Reise geht weiter... geschrieben

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