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Ich bin wieder da

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frodo
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BeitragVerfasst am: 26.10.2008, 15:51    Titel: Re: Ich bin wieder da Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Freitag, 09.05.08, Calzadilla de la Cueza, 24 km

12 schattenlose Kilometer auf einer schnurgeraden alten Pilgerroute, die alte Römerstraße Via Aquitana und noch 12 km durch Felder, teilweise auf Landstraßen und leicht welliges Gelände, das war die Etappe an diesem Tag.
Mit den weißen Schäfchenwolken und dem blauen Himmel dazwischen lief es sehr gut. Im Sommer, kann ich mir vorstellen, bestimmt heiß und auch nicht so schön, da dann das Grün der Felder fehlt und die Sonne einen ziemlich verbrennt.

Nur dann war es vorbei mit den Schäfchenwolken und der Himmel war Pechschwarz. Ich hatte Angst, dass ein Gewitter aufzieht und bin recht schnell gegangen. Als die Wolken immer näher kamen, bin ich sogar mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken gejoggt und hab gedacht, das wird schon werden, bin bisher immer dem Regen entkommen, dann geht das jetzt auch gut. Ich wusste nicht so recht wie man sich bei einem Gewitter auf freiem Feld verhalten muss.
Jetzt weiß ich es: eine Mulde suchen, in „Brötchenstellung“ gehen, falls dabei auf eine Tasche oder Rucksack legen, Metall (z.B. Wanderstöcke) ganz weit weg legen, wenig Bodenkontakt haben. Und ganz zeitig damit anfangen, da ein Blitz einige Kilometer vom Gewitter entfernt einschlagen kann.
Auf jeden Fall habe ich die Herberge erreicht und 5 Minuten später hat es geregnet und zwar sehr, sehr kräftig. Aber ein Gewitter war es nicht.
Die Herberge war gut besucht, ca.25 Menschen in einem Raum, die Luft Grottenschlecht und alles bei Regen ohne Aufenthaltsraum. Es gibt eine Bar im Dorf, dort habe ich eine Weile gesessen und mich unterhalten, war im Internet und habe versucht zu telefonieren. Es war aber zu laut. (Bar= Bistro/Cafe/Kneipe/Restaurant). ) 9Tage bin ich unterwegs, das Laufen fällt mir leichter, wobei hier und da immer wieder neue empfindliche Stellen an den Füßen auffallen. Zurzeit sind es die Gelenke und das vordere Glied des dicken Zehs was mir zu schaffen macht. Manchmal kann ich nicht einschlafen oder werde wach weil die Zehen pochen und brennen. Am Ende eines Wandertages sind die Füße ein erst mal vorherrschendes Thema.

Samstag, 10.05.08, Sahagun, 23 km

Den ganzen Tag hat es geregnet und ich habe nur ein kleines Stück Straße gesehen, weil meine Kapuze mein Blickfeld eingeschränkt hat. Und fotografieren konnte ich auch nicht.
Ich bin also vor mich hin getrottet und als ich kurz aufgeschaut habe, konnte ich in der Ferne andere Pilger sehen, die auch in Regencapes gehüllt waren. Die sahen aus auf dem Hügel wie wandernde Hobbits. Die Landschaft war leicht geschwungen bis hügelig, grün und auf einmal sah ich in einem Hügel Fenster und Türen. Eine Hobbithöhle! Ich hab gedacht, ich träume.
Ich weiß immer noch nicht, was das für Gebäude sind, vermutlich Keller oder Räucherkammern, da sie alle auch Kamine hatten. In den nächsten Tagen habe ich noch mehr davon gesehen und konnte sie dann fotografieren.

In der Herberge saß ich in bei der Rezeption und der Besitzer (priv. Herberge) hatte die CD von Herr der Ringe, die Gefährten laufen. Ich wunder mich nicht mehr.

Bisher folgt immer auf etwas was nicht so schön war, was Gutes und außerdem ist es so, dass meine Wünsche erfüllt werden. Ob das daran liegt, dass diese recht bescheiden sind oder woran das sonst liegen mag, darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Ein bisschen Magie oder der Glaube an etwas Übernatürlichen find ich gut und macht das Leben nicht so vorhersehbar und kann mich in eine Welt versetzen in der ich mich sehr wohl fühle.

Das weniger Gute an diesem Tag war gar nicht der Regen. Der sorgte dafür dass ich ganz in mich gekehrt war und das war gut. Nicht schön war der Umgang mit mir und einer Mitpilgerin in der Bar. Wir wurden einfach ignoriert und das obwohl wir freundlich gegrüßt hatten und auch direkt an der Bar bestellt hatten. Wir haben nichts bekommen und sind nach mehrmals auf uns aufmerksam machen wieder gegangen. Sonst gab es nur noch ein sehr teures Restaurant und die Geschäfte waren zu und wir hatten nichts zu essen.
In dem Moment, an dem wir an einem Laden vorbei gingen, schloss der Besitzer auf und wir konnten doch noch einkaufen. Er macht extra für Pilger eine Stunde am Samstagnachmittag auf.
In der Herberge habe ich mir etwas zu essen gemacht und bin bald darauf schlafen gegangen. Meist geht man hier gegen 21:30 ins Bett, um spätestens 22:30 wird das Licht aus gemacht.

So ungefähr sieht der Pilgertag aus:

zwischen 6:00 – 7:00 Uhr: aufstehen
zwischen 7:00 - 8:00 Uhr: waschen, anziehen usw., Rucksack packen,evtl.jenachHerberge Kaffee trinken und dazu einen Keks oder Croissant essen.
ca. 7:30 Uhr: los gehen
10/11 Uhr: Frühstückspause (ca.1/2 Stunde)
je nach Strecke und Wetter Ankunft in einer Herberge zwischen 14:00 und 16: Uhr, evtl. zwischendurch zwei kleine oder eine etwas längere Pause.
Nach Ankunft in der Herberge: Einchecken, Bett belegen, duschen, getragene Kleidung waschen und aufhängen (hin und wieder in der Waschmaschine und Trockner), hinsetzen, erzählen, Tagebuch und Postkarten schreiben, erholen.
ca. 17:00 Uhr: einkaufen, kleine Stadt- bzw. Dorfspaziergänge, Mahlzeit zubereiten oder
um ca. 19:00 Uhr: Pilgermenü essen gehen, Internetcafé suchen und evtl. auch benutzen
ca. 20:30/21:00 Uhr: Rucksack und Inhalt überprüfen/sortieren, Wäsche einsammeln (wenn getrocknet) , Etappe für den nächsten Tag festlegen,
Herbergsverzeichnissstudieren,Reiseführer lesen.
ca.22:00 Uhr: schlafen.
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frodo hat zum Thema: Re: Ich bin wieder da geschrieben
frodo
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Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
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BeitragVerfasst am: 27.10.2008, 13:18    Titel: Re: Ich bin wieder da Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Sonntag, 11.05.08, Mansilla de las Mulas, 32km (davon ca.10 km gefahren)

(kleine Korrektur der Streckenlänge: bin insgesammt ca. 70km gefahren)

Ich brauche eine “richtige” Pilgerherberge. Vielleicht hab ich Heimweh, auf jeden Fall vermisse ich meine Kinder und meinen Mann und hätte gerne die Geborgenheit einer Herberge so wie in Granon. Im Pilger- Herbergsverzeichniss ist mir eine aufgefallen, die von einer deutschen Jakobusgesellschaft betrieben wird, da wollte ich hin. Ist aber leider 32 km weit weg, das traue ich mir doch nicht zu.

Ich habe mir überlegt mit dem Zug ein paar Kilometer zu fahren, aber sonntags geht das nicht. Als ich den Herbergsbesitzer nach einer Busverbindung gefragt habe, hat er mir gesagt, dass sein Bruder dort hin muss und mich mit nimmt. Da war ich sehr froh und eine Pilgerin hat sich mir angeschlossen.

Der Weg war nicht sehr anspruchsvoll und mit neuem Schwung bin ich gut in der Herberge angekommen. Und es war genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ein herzlicher Empfang, freundliche Unterkunft in Achtbettzimmern und ein Herbergsvater, der sich um die „Wehwehchen“ kümmert. Außerdem ein einladender Innenhof mit Tischen, Stühlen und Unmengen von Geranientöpfen an den Wänden.
Mein Problem mit den dicken Zehen und den Gelenken konnte er auch lindern (mit Mull +Klebeband unter der Innensohle) und meinte, dass meine Schuhe eher für das noch folgende Gelände geeignet wären und dass ich dann weniger Probleme hätte. Mir ging es wieder rundum gut.


Montag, 12.05.08, Leon, 17 km

Nach Leon hinein zu kommen war gar nicht so einfach. Die Schnellstraße musste überquert werden und das im Laufschritt, in einer unübersichtlichen Kurve und mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken.

Ging dann auch und anschließend in Leon habe ich nach der Herbergssuche erst einmal eine Post gesucht und meine 2 kg Gepäck die mir zu viel waren nach Santiago geschickt.
Die Unterkunft in dem Kloster ist sehr eng, aber der Pilger dankt und ist bescheiden.

Ich bin sehr dankbar, dass es die Ehrenamtlichen Helfer und so viele Einrichtungen gibt, die uneigennützig die Pilger versorgen. Denn sonst hätte ich diese Reise nicht machen können. Und ich habe fast ausnahmslos gut geschlafen oder zumindest geruht.

Im Kloster gab es am Abend eine Pilgermesse mit Segen und das habe ich mir mal angeschaut. Leider habe ich kein Wort verstanden, aber diese Messe war auf Deutsch gedruckt und jeder hat ein Exemplar in seiner Sprache bekommen. Die Oberin hat darauf geachtet, das jeder mit liest, sie ist durch den Gang gegangen und hat einen darauf hin gewiesen, wenn man noch nicht umgeblättert hat. Es lag wohl an der Müdigkeit, es war schon nach 22 Uhr, nach einer Weile hatten einige Mühe ihr kichern zu unterdrücken, da die Oberin etwas sagte, was vorher am Tisch Thema war und da schon vom essen abhielt.

Ich bin durch die Altstadt gegangen und hab mich fast nicht verlaufen. Die Kathedrale hat mir besser gefallen als die in Burgos. Die Ausstattung war nicht so pompös und die Fenster superschön.

In einer Einkaufsstraße habe ich einige „alte Bekannte“ getroffen, wir haben Kaffee getrunken und uns über die Pläne der nächsten Tage unterhalten und das die Nachrichtenübermittlung auf dem Jakobsweg so perfekt ist. Manche Nachricht ist schneller als der Pilger um den es geht.
Nach so langer Zeit wieder in eine große Stadt zu kommen war schon bemerkenswert. Ich hab mich von dem ganzen Angebot an Lebensmitteln verführen lassen und so rasch meine 2 kg Gewicht wieder aufgefüllt. Bin froh, wenn es wieder Ländlich wird.


Dienstag, 13.05.08, Villar de Mazarife, 24 km

Nachdem man das Stadtgebiet hinter sich gelassen hat, geht es weiter über eine sehr schöne Hochebene. Der Weg war gut zu gehen und geregnet hat es nicht, obwohl es oft danach aussah. An diesem Tag war ich bei der Ankunft in der Herberge sehr müde. In der Nacht hatte ich nicht so gut schlafen können, da eine Strassenlaterne mir ins Gesicht leuchtete.

In der Herberge in Villar de Mazarife hat der Hospitallero für 5€ pro Person gekocht. Es ist schön, gemeinsam am Abend zu essen.
Leider war an diesem Tag eine sehr laute Gruppe unterwegs. Sie waren an einer Aktion einer Sparkasse beteiligt und haben es nicht lassen können, um 22 Uhr immer noch zu grölen. Sie hatten zum Glück ein Viererzimmer im Keller gemietet und da ich auch noch Ohrenstöpsel hatte, habe ich kaum was mit bekommen.


Mittwoch, 15.05.08, Astorga, 31 km

Es ging heute ständig Berg auf und ab. Meinen Füssen bekam das gut, ich denke das die Bewegung auf unebenem Gelände (ziemlich Steinig) gerade das richtige ist.
Trotz teilweise sehr bedrohlich aussehender Wolken, blieb es mal wieder trocken. In Astorga gibt es viel zu sehen, aber ich bin so müde, ich werde eine schnelle Stadtbesichtigung machen.
Morgen geht es richtig in die Berge.
Die letzten Meter bis in die Stadt waren unglaublich Steil. Ich konnte kaum mehr laufen nach 31km. Wir haben ein bestimmte Herberge gesucht, hatten davon gelesen dass es ein altes Kloster gibt mit sehr netter Atmosphäre. Wir haben es auch gefunden, aber es war bereits belegt.
Wir sind wieder ein Stück zurück zu einer Gemeindeherberge gegangen und waren sehr positiv Überrascht. Das Haus ist ganz frisch renoviert und jede Etage hat drei Vierbettzimmer, mit Bad und Duschen. Ganz frisch und sauber. Wir haben das Zimmer mit einem älteren Ehepaar aus München geteilt, das wir immer wieder und schon mal zum Kaffee treffen.
Ich bin mit der Frau aus Österreich unterwegs. Wir gehen kurze Stücke gemeinsam, trennen uns nach ein paar Kilometern und treffen uns dann in einer Bar wieder. Sie geht schneller als ich, da ist es so am angenehmsten. Aber ich möchte auch lieber in den nächsten Tagen alleine gehen. Hab nicht so das Bedürfnis nach Gesellschaft im Moment.
Unterwegs hatte ich immer wieder einen Krampf im Oberschenkel, der gar nicht so richtig weg gehen wollte. Das war schlecht, da ich noch 2 Stunden vor mir hatte. Der Herbergsvater hat gesagt, ich sollte noch mehr Magnesium nehmen, besonders wenn ich meine Kilometerzahl erhöhe.
„Bergfest“, die Hälfte der Kilometer sind gelaufen. Zur Feier des Tages gab es Chili con Carne aus der Dose, das liegt mir jetzt schwer im Magen.
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frodo hat zum Thema: Re: Ich bin wieder da geschrieben
frodo
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BeitragVerfasst am: 20.11.2008, 18:01    Titel: Re: Ich bin wieder da Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Jetzt bin ich einige Zeit nicht weiter gekommen mit dem schreiben. Erst hatte ich zu wenig Zeit und dann bin ich letzte Woche am Meniskus operiert worden und hab mich nicht an den Computer setzten können. Jetzt geht es wieder und ich bin noch krank geschrieben, so das ich jetzt wieder schreiben kann.




Donnerstag, 15.05.2008, Foncebaton, 27 km


Wie gut, das ich so ausgeruht gestartet bin. Am Ende dieses Tages habe ich geglaubt, das war der schlimmste Wandertag den ich je hatte und schlimmer kann es auch gar nicht mehr kommen. Habe ich auf jeden Fall an diesem Abend geglaubt.

Eine Weile bin ich noch mit L. oder S. gegangen und bald wurde sie mir zu schnell, da haben wir verabredet uns in Rabanal del Camino zu treffen. Zu Beginn des Tages sind wir furchtbar nass geworden, es hat Stundenlang geregnet. Nach einer Kaffeepause wurde es langsam besser und es gab nur noch kurze, aber kräftige Schauer. Als ich in Rabanal angekommen bin, schien gerade die Sonne und ich habe mir überlegt doch noch bis Foncebadon zu gehen.

Es waren nur 5,5km bis dahin. Das letzte Stück war die steile Steigung bis fast zum Cruz Ferres hinauf. Die Landschaft und Aussicht sind superschön. Das war das bisher eindrucksvollste Stück Strecke. Ich war alleine auf dem Weg und es blüht gerade alles. Erika in weiß und lila und der Ginster gelb und weiß. Die Schneebedeckten Gipfel der Berge in der Ferne wurden von der Sonne beschienen und ringsum sah man Wolken in vielen Farben. Leider auch in tiefschwarz. Und gedonnert hat es auch.

Wieder mal bin ich erst sehr schnell gegangen und habe in der Nähe einer Pferdetränke Ginsterbüsche zum verstecken gefunden. Zum Glück hat es nicht geblitzt, aber es hat gehagelt und ich war froh, Deckung gefunden zu haben. Mir war sehr unheimlich zumute so ganz alleine bei Unwetter auf 1430m Höhe.

Oben angekommen, bin ich in eine Bar/Restaurant mit Herberge gegangen. Im Keller standen die Betten und ich sollte in einem ca.4x4m kleinen Raum mit 9 weiteren Personen schlafen, die alle auch noch ihre nasse Regenkleidung aufgehängten hatten. Das wollte ich nicht, bin einer Frau nach, die auch sehr unzufrieden war und habe noch eine Unterkunft in einer alten Kirche bekommen.

Das war allerdings superhart. Es gab keine Betten mehr, wir konnten auf Matratzen direkt in der Kirche schlafen. Es war so kalt, ich habe in der Nacht alles angezogen, was ich finden konnte. Ein Bett habe ich dann doch noch gehabt, weil eine Frau lieber auf dem Boden als auf dem Stockbett oben schlafen wollte.

Von den beiden Frauen, die den ersten Tag die Herberge übernommen hatten, habe ich eine Suppe, ganz viel Mitleid und ein Stück Brot bekommen. Ich war so froh, diese Herberge und diese Frauen gefunden zu haben. Viele, denen ich in den letzten Tagen öfter begegnet bin, habe ich hier wieder getroffen.


Freitag, 16.05.2008, Ponferrada, 29 km


Der Tag hat gut angefangen (und endete auch gut).
Nach einer durchfrorenen Nacht auf Federkernmatratzen, die die Federn nicht mehr halten konnten, war in der Küche schon das Frühstück zubereitet. Die Stimmung war gut, wir haben unsere Steine beschrieben und manche haben erzählt, was es mit ihrem Stein auf sich hat.

Der Aufstieg zum Cruz Ferres hatte durch den Nebel etwas gespenstisches heute Morgen. Die Aussicht ins Tal und über die Berge war zwischen den Nebelbänken sehr schön. Ich habe den Kiesel vom Rhein abgelegt und vorher den Dom darauf gemalt.

Der Abstieg war steil und meist auf Pfaden die mehr an Bachbetten als an Wege erinnerten.
Die Berge und Hänge sehen aus wie riesige Gärten. Es ist hier einfach superschön und wie schon erwähnt, kommt nach etwas unangenehmen immer was ganz tolles.

Heute bin ich dann weiter nach Ponferrada gegangen. Ohne Regen und weil ich nicht damit gerechnet habe, mit Sonnenbrand, diesmal mehr auf der Nase. Die Stadt hat viele Sehenswürdigkeiten, aber wieder nicht für mich, da der Abstieg heute sehr steil war.
Aber in der Herberge konnte man sich die Füße massieren lassen. Ich hab es mal ausprobiert, finde ich sehr Gewöhnungsbedürftig, brauch ich nicht so dringend wieder.



Samstag, 17.05.2008, Trabadello, 36 km

Ich wollte nur bis Villafranca de Bierzo gehen, aber das Wetter war so schön und ein Schweizer den ich unterwegs getroffen hatte, ging ziemlich schnell.

Nach zwei Stunden Pause in Villafranca habe ich mich entschieden weiter zu gehen. Das Dorf nach Villafranca sah nicht einladend aus und so haben wir beschlossen das nächste anzuschauen, obwohl ich schon ziemliche Plattfüße hatte. Ich habe so vor mich hin geträumt und gesagt, dass wir in der nächsten Herberge mit frisch gemangelten Laken und Bettdecken in Viererzimmern erwartet werden.

Und tatsächlich war es so! Unglaublich! Im Zimmer waren ein deutsches Ehepaar, die Organisatoren der Sparkassen- Pilgerreise. Sehr nette Menschen und die „Gröler“ von vor ein paar Tagen waren eine Ausnahme.


Sonntag, 18.05.2005, Triacastela über O`Cebreiro, 39 km

Das war nun wirklich die allerschlimmste, schwierigste und lehrreichste Etappe auf dem ganzen Weg.

Manchmal gab es Wolkenlücken und dann war die Aussicht toll. Gut vorzustellen, was einen bei Sonnenschein erwartet. Aber dann wäre es auch zu heiß und man hätte andere Probleme.

Zuerst war es schön zu gehen, aber dann regnete es sehr. Der Aufstieg nach O`Cebreiro war unglaublich steil und die Wege waren wie kleine Bachbetten, mit viel Schlamm und Geröll und glitschigen Felsen. Immer wieder hat es geregnet, ich kam nur mühsam voran. Unter dem Regencape war es zu warm und da ich bei dem Wetter keine Gelegenheit hatte meinen Rucksack abzustellen, hatte ich auch noch ziemlichen Hunger. Irgendwann hatte ich dann so Wackelpudding in den Beinen, dass ich trotz des Regens eine Rast eingelegt habe.

Oben angekommen war alles im Nebel versunken, vom Museumsdorf nicht viel zu sehen. Nach ca. einer halben Stunde Pause bin ich weiter gegangen, ich wollte nach Fonfria. Beim Kaffee trinken in einem Dorf rieten mir einige Pilger davon ab, da es schon spät war und sie meinten das ich keine Unterkunft mehr bekomme. Ich hatte so viel Glück bisher, das ich daran gar nicht geglaubt habe.

Über zwei Pässe musste ich gehen und hatte zwischendurch eine beeindruckende Aussicht, teilweise über mehrere Bergketten.
In Fonfria war ich dann sehr erschöpft und bei dem Gedanken daran evtl. kein Bett zu bekommen, wurde mir ganz elend. Und tatsächlich, "Completo". Am liebsten hätte ich mich vor die Tür gesetzt und geheult. Es hat auch noch wieder kräftig angefangen zu regnen. Meine Füße, meine Hüfte, der Kopf und der Rücken schmerzten und nichts an oder in mir wollte noch weiter.
Was blieb mir anderes übrig, ich musste eine Unterkunft finden. Im nächsten Dorf, ca.2 km weiter war eine Pension und die Frau wollte 35€ für die Nacht haben. Das war mir erstens zu teuer und zweitens hatte ich nur noch 20 €.

Da hab ich einen richtigen Kraftschub bekommen. Ich war wütend auf mich und alle Herbergen und auf den Regen und außerdem wollte ich gar nicht im Wald übernachten. Es war spät, die Herbergen schließen zwischen 21 und 22 Uhr. Ich musste schnell weiter. Meine Schmerzen waren wie weg geblasen, auf jeden Fall für den Moment und die nächste Stunde und ich bin ohne anzuhalten weiter gegangen. Es gind sehr steil abwärts, die Wege waren durch den Regen aufgeweicht, teilweise sehr rutschig und zwischendrin lagen große Steine.

Um 21 Uhr bin ich in der Herberge angekommen. Ich habe ein Zimmer mit einer Spanierin geteilt, die anderen Betten waren leer. Zu essen hatte ich nichts mehr, sie hat mir einen Apfel geschenkt. Den Tag über hatte ich nur zwei Bananen, Schokolade und ein Croissant gegessen. Nach dem Duschen bin ich ins Bett gefallen, aber schlafen konnte ich durch die Hüft- und Beinschmerzen nicht so gut. Da half auch kein Schmerzmittel.

Trotzdem ging es mir nicht schlecht. Ganz im Gegenteil, ich fühlte mich fast schon so etwas wie euphorisch. Ich hatte es geschafft! Dieser Tag hat mir soviel gebracht. Es war fast wie nach dem Marathon, mir kann jetzt nichts mehr passieren. Ich fühlte mich unbesiegbar, wie im Märchen, wenn man eine Probe bestanden hat.

Galicien habe ich an diesem Tag erreicht und festgestellt, das ich an meinem Geburtstag in Santiago ankommen werde.
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frodo hat zum Thema: Re: Ich bin wieder da geschrieben
Linde66
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BeitragVerfasst am: 20.11.2008, 20:22    Titel: Re: Ich bin wieder da Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Noch eine Pilgerin! Wie schön von dir zu lesen! Ich war 2003 unterwegs, der heißeste Sommer seit Menschengedenken...

Ich kann es kaum erwarten, was du weiter berichtest!

Liebe Grüße, Linde
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Linde66 hat zum Thema: Re: Ich bin wieder da geschrieben
frodo
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BeitragVerfasst am: 21.11.2008, 19:07    Titel: Re: Ich bin wieder da Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo Linde,
freut mich, das du meinen Bericht liest. Vieleicht weckt er wieder Erinnerungen an die Pilgerzeit in dir? Wenn ja, dann hoffentlich viele schöne.



Montag, 19.05.2008, Sarria, 23 km

Ich bin in Galicien! Es ist so schön hier. Ich mag alles an Galicien, die Landschaft, die Menschen, das Essen und manchmal sogar das Wetter. Hier könnte ich leben.

Heute habe ich mir viel Zeit gelassen, bin erst um 9 Uhr los und mit einer Spanierin 23km gegangen. Hier in Sarria war ich am frühen Nachmittag und hab mir ganz viel Ruhe gegönnt, auf der Dachterrasse der Herberge gelegen, Cola getrunken und in der Sonne gedöst. Jetzt werden wir noch einen Stadtbummel machen und wieder um 22 Uhr schlafen.


Dienstag, 20.05.2008, Portomarin, 22 km


Hab schönes, Galicisch untypisches Wanderwetter. Leicht bewölkt, mit Nebel am Morgen und ca.20C. Soll wohl so bleiben die nächsten Tage.
Heute wurde es sehr viel voller auf dem Camino. Hab die 100km Marke passiert!

Dort habe ich mich relativ lange aufgehalten. Erst einmal, weil eine Gruppe Franzosen von mir fotografiert werden wollte und weil ich ein Foto von mir haben wollte.

Außerdem ist das ein ganz besonderer Punkt auf meiner Reise. Ich habe das Gefühl, hier wird das Ende eingeläutet, auf jeden Fall für mich. Innerlich bereite ich mich auf meine Ankunft in Santiago vor. Ein bisschen mit Trauer und ein wenig mit Freude auf zu Hause. Ich bin sehr nachdenklich die letzten Kilometer bis Portomain. Mir gefällt das Leben auf dem Pilgerweg sehr gut, aber ich bin mir doch auch relativ sicher, dass mir eine Pilgerreise im Leben reicht. ( Wirklich?????????)

Nur noch 89km bis Santiago! Kaum zu glauben, aber ich habe schon abzüglich der beiden Autofahrten ca. 430km zu Fuß zurückgelegt.
Herbergen gibt es hier sehr viele, der Ansturm in den Sommermonaten ist riesig. Um ein freies Bett brauche ich mir nun keine Sorgen mehr zu machen. Mein Tempo ist nicht mehr so schnell, ich glaube dass mir langsam die Kraft ausgeht. Ich habe Zeit, schaue mir die Landschaft an, fotografiere und stehe auch einfach mal so rum. Von Santiago aus werde ich mit dem Bus Ausflüge unternehmen und in der Jugendherberge übernachten. Wahrscheinlich hab dann genug vom laufen.

Meine Schuhe sind in Ordnung, manchmal habe ich Stundenweise Sandalen an, das bekommt meinen Füssen gut. Der Schlafsack ist auch gut, nur mit dem Rucksack bin ich nicht zufrieden. Der hängt doch ziemlich durch und auch der Beckengurt gibt nach. Aber die paar Tage wird er noch durchhalten (und ich auch). Einige Kilometer bin ich noch mit der Spanierin zusammen gegangen, aber sie ist mir zu schnell. Am Ortseingang von Portomarin hat sie mit zwei älteren Damen auf mich gewartet und wir haben in der Herberge ein Zimmer zusammen mit noch einem deutschen Ehepaar bekommen. Warum wir nicht im Schlafsaal zu übernachten brauchten weiß ich bis heute nicht, aber eine der Damen hat sehr viel mit dem Hospitaliero geredet.

Am Abend habe ich mir dann doch noch einen neuen Rucksack gekauft. Er hat mich geradezu angerufen. Er stand im Schaufenster und rief:“ Nimm mich, ich bin total bequem. Lass den alten hier. Der hat genug gearbeitet und ist einfach nur noch fertig.“ Was soll man da noch gegen sagen.


Mittwoch, 21.05.2008, Palas de Rei, 24 km


Der Tag verlief ruhig. Ich bin ziemlich müde, da es so hell war im Zimmer und ich direkt unter der Lampe gelegen hatte. Leider lies sich das Licht in der Nacht nicht ausschalten.

In Palas de Rei gibt es nicht so viele Unterkünfte und es ist recht nah an der 100 km Grenze. Seit dem Nachmittag ist hier alles belegt und ein Barbesitzer fährt teilweise die Leute in die umliegenden Dörfer.

Meine spanische Begleitung ist mir nun endgültig davon gelaufen. Obwohl ihr das Fußgelenk schmerzte und geschwollen war. Ist nicht schlimm dass sie fort ist, weil ich gerne wieder ein wenig alleine laufen möchte.

Vielleicht will ich auch nicht so wirklich ankommen. Ich bin sehr langsam geworden. Andererseits überlege ich, wie ich es möglich machen könnte an meinem Geburtstag um 12:00 Uhr zur Pilgermesse in Santiago zu sein. Aber das kann nur gehen, wenn ich dann am Morgen um 6:00 Uhr starte. Mal sehen.

Die Zeit, die mir in Santiago noch bleibt, ist gar nicht so schlecht. Zwischendurch war mir danach, nach Hause zu fahren und meine restlichen Urlaubstage dort zu verbringen. Aber ein anderer Rückflug wäre sehr teuer geworden.

Jetzt bin ich doch froh, dass ich Zeit habe so langsam wieder ins normale Leben zurück zu finden. Ich werde Karten schreiben und mir die Stadt anschauen, Mitbringsel kaufen und vielleicht finde ich ein deutschsprachiges Buch, dann kann ich mal wieder etwas anderes als Reiseführer und Herbergsverzeichniss lesen.

Heute warte ich einfach darauf, dass der Tag ein Ende hat, denn ich möchte schlafen.

Ich habe Heinz, den Schweizer wieder getroffen. Den, mit dem ich die lange Etappe nach Trabadello gegangen bin. Sein Urlaub ist um, er fliegt morgen wieder nach Hause.
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frodo hat zum Thema: Re: Ich bin wieder da geschrieben
frodo
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BeitragVerfasst am: 24.11.2008, 16:48    Titel: Re: Ich bin wieder da Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Donnerstag, 22.05.2008, De Ribadiso, 29 km

Endspurt! Morgen die Etappe ist doch noch mal 25 km lang, aber dann nur noch einmal 22 und einmal 19km. Aber irgendwie wiedersprechen sich meine Reiseplanungsutensilien. Nach dem Buch sind es nämlich noch 73 km. Es ändert sich dadurch nichts, also ist es egal. Heute habe ich einen netten Platz, eigentlich. Liege nahe bei der Badtüre und hoffe, dass die Leute nicht so viel trinken am Abend.

Es war doch recht regnerisch und ich habe ein paar Leute wiedergetroffen, die ich vor drei Tagen aus den Augen verloren hatte. Ist schon lustig manchmal. Da sitzt man so rum und auf einmal trifft man auf bekannte Gesichter.

Die Strecke ist doch nicht soooo einfach wie ich dachte, es ist zwar Landschaftlich sehr schön, aber es geht ständig Berg ab und auf. Und das nicht nur ein bisschen! Gestern hatte ich schönes Wetter, fast nur Sonne. Es ging durch Wälder mit großen Eukalyptusbäumen, Eichen und Pinien. Es hat sehr gut gerochen. Kaum in der Herberge angekommen, fing es an zu regnen und hörte bis zum Morgen auch nicht mehr auf. Zum Glück hatte ich meiner Wäsche eine Maschine und trockner gegönnt.

Hier gibt es nur die Herberge mit den Schlafräumen und nebenan ein kleines Restaurant. Da es so doll regnete, wollten alle Leute darin sitzen. Der Wirt war bemüht alle unter zu bringen. Hat alles an Tischen und Stühlen geholt, die er finden konnte. Es wurde laut und voll und die Luft war feucht, aber es war gemütlich und die Stimmung im Raum war gut.

Besonders leid tat mir die Schulklasse aus der Nähe von Solingen. Die hatten zelten wollen und sind dann um 21 Uhr in die Küche und den Aufenthaltsraum umgezogen. Die Kinder kommen aus einer Waldorfschule und gehen von Astorga bis Finestere. Sie sind 12-13 Jahre alt, gehen jeden Tag ca. 20 km und haben dann immer noch genug Energie um Fußball zu spielen und rum zu springen.

Bis Dienstag ist schlechtes Wetter angesagt. Mir kommt der Gedanke:“ Jeder wird in Santiago so empfangen, wie er es verdient hat?!?“


Freitag, 23.05.2008, Monte Gozo, 41,3 km

Dieser Tag war ganz anders als ich angenommen hatte dass er werden würde. Eigentlich wollte ich nur 23 km gehen, ganz in Ruhe und alleine.
Es hat so fürchterlich viel geregnet, ich war nass, es tropfte überall, meine Schuhe waren komplett durchweicht und der größte Teil meiner Kleidung auch. Mich hat es relativ wenig gestört, meine Gedanken waren: "Was soll`s, ist nicht zu ändern und bald bist du ja da."

Ich möchte jetzt ankommen, hab keine Lust mehr aufs Pilgern, auch wenn die Landschaft schön ist und mir das gehen recht leicht fällt. Am Morgen habe ich mit einem Engländer und einer Deutschen zusammen gefrühstückt und noch ewig lange Kaffee getrunken. Die zwei sind schon vor mir gestartet. Die Luft ist raus!

Unterwegs, nach Stunden, habe ich den Engländer wieder getroffen. Wir haben uns unterhalten (das ist anstrengend für mich, weil er schnell gesprochen hat und Antworten kann ich nicht so zügig, weil mir viele Worte fehlen und ich einiges umschreiben muss) und irgendwann ist uns aufgefallen, das wir wahrscheinlich an der Herberge vorbei gelaufen sind.
Es war total albern, weil wir genug hatten vom laufen, aber gesagt haben, „ auf dem Camino geht man nicht zurück!" Also, noch13 km weiter. Und das bei dem Wetter.

Im Regen wirkten die Wälder wie Märchenwälder. Wir haben vermutet, dass die Herberge in ihnen verschwunden ist. Die Bäume sahen aus wie Ents. Man kommt auf seltsame Gedanken, wenn man Stundenlang bei Regenwetter durch einsame Gegenden läuft.

Dann endlich, nach tausenden von Hügeln, Kurven und "gleich sind wir da, gleich hinter diesem Hügel/dieser Kurve", war "Monte Gozo" zu sehen. Der Berg der Freude. Ich konnte die Spitzen der Kathedrale erkennen. Ich war so froh und erleichtert dass ich nur noch 6 km vor mir hatte. Ich bin echt fertig mit pilgern.

Monte Gozo ist nicht schön, aber man kann gut schlafen dort und mehr wollte ich auch gar nicht. Es ist eine Massenunterkunft und kann über 800 Pilger aufnehmen. Außerdem gibt es dort Souvenirläden und ein Self-Service Restaurant. Wie auf dem Drachenfels habe ich so bei mir gedacht (bis auf die Unterkünfte), aber wo ist der Rhein? Mir fehlt Köln!!!
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frodo hat zum Thema: Re: Ich bin wieder da geschrieben
frodo
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BeitragVerfasst am: 24.11.2008, 18:35    Titel: Re: Ich bin wieder da Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Samstag, 24.05.2008, Santiago de Compostela

Juhu, ich bin da!

Ich kann nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war. Auf jeden Fall ein gutes, wenn auch gemischtes.

Empfangen wurde ich mit einem Regenbogen. Ist ja noch schöner als Sonnenschein.
Da habe ich mir ein Geschenk gemacht, besser hätte es gar nicht kommen können.

Als erstes habe ich meine Compostela bekommen. Im Pilgerbüro kann man seinen Rucksack deponieren und das habe ich auch getan. Es verleiht mir fast Flügel ohne ihn zu gehen. Die Stimmung hier ist so merkwürdig. Einerseits die Pilger, die teilweise 4 bis 6 Wochen, manche auch viel länger unterwegs waren und wie aus einer anderen Welt nach Santiago kommen und daneben die Tagestouristen, für die man teils eine zusätzliche Attraktion ist. Ich bin auch noch nicht so ganz wieder da. Ein bisschen noch Pilger und doch froh, morgen nicht zu laufen.

Ich war in der Pilgermesse. Es war sehr überwältigend. Die ganze Kirche ist gefüllt mit Pilgern aus der ganzen Welt. Alle Nationen der angekommenen Pilger wurden genannt. Ich fühlte mich persönlich begrüßt. Und zuletzt wurde tatsächlich der Botafumeiro geschwungen. Das kommt nur noch selten vor, bei besonderen Feierlichkeiten und wenn jemand dafür bezahlt.

Ich hab es doch geahnt, das es gut war gestern so weit zu laufen, sonst hätte ich es gar nicht zur Messe heute geschafft. Das ist das Ende der Pilgerzeit. Ich möchte nicht in Santiago bleiben. Jetzt brauche ich Ruhe, um diese Reise auch gedanklich zu beenden.

Mit dem Bus fahre ich morgen nach Finesterre und werde dort bleiben. Ich werde die Tage am Atlantik genießen können. Meine Stimmung ist gerade ziemlich schwankend, aber das finde ich nicht schlimm.
Mit einer Österreicherin, die ich in den letzten Tagen häufiger getroffen habe, teile ich mir ein Hotelzimmer.
Wir sind uns am Stadteingang wieder begegnet. Jetzt finde ich es gut, heute nicht alleine zu sein.


25.05.-29.05.2008, Finesterre


Um 9:00 Uhr heute morgen sind wir mit dem Bus nach Finesterre gefahren. Die Sonne scheint. 2 ½ Stunden dauert die Fahrt und wenn es noch länger gedauert hätte, wäre mir schlecht geworden. Die Strecke ist Kurvenreich und es geht ständig auf und ab. Die Gegend gefällt mir, es ist grün und hügelig und dazu passt der Sonnenschein, der blaue Himmel und der Nebel in den Tälern.

Wir haben ein nettes Hotel mit „Pilgerpreisen“ gefunden. Bei Vorlage des Pilgerausweises zahlt man einen Sonderpreis. Doppelzimmer mit Halbpansion 20€ pro Person.

Für die nächsten Tage ist Regen angesagt. Am Leuchtturm war ich, dort verbrennen einige Pilger ihre Kleidung. Sieht ein bisschen vermüllt aus. Aber es geht.

Das schönste ist sowieso das ich den Atlantik sehe! Mit den Füßen war ich schon drin, mehr wird es auch nicht werden.

Habe festgestellt, das der Strand an dem wir 1991 waren zu Fuß gut zu erreichen ist. Zwei Anläufe habe ich gebraucht um dort hin zu kommen. Beim ersten mal hab ich gedacht ich hätte mich verlaufen. Da habe ich nach dem Weg gefragt, war aber schon ziemlich erschöpft da ich viele Umwege gegangen bin. Die Leute haben mich zu meiner Unterkunft gefahren, weil ich doch noch ein weites Stück vor und hinter mir hatte.
Ich bin umgezogen und bewohne ein Zimmer einer Wohnung. Noch ein Zimmer ist vermietet und wir an einem Abend zusammen gekocht. Es regnet fast nur noch und ich bin froh, dass ich dieses Zimmer habe, besser als die ganze Zeit in einem Hotelzimmer oder Cafe zu sitzen. Außerdem ist es schön, das ich mich und meine Klamotten ausbreiten kann.

Mir war danach beim Essen ein bisschen mehr von mir und auch von meiner Alkoholabhängigkeit zu erzählen. Aber irgendwie waren nicht die richtigen Leute da. Gelegenheit gab es, denn ich wurde wieder gefragt, ob es einen besonderen Grund gibt, dass ich keinen Alkohol trinke, aber ich habe mich nicht so ganz wohl gefühlt in dieser Gesellschaft, also hab ich es gelassen.

Ganz kurz habe ich mir noch die kleinen Städtchen angesehen, in die wir damals immer zum einkaufen gefahren sind. Die haben sich natürlich sehr verändert. Souvenirs habe ich gekauft, vor allem „Tarta Santiago“, eine Mandeltorte. Das war schwierig, alles im Rucksack zu verstauen. Ich habe viel Handgepäck auf dem Rückflug.

Der Strand „Playa del Rostro“ (vom Urlaub 1991) war leider nicht mehr so schön. Es wurde dort zwar immer noch nicht gebaut, aber die Folgen der letzten Ölkatastrophe sind unübersehbar. Auf meinen Fotos habe ich nur schönes von diesem Strand mitgebracht, aber gesehen habe ich viel Müll, Ölklumpen und verendete Tiere.

Der Sandstrand ist weit entfernt von Städten und nur ein Dorf ist in Sichtweite. Er ist ca. drei Kilometer lang und auch damals sind kaum Menschen hier her gekommen. Das liegt an den gefährlichen Strömungen, es ist nicht besonders klug dort ins Wasser zu gehen. Aber vor 16 Jahren hatten wir noch keine Ahnung und uns keine Gedanken gemacht. Muss ja einen Grund geben dafür, das hier kaum jemand zum schwimmen her gekommen ist.

Am 29.05. habe ich um 7 Uhr den Bus nach Santiago genommen, mein Gepäck am Busbahnhof abgestellt und war dann noch ein wenig bummeln in der Altstadt. Ich freue mich, nach Hause zu kommen. Nach den ganzen Anstrengungen der letzten Pilgertage hat es mich nun auch erwischt, ich bin krank. Husten, Schnupfen, Fieber, ich hoffe dass die Rückreise ohne Probleme verläuft.

Auf dem Flughafen wieder lauter Bekannte, nette Menschen zu sehen, ein Geschnatter wie auf dem Geflügelhof.
Um ca.23 Uhr habe ich meinen Mann und die Kinder wieder gesehen und wir haben die halbe Nacht erzählt und Fotos angeschaut.

Als abschließendes Wort kann ich sagen, das war eine wichtige Reise für mich. Mit mehr Höhen als Tiefen. Ich bin wieder ein Stück gewachsen.
Als ich in Santiago angekommen bin, habe ich gedacht, einmal im Leben Pilgern reicht. Konnte nicht verstehen dass so viele Menschen den Pilgerweg mehrmals gehen, auch mehr als zweimal.

Jetzt, fast 6 Monate später denke ich: "Einmal Pilger, immer Pilger!?!"
Ich kann jederzeit wieder meinen Rucksack packen und auf die Reise gehen.
Und in Gedanken bin ich schon längst wieder auf dem Weg.
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frodo hat zum Thema: Re: Ich bin wieder da geschrieben
Timster
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 25.11.2006
Beiträge: 361

BeitragVerfasst am: 24.11.2008, 20:58    Titel: Re: Ich bin wieder da Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Liebe Frodo,

vielen Dank, dass du diese Reise mit uns geteilt hast. Das zu lesen ist sehr inspirierend.

Viele liebe Grüße,

Timster
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Timster hat zum Thema: Re: Ich bin wieder da geschrieben

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