birke neuer Teilnehmer
Anmeldungsdatum: 24.07.2008 Beiträge: 3 Alter: 45
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Verfasst am: 24.07.2008, 17:26 Titel: Vater war Alkoholiker - und jetzt bin ich Co-Abhängige |
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Hallo Zusammen,
ich bin hin und hergerissen, in welches Forum ich hier eigentlich reinpasse.
Ich bin die Tochter eines Alkoholikers. Mein Vater war hochgradig abhängig von Alkohol, von Medikamenten und auch von Nikotin. Er starb an seiner Sucht, als ich 18 Jahre alt war. Ich habe damals das ganze Programm miterlebt, vom Delirium tremens mit schwarzen Käfern über das tränenerstickte "ich höre auf, ich versprech's dir!" bis hin zur nächtlichen Herumkrakelerei meines volltrunkenen Vaters. Für meine Mutter kam eine Trennung nicht in Frage, was ich ihr lange Zeit nicht verzeihen konnte, inzwischen jedoch akzeptiert habe.
Das alles ist inzwischen 25 Jahre her, und es hatte den Anschein, dass ich aus diesem familiären Trauma mit einem blauen Auge davon kam. Nach größeren Anlaufschwierigkeiten und einer Phase mit Angstzuständen hatte ich einen tollen Job gefunden und fühlte mich gut.
Vor ein paar Tagen wurde mir jedoch klar, dass ich mich in der Beziehung mit meinem Lebensgefährten (wir leben seit acht Jahren zusammen) wie eine Co-Abhängige verhalte. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Donnerschlag, glaubte ich doch, meine schwierige Kindheit bewältigt zu haben (hatte hierzu auch einmal eine Therapie gemacht). Mein Lebensgefährte ist kein Alkoholiker. Er hat eine psychische Erkrankung, die er durch Medikamente sehr gut im Griff hat. Das ist auch nicht mein Problem. Mein Problem mit ihm war und ist seine Nikotinabhängigkeit. Klingt fast lächerlich, aber es wurde für mich von Jahr zu Jahr immer schlimmer. Ich bat ihn oft, mit dem Rauchen aufzuhören, erzählte ihm von meinem eigenen erfolgreichen Ausstieg vor 13 Jahren. Er versuchte es ab und zu, nur halbherzig.
Letzten Herbst erlitt er einen Herzinfarkt. Welch ein Schock! Die Hauptursache ist sein hoher Zigarettenkonsum. Gleichzeitig hat er Übergewicht. Ab da habe ich dann jedes Maß verloren, Himmel und Hölle in Bewegung setzen wollen, damit er mit dem Rauchen aufhört, mir die abstrusesten Strategien ausgedacht. Ich wollte (und will immer noch, ganz ehrlich) ihn mit allen, wirklich allen Mitteln von dieser Sucht und dem frühzeitigen Tod retten. Je mehr ich das will, um so mehr sträubt er sich dagegen. Es wurde zum reinsten Katz-und-Maus-Spiel. Wirklich irrsinnig, denn ich fragte mich oft: "Birgit, was machst du eigentlich, warum kannst du nicht loslassen?". Mir wurde allmählich klar, dass da mehr und mehr Erinnerungen aus meiner Jugend hochkamen, ich diese manchmal fast wie einen automatischen Reflex wiederholte. Ich wollte nicht, dass mir dasselbe wie mit meinem Vater noch einmal passiert. Diesmal wollte ich die Siegerin im Kampf gegen die tödliche Sucht sein.
Im März zog mein Freund auf meinen Wunsch vorläufig aus, aber es wurde nicht besser. Mein Freund immer wieder mal einen Versuch, mit den Zigaretten aufzuhören, aber bei der kleinsten Stresssituation wird er rückfällig. Er redet sich dann mit seiner psychischen Krankheit heraus, die es ihm besonders schwermache. Die Angst vor dem Tod, dem nächsten Herzinfarkt, die er sicher hat, verdrängt er so gut es geht.
Inzwischen bin ich so fix und fertig, dass ich nicht mehr will, gleichzeitig aber große Angst vor der endgültigen Trennung habe. Könnt ihr das verstehen? Ich stelle alles in Frage, seit ich erkenne, dass ich mich wie eine Co-Abhängige verhalte. In meiner Kindheit und Jugend war ich das fleißige und altkluge Kind, brachte immer Einser nach Hause, wurde von den Lehrern und später den Ausbildern und Vorgesetzten gelobt für meine Intelligenz, mein Know-How, meine Perfektion usw. Mir wird jetzt klar, dass dies eine Rolle ist, die ich durch meinen alkoholkranken Vater erlernt habe, und mittlerweile ist sie so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin.
Dazu muss ich sagen, dass ich vor sieben Jahren an Multipler Sklerose erkrankt bin. Das ist eine chronische Entzündung des zentralen Nervensystems, das sich u.a. in Sensibilitätsstörungen zeigt (Sensitivitätsstörungen, Gliedmaßen fühlen sich taub oder pelzig an). Man könnte fast sagen, dass sich die Unmöglichkeit, mich selbst zu spüren, bereits ins Körperliche festgesetzt hat.
Vielleicht ist hier unter euch auch jemand, dessen Situation ähnlich gelagert ist. Ich würde gerne wissen, wie ihr vorgeht, was ihr unternommen habt, oder immer noch unternehmt, um diesen Knäuel zu entwirren. Macht ihr Therapien? Wenn ja, welche? Gibt es gute Literatur?
Grüße
Birgit |
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Cari21 neuer Teilnehmer
Anmeldungsdatum: 13.06.2008 Beiträge: 98
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Verfasst am: 28.07.2008, 16:34 Titel: Re: Vater war Alkoholiker - und jetzt bin ich Co-Abhängige |
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Hallo Birke
Ich kenne dein Problem nur zu gut und kann auch gut verstehen, wie du dich fühlst.
Auch ich war jahrelang co-abhängig - bin es auch jetzt noch zum Teil, denn so einfach geht das leider nicht weg mit dem "Sich-Verantwortlich-Fühlen".
Auch das Hinterfragen seines bisherigen Lebens ist mir bestens bekannt. Somit kann ich dich da vielleicht etwas beruhigen.
Mein Rat ist: Am besten eine Therapie machen. Ich bin so froh, dass ich vor einem halben Jahr eine angefangen habe.
Das "im Griff haben" ist ein typisches Muster eines Co-Abhängigen.
Pass da also auf, dass du jetzt nicht in die Perfektionsfalle trittst. Dein bisheriges Leben hast du so bewältigt, wie du im Stande warst, es zu bewältigen und nun hast du dich eben weiterentwickelt und einen grossen Schritt gemacht. Trotzdem hast du zuvor nichts falsch gemacht. Nutze die Chance, dass du das alles für dich schon erkannt hast.
Denn jetzt wo du es weisst, kannst du Dinge Schritt für Schritt ändern. Es ist nicht einfach, die alten Muster loszuwerden, deshalb ist eine Therapie wirklich ratsam.
Bei Gelegenheit kann ich dir ja noch ein paar Sachen darüber erzählen, wenn du möchtest.
Bis dahin alles Gute |
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