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Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen

 
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Sandra_TG
neuer Teilnehmer



Anmeldungsdatum: 27.09.2005
Beiträge: 3

BeitragVerfasst am: 27.09.2005, 22:52    Titel: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo!

Ich will hier eigentlich meine Gedanken niederschreiben, weil ich sie irgendwie aus dem Kopf bekommen muss und will.

Seit ich denken kann hat mein Vater getrunken. Es hat schon angefangen, da war meine ältere Schwester noch ein Baby. Ich selber bin jetzt 25 Jahre alt. Er hat alles versoffen. Das Geld aus unseren Spardosen gestohlen. Dabei hatten wir sowieso so wenig. Meine Mutter musste arbeiten und er hat gesoffen. Ich kann mich nicht an viele Nächte erinnern, in denen meine zwei Schwestern und ich in Ruhe schlafen konnten. Jede Nacht Angstschweiß und Panik, ob er wieder ausrasten wird. Er hat meine Mutter geschlagen - wirklich auf´s Übelste geschlagen. Er hat die Haustür aufgemacht und schon ging es los. Ohne ein Wort zu sagen oder irgendetwas. Die Tür ging auf und er schlug los ohne Rücksicht auf irgendetwas. Wir Kinder hatten geweint und geschrien, wollten dazwischengehen...aber wir hatten keine Chance. Wir haben geschrien und sind zu den Nachbarn gelaufen und haben gebettelt das sie uns helfen. Dabei musste meist eine von uns zurückbleiben, damit er die Wohnung nicht zusperren konnte. Wir hatten soviel Angst, dass er sie erschlagen wird. Manchmal hat sich meine Mutter zu uns Kinder ins Bett gelegt. Wir haben so getan als würden wir schlafen und haben so gehofft, dass er uns in Ruhe lässt. Aber er hat sie rausgezeert aus dem Bett. Wir haben ihn angefleht, dass er aufhören soll, aber er hat es nicht getan. Er hat sie rausgeprügelt. Sie hat so geweint....und er hat weiter hingetreten. Er hat sie vergewaltig und wir mussten es sehen. Er hat sie während er sie vergewaltigt hat brutalst behandelt. Diese Sau.

Oft war die Polizei da mitten in der Nacht. Sie haben ihn mitgenommen und wenige Stunden später wieder gebracht. Dann war es aber immer nur schlimmer. Dann mussten wir büßen dafür. Er wollte sie erschießen, zum Glück hatte die Nachbarin gesehen, wie er mit dem Gewehr nach Hause gekommen war. Sie hat es uns sofort gesagt. Wir haben die ganze Wohnung abgesucht. Unter seiner Matratze hat er es hingelegt. Einmal hat er auf sie geschossen. Einmal hat er meiner kleinen Schwester die Pistole an den Kopf gehalten. Wir konnten nicht bei Freunden schlafen, da wir nicht wussten, was in der Nacht wieder alles passiert.

Als ich dann ca. 15 Jahre alt war, kam die Scheidung. Wir hatten Angst. Er hat immer gesagt, wenn ich euch nicht haben kann, dann auch niemand anderer. Er wollte uns umbringen. Er hat uns aufgelauert. Dabei hat er meine Mutter einmal erwischt. Er hat sie in den Wald gezerrt, vergewaltigt und gewürgt und geschlagen. Sie hat irgendwie fliehen können. Es war so schlimm. Er hat uns immer wieder heimgesucht.

Wir wünschten diesen Menschen den Tod.

Cirka 1 Jahr nach der Scheidung war endlich Ruhe. Er ist weggezogen. Wohnte ca. 150 km weg von uns. Meine Muter lerne einen Mann kennen. Er ist das pure Gegenteil von meinem Vater. Meine Schwestern und ich leben unser Leben, eigentlich ein gutes Leben. WIr haben alles im Griff und auch sehr glückliche Beziehungen. Zukunftspläne und alles geregelt. Es geht uns wirklich gut.

Mit meiner Vergangenheit habe ich soweit abgeschlossen. Zu meinem Vater seit ca. 9 Jahren keinen Kontakt mehr. Einmal - vor ca. 4 oder 5 Jahren - war er mit seiner neuen Lebensgefährtin in meiner Nähe. Ich fühlte mich unwohl, es ging mir plötzlich wieder schlecht. Das Gefühl von damals war wieder da. Aber ich wusste, er kann mir nichts mehr tun. Hätte er es gewagt, ich hätte ihn getötet. Aber ich wusste, er konnte uns NICHTS mehr anhaben. Er war schwach und ich war stark und trotzdem war es ein mieses Gefühl.

Gestern am 26.09.2005 habe ich erfahren, dass mein Vater am 16.09.2005 gestorben ist. Er ist alleine gestorben im Krankenhaus. Seine Lebensgefährtin hat sich nicht um ihn gekümmert. Sie hatte ihn am 07.09.2005 ins Spital gegeben (er war angeblich bereits ans Bett gebunden). Sie selber hat nicht mitgekriegt, dass er gestorben ist. Es ist ihr erst einige Tage später aufgefallen. Sie ist ein Miststück schon immer gewesen. Er hat angeblich nichts mehr mitbekommen, da er wegen den Entzugserscheinungen vollkommen niedergespritzt war. Er war 46 Jahre.

Er bekommt so etwas wie ein Armenbegräbnis. Meine Schwestern und ich werden hinfahren. So sehr ich ihn hasse oder gehasst habe, dass wollte ich nicht. Niemand soll so sterben müssen.

Ich hätte ihn trotz allem noch einmal gern gesehen, Fragen an ihn gestellt und damit abschließen. Das geht nun nicht mehr. Jeder weiß, dass er sterben wird, wenn es soweit ist. Ich möchte wissen, was seine Gedanken waren. Seine Gedanken über das was er getan hat und seine Gedanken über sein Leben und unser Leben.

Wiedermal ein schlimmes Gefühl. Ich wünschte mir so oft seinen Tod. Noch vor 10 oder 15 Jahren hätte ich mich wahrscheinlich gefreut. Es wäre eine Befreiung gewesen.

Und jetzt stehe ich da und weiß nicht was ich denken soll. Warum tun Trinker anderen Menschen soetwas an?

Sandra
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Sandra_TG hat zum Thema: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen geschrieben
Teddy
neuer Teilnehmer



Anmeldungsdatum: 17.07.2005
Beiträge: 145
Wohnort: Freistaat Bayern

BeitragVerfasst am: 28.09.2005, 01:37    Titel: Re: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Weißt Du Sandra,

dieses Gefühl daß man jemandem etwas hätte sagen müssen, ihm vieles erklären bzw. mit ihm klären hätte müssen ist mir bestens bekannt, Du wirst dieses Gefühl noch lange und immer wieder in Dir verspüren, allerdings werden die Jahre das ganze doch etwas abschwächen.

Als mein Vater vor 10 Jahren starb war er vorher im Krankenhaus, wollte allerdings nicht dort bleiben sondern zu Hause, wo er sich wohl fühlte, diesen Wunsch haben wir, seine Familie, ihm erfüllt und da er nicht wollte daß er ständig von fremden Personen umgeben ist wollte er daß wir selbst ihn pflegen.

Ich habe ihm damals, als er die Schmerzen bekam, nach ärztlicher Anweisung die täglichen Spritzen gegen die Schmerzen gegeben weil er niemanden anders um sich herum haben wollte. Zum damaligen Zeitpunkt war er bereits durch die Schmerzmittel aus dem Krankenhaus ziemlich betäubt und konnte zum Schluß den ganzen Tag nicht mehr sprechen und wahrgenommen hat er auch nicht mehr viel was um ihn herum geschah.

Ich hatte dann, nachdem er zu Hause gestorben war, mir immer wieder Vorwürfe gemacht warum ich denn dieses und jenes nicht rechtzeitig mit ihm besprochen hatte oder überhaupt gewisse Themen und Probleme mit ihm abgeklärt hatte.

Mit der Zeit bin ich allerdings so weit daß ich sagen muß es muß alles auf Gegenseitigkeit beruhen, daß noch so vieles zwischen ihm und mir im Unklaren ist, bis heute, weil ich ja nicht mehr mit ihm reden kann darüber, das lag nicht nur an ihm sondern auch an mir und umgekehrt, also es lag an uns beiden. Wir hätten schon immer besser und intensiver aufeinander zugehen und mehr miteinander reden müssen, aber ich sage Dir was, wenn man sich diese Gedanken immer und immer wieder vor Augen hält dann kommt man zu keinem anderen Schluß als daß es immer von beiden Seiten kommen muß, der eine, der auf den anderen zugeht, und der andere, der dies auch zuläßt.

Wenn Du Dir diesbezüglich hier also Vorwürfe machen solltest, ich denke daß solltest Du schnell ablegen, denn sonst wird Dich das zerstören, irgendwo muß man Farbe bekennen und die Realität so sehen wie sie ist. Es gehören zu Gesprächen immer zwei dazu, einer alleine kann schlecht diese Dinge klären. Ich hoffe mal daß Du mit den Jahren genauso weit kommen wirst wie ich und wie viele andere auch, nämlich daß für Dich jetzt die Zeit gekommen ist mit der Sache reinen Tisch zu machen und damit abzuschließen, es kam wie es kommen mußte, da kann keiner von Euch beiden alleinig dafür verantwortlich gemacht werden.

LG
Teddy
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Teddy hat zum Thema: Re: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen geschrieben
chrissyta
sehr aktiver Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Weiblich
Anmeldungsdatum: 23.03.2005
Beiträge: 1053
Wohnort: BW

BeitragVerfasst am: 28.09.2005, 10:22    Titel: Re: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hallo sandra,

willommen hier im forum.

das sind wirklich schlimme erfahrungen die du in deiner kindheit machen musstest. trotzdem hast du dein eigenes leben so gut auf die reihe gebracht, ich finde dieses erstaunlich.

wenn man älter ist denkt man anderst und da kommt einem diese und jene frage, die man gerne nochmal gestellt hätte, aber über diese fragen denkt man erst nach, wenn es zu spät ist und diese nicht mehr beantwortet werden können. auch ich hätte heute noch fragen an meinen vater, aber diese sind mir auch erst gekommen als er sie mir nicht mehr beantworten konnte. aber heute denke ich vielleicht hätte er meine fragen auch gar nicht beantworten können, weil er selbst auf vieles was geschehen ist keine antwort gehabt hätte. genauso solltest du jetzt denken. dein vater hat im betrunkenen zustand so reagiert, ich denke er hätte dir niemals sagen können warum er das getan hat.

ich habe für mich meine antworten gefunden warum mein vater vieles getan hat was für uns kinder nicht gut war, mir hat es geholfen, dass ich mir sein leben einmal etwas genauer angesehen habe. ich habe auch oft hass gespürt, aber heute habe ich frieden geschlossen, mir hat hier eine verhaltenstherapie geholfen in der ich meine kindheit aufgearbeitet habe.

du stellst dir heute sehr viele fragen wie z.b. warum tun trinker so etwas anderen menschen an. es gibt viele dinge die in einem verborgen schlummern und wenn dann alkohol dazu kommt, dann kommen diese dinge zum vorschein, denn alkohol enthemmt.

lg
chrissyta
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chrissyta hat zum Thema: Re: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen geschrieben
Sonnenblume
Gast






BeitragVerfasst am: 09.11.2005, 22:04    Titel: Re: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo
Ich bin 24 Jahre alt.
Mein Vater ist vor genau einer Woche gestorben.
Er war auch Alkoholiker, über 10 Jahre lang, er hat sich tot getrunken. Vor 1 1/2 Jahren hat sich meine Mutter getrenn, nachdem wir alle 2 Therapien und mehrere Entgiftungen mitgemacht haben! Er war nie gewalttätig aber es war trotzdem die Hölle, es war schrecklich seinen Absturz zu sehen. Führerschein weg, Arbeitsplatz weg.... dann die Trennung meiner Eltern und dann hat mein Vater sich völlig aufgegeben, jetzt ist er tot und ich wünsche mir diesen Vater zurück, so wie er war als ich noch jünger war. Es tut so weh und auch ich frage mich, warum das alles so kommen musste?
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Sonnenblume hat zum Thema: Re: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen geschrieben
Laurina5
neuer Teilnehmer



Anmeldungsdatum: 08.06.2005
Beiträge: 303
Wohnort: Hamburg

BeitragVerfasst am: 09.11.2005, 23:33    Titel: Mein Vater hat sich tot gesoffen Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Mein Vater hat sich auch tot gesoffen, er ist allerdings dabei fast 74 Jahre alt geworden. Ich kenne diese Ängste, wenn sie sich angeschrien haben und wir Kinder uns schlafen gestellt haben. In seiner Gegenwart durften wir keinen Apfel essen, dann flippte er aus. Er hat mich als Kind samt Badewanne umgekippt. Meine Mutter beschimpte er als H.. Wir wurden als Kinder verachtet, niemand wollte mit uns etwas zu tun haben. Auch ich konnte meinen Vater nicht mehr fragen, er war in russischer Gefangenschaft und hatte dort Erfahrungen gemacht, die er psychisch nicht verkraften konnte. Ich habe ihn oft im Traum gesehen, als er sich noch einmal umsah und dann seines Weges ging. Ich habe um ihn geheult und viele Fragen gehabt, dennoch musste ich ihn gehen lassen, es war sein Leben, er konnte es nicht besser. Letztlich habe ich ihm verziehen und gehen lassen. Du schreibst, die Lebensgefährtin ist ein
Miststück, auch sie ist ein Mensch, der womöglich keine Kraft mehr hatte, und ihn genauso wie Du gehasst hat, weil sie das Leben mit ihm nicht mehr ertragen konnte und seinen Tod wünschte. In ihrer Gegenwart ist nun der Tod tatsächlich eingetreten, darum verdamme und verachte sie nicht, sie hat ihre eigene Geschichte und muss damit zurechtkommen.
Ihr habt den Vater nicht retten können, sie auch nicht. Laß allen Haß los, er behindert Dich für Dein Leben. Dein Vater war derjenige, der sich für den Alkohol entschieden hat. Ganz viel Kraft wünscht Dir Laurina
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Laurina5 hat zum Thema: Mein Vater hat sich tot gesoffen geschrieben
Nightwalker
Gast






BeitragVerfasst am: 14.11.2005, 15:50    Titel: Re: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

mein vater ist auch alkoholiker , aber "noch" unter den lebenden.
hört sich ironisch an , ich weiß.

ich werde sicherlich weinen , wenn tag "x" gekommen ist , aber damit werde ich es belassen. denn mein vater war / ist uneinsichtig. ihm war gar nicht klar , wie sehr er das leben der familie kaputt gemacht hat.
ich habe es als kind nie verstanden , warum meine mutter sich hat nie scheiden lassen oder es zumindestens versucht hat um ein zeichen zu setzen.
klar , heute bin ich schlauer.
aber eine kaputte bzw. eine zurückgezogenen kindheit bringt der tod auch nicht zurück.

ich hoffe nur , das , wenn es mal soweit ist , meine mutter sich den rest ihrer tage noch richtig schön macht und zumindestens das , was noch machbar ist , nachholt.

es hört sich krass an , ich weiß.
aber dies ist meine einstellung zu dem ganzen.
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Nightwalker hat zum Thema: Re: Mein Vater hat sich zu Tode gesoffen geschrieben

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