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Wann ist es denn vorbei?

 
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Verstehen!   •    Angst um meinen Vater  
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borealis
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BeitragVerfasst am: 15.01.2008, 11:21    Titel: Wann ist es denn vorbei? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo aus Köln!

Ich habe durch zielloses Surfen vorgestern ein paar Web-Seiten zum Thema "adult children of alcoholics" gefunden und habe angefangen, zu lesen. Ich war nicht wenig erstaunt darüber, dass das was ich mit meiner Therapeutin gerade bespreche, dort ziemlich genau beschrieben wurde! Einerseits war es eine Erleichterung, endlich das Kind mit einem Namen nennen zu können, aber andererseits hat meine Eitelkeit eine Delle reingefahren bekommen. Ich bin also doch nicht so speziell mit meinen Problemen wie ich dachte Geschockt

Im Vergleich zu anderen hier im Forum bin ich in einer ziemlich glücklichen Situation, weil ich mich bereits losgerissen habe und starke Co-Abhängigkeiten nicht mehr bestehen. Ich habe dafür aber auch einen relativ hohen Preis zahlen müssen. Hier kommt also meine Geschichte.

Mein Vater war Alkoholiker, meine Mutter hat an ihm gehangen wie ein Fisch am Angel. Er wurde auch ziemlich aggressiv als er trank und ich weiß noch, wie meine Mutter immer eine Tasche für Übernachtung bei Verwandten bereit hatte. Als Kind dachte ich, das sei normal, aber mit ca. 14 wurde mir bewusst, dass alles bei uns nicht glatt läuft. Es hatte mit Sicherheit viel damit zu tun, dass meine Mutter sich bei mir ausheulte wie viel Angst sie vor meinem Vater hat und dass das der Grund ist, warum sie bei ihm bleibt. Ich wollte nicht mehr zu Hause bleiben. Von meiner Mutter wusste ich schon, dass man nicht zu Hause bleiben muss wenn es einem nicht gefällt und somit habe eine wahre Hobbyoffensive gestartet: Montags Chor, dienstags Klavierunterricht, mittwochs Musiktheorie, donnerstags Jugendgruppe, freitags sonstnochwas... Der Grund dafür war, dass ich nicht nach Hause musste als ich abends was vor hatte. Ich habe bei Verwandten und Freunden übernachtet, da mein Elternhaus ca. 30km weg von der Stadt lag und man nach 17 Uhr nicht mehr mit dem Bus dorthin fahren konnte. In der Zeit wurde ich ziemlich selbstständig, war aber trotzdem in einer relativ sicheren Umgebung. Abgesehen von der Haushalt meines Halbbruders, der auch ein schweres Alkoholproblem hatte.

Am Ende der Grundschule (mit 16) hatte ich die Schnauze endgültig voll und wollte nur noch weg. Meine Mutter hat mir vorgeschlagen, eventuell ein paar Gymnasien auszusuchen, wo man international anerkanntes Abitur machen kann und ich habe mich an die Arbeit gemacht. Nach ein paar Bewerbungen und Eignungstests hatte ich einen Platz in einem Gymnasium 160 km weg von meinem Elternhaus. Das erste Jahr dort war einfach unglaublich. Ich hatte es bis dahin einfach nicht erlebt, wie es ist wenn man Freunde hat, man immer nach Hause gehen kann ohne Angst dass jemand dort gerade verprügelt wird. Es war herrlich. Leider habe ich aber sonst den Chaos aus meinem Elternhaus mitgenommen; meine Schulleistung war nicht mal ansatzweise die, die es gewesen wäre wenn ich mich ein bisschen auf die Schule konzentriert hätte.

Der erste Weihnachten im Gymnasium wurde ein Alptraum; mein Vater war so aggressiv dass die Polizei ihn abgeholt hat und wir haben ihn am nächsten Vormittag in einer psychiatrischen Klinik getroffen. Wir alle, meine Mutter, mein Bruder und ich haben ihn so weit eingeschüchtert dass er sich bereit für Klinikaufenthalt erklärte. An dem Tag musste er aber noch mit uns nach Hause weil die Zentralheizung versagt hatte und es draußen -30 Grad war. Später ist er auch nicht in die Klinik gegangen und kurz danach beschloss meine Mutter, die Scheidung zu beantragen. Danach ging es bei meinem Vater den Berg herunter; er fuhr den Familienbetrieb gegen die Wand zwei Wochen vor die Scheidung durch war und kümmerte sich um nichts mehr. Die Zeit war sehr belastend für alle. Für mich auch, weil ich Schuldgefühle wegen nicht-da-sein hatte. Alles, was in der Zeit abflief, hat meine Mutter mir brav erzählt. Wie mein Vater sie mit einem Messer gejagt hat, wie sie dort nur für ihre Söhne alles mitmacht... Nach der Scheidung und dem Konkurs hat meine Mutter den Betrieb gekauft und fuhr alles weiter wie es gewesen war, nur ohne meinen Vater.

Meine Reise ging weiter: Armee in der Heimat, danach Österreich, England, und jetzt Deutschland. Meine Heimat verließ ich im Januar 2000 aber kam mir immer vor, als hätte ich etwas verloren. Naja, das ist erstmal egal. Es muss schliesslich weiter gehen. Das Ankommen klappte nicht. Projekte klappten nicht. Mein Studium habe ich geschafft, aber nur gerade so. Die ersten Arbeitserfahrungen habe ich gesammelt, aber bin wieder auf der Jobsuche weil ich mich nicht meiner idiotischen Chefin anzupassen wusste. Ich bin 1.700 km weg von meiner Mutter, und trotzdem noch wie gefesselt davon was dort in meiner Kindheit ablief. Nach innen gelebte Co-Abhängigkeit? Ausserdem bin ich natürlich nicht gut genug, für nichts zu gebrauchen.

Mit meiner Flucht nach vorne habe ich vieles gewonnen, aber auch einen sehr hohen Preis gezahlt. Da ich menschliche Nähe nicht aushalten kann und meine Familie aus einem guten Grund in Distanz halte, bin ich manchmal enorm einsam. Gute Freunde habe ich, und über sie bin ich auch sehr dankbar... sonst würde ich durchdrehen.

Ich muss noch zurück kommen und ein bisschen erzählen, wie es mir bei dem ganzen ging. Ich merke, dass ich die Umstände penibel beschrieben habe und meine eigene Rolle und Gefühle einfach weggelassen habe. Aber das kommt erst morgen.
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borealis hat zum Thema: Wann ist es denn vorbei? geschrieben
summerdream
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Beiträge: 6709

BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 03:04    Titel: Re: Wann ist es denn vorbei? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

hallo borealis

herzlich willkommen hier!

hm... irgendwie hab ich dich so verstanden, dass du am nexten tag weiterschreiben wolltest, speziell über deine gefühle und empfindungen.

auch wenn du etz nur die fakten geschildert hast, es hört sich alles ziemlich heftig an, wenn ich es mal so nennen darf.

würde mich freuen nochmal von dir zu lesen!

liebe grüße
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summerdream hat zum Thema: Re: Wann ist es denn vorbei? geschrieben
borealis
neuer Teilnehmer


Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Anmeldungsdatum: 14.01.2008
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Alter: 33
Wohnort: Köln

BeitragVerfasst am: 22.01.2008, 02:18    Titel: Re: Wann ist es denn vorbei? Antworten mit Zitat Beitrag dem Moderator/Admin melden

Hallo summerdream, danke für deine Nachricht!

Ein paar Tage sind vergangen nach meinem ersten Eintrag hier. Ich hatte echt viel zu tun und kam einfach nicht dazu, meine Geschichte weiter zu schreiben. Ich erwähnte bereits dass ich auf der Jobsuche bin, was aber hoffentlich bald vorbei ist. Letzte Woche gab's vier Vorstellungsgespräche und das Feedback war ziemlich positiv... Einen Vertrag habe ich zwar noch nicht, aber ich hoffe dass diese Woche Klarheit zu der Sache bringt. Zu den Vorstellungsgesprächen kam mein Geburtstag, der natürlich gefeiert werden musste. Am Samstagabend gab's eine Party bei mir die natürlich auch organisiert werden musste, was aber eine sehr lustige Angelegenheit war.

Zurück zu meiner Geschichte: Ich glaube, es ist klar geworden dass ich sehr auf Distanz gegangen bin was meine Familie betrifft. Mit meinem Vater hatte ich keinen Kontakt vor er starb und mit meiner Mutter telefoniere ich auch nicht sonderlich häufig. Man könnte sagen, dass wir uns auseinander gelebt haben... Sie wohnt seit Jahrzehnten in einem Dorf in Finnland und ich bin seit Jahren quer durch Europa unterwegs. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der wirkliche Grund für meine Distanzierung von meiner Familie ist die Tatsache dass die Situation für mich nicht mehr erträglich war. Meine Mutter hat sich immer als die Heldin ihrer Kinder dargestellt und hat mich so stark beeinflusst, dass ich am Ende gar keinen Kontakt zu meinem Vater haben wollte. Sie hatte gute Gründe zu ihrem Verhalten; das war ihre Art, mit ihrer kaputten Ehe klar zu kommen. Leider hat sie sehr wenig Rücksicht darauf genommen, dass sie die kaputte Ehe mit meinem Vater geführt hat und mein Vaterbild mit ihrem Verhalten komplett zerstört hat.

Es ist nicht einfach, ein Verhältnis zu einem verstorbenen Elternteil neu aufzubauen. Ich habe aber zum Glück eine wunderbare Psychotherapeutin gefunden die mich sehr gut dabei unterstützt. Egal ob mein Vater alkoholiker war oder nicht, er war und ist immer noch mein Vater. Einen Vater braucht jeder. Bei mir hat es nur 28 Jahre gedauert bis ich das sagen konnte und verstand, dass das keine Schwäche ist. Mittlerweile bin egoistisch genug, um das sagen zu können. Lange dachte ich, dass solche Gedanken unloyal meiner Mutter gegenüber sind. Da ich damit ihre Show zunichte mache, stimmt es natürlich auch. Es geht aber dieses Mal nicht um meine Mutter, sondern um mich. Wie meine Eltern miteinander umgegangen sind, war absolut grausam und es tut weh, zwei falsch gelebte Leben so nach verfolgen zu müssen. Es kann aber nicht den Rest meines Lebens um meine Eltern gehen. In meinem Leben muss ich an der ersten Stelle kommen.

An diesem Punkt bin ich jetzt. Ich muss mein Familiensystem von Grund auf neu aufbauen, um eine stabile Basis für die nächsten Jahrzehnte zu haben. Ich nehme das mit, was ich als positiv bewerten kann und versuche, den Rest zu verarbeiten. Mal sehen, wie ich damit weiter komme... Fortsetzung folgt auf jeden Fall.

Liebe Grüße an die Leser,
borealis
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borealis hat zum Thema: Re: Wann ist es denn vorbei? geschrieben

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